Im Kino: „Bright Star“

Ein schönes Ding bedeutet ewige Freude

Von Andreas Kilb
22.12.2009
, 10:51
Ben Whishaw und Abbie Cornish kosten die Süße der Poesie
In „Bright Star“ verliebt sich John Keats, der größte lyrische Dichter der englischen Sprache, in die achtzehnjährige Fanny Brawne. Fast nichts an Jane Campions romantischem und traurigem Film ist erfunden, die Liebe nicht und auch nicht der Tod.
ANZEIGE

Die Tuberkulose wird in der Regel durch Tröpfcheninfektion übertragen. Der Erreger, das stäbchenförmige Mycobacterium tuberculosis, setzt sich in den Lungenbläschen fest und zerfrisst sie. Im fortgeschrittenen Zustand wird das zerstörte Gewebe über die Bronchien ausgehustet, bis sich die Lunge des Kranken buchstäblich aufgelöst hat. Seit der frühen Neuzeit breitete sich die Seuche besonders in den Städten Europas mit rasender Geschwindigkeit aus. In England ging um 1800 jeder vierte Todesfall auf ihr Konto. Bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts war Tuberkulose medizinisch unheilbar.

ANZEIGE

Hampstead, ein Vorort von London, im Herbst 1818. Die Witwe Brawne besucht mit ihren drei Kindern ihren neuen Nachbarn, den Dichter Charles Brown. Fanny, ihre älteste Tochter, legt sich halb im Spaß mit Brown an. Ihre selbstgenähten Kleider, sagt sie, seien mehr wert als gereimte Kritzeleien. Sie solle sich lieber nützlich machen, entgegnet Brown, und seinem Freund John Keats einen Tee bringen. Keats, ebenfalls Poet, sitzt eine Weile verschnupft im Hinterzimmer, dann schließt er sich der Gesellschaft an. Die kleine Brawne, wird er später einem Freund schreiben, sei furchtbar ungebildet und im Profil schöner als von vorn, ihre Hände seien recht übel und ihre Füße erträglich, aber ihre Bewegungen graziös. Und Fanny Brawne wird ihre Geschwister zum Buchhändler schicken, um John Keats' Versepos „Endymion“ zu kaufen. Ein Ladenhüter, von der Kritik verhöhnt. Aber eine Zeile darin lässt Fanny nicht mehr los: „A thing of beauty is a joy forever“. Ein schönes Ding bedeutet ewige Freude. Sie lernt die Verse auswendig.

Der Tod ist von Anfang an im Spiel

In Melodramen gibt es immer einen Dritten, gegen den die Liebenden kämpfen, um ihre Liebe zu retten. Dieser Widersacher muss keine Person sein; eine äußere Macht, ein historisches Ereignis tun es auch. In „Vom Winde verweht“ ist es der Amerikanische Bürgerkrieg, in „Doktor Schiwago“ die russische Revolution. In Jane Campions Film „Bright Star“, der Liebesgeschichte von Fanny Brawne und John Keats, ist es der Tod. Nicht der heldenhafte Tod auf dem Schlachtfeld. Sondern der langsame, grausame, jämmerliche Tod im Krankenbett.

Gerangel im Wald: Der Dichter und sein Nebenbuhler
Gerangel im Wald: Der Dichter und sein Nebenbuhler Bild: Tobis

Er ist von Anfang an im Spiel. Aber man sieht ihn nicht, oder nur wie in einem trüben Spiegel. Eines Tages läuft die neue Freundin des Dichters mit ihm in ein Elendsquartier in der Stadt, wo Johns kleiner Bruder Tom sein kurzes Leben aushustet. Es ist ein Schnappschuss aus der Hölle. Fanny hat für Tom einen Kuchen gebacken. Ein paar Tage später ist er tot. Dann verlischt das Jahr 1818, John Keats verbringt Weihnachten bei den Brawnes und gibt Fanny Nachhilfestunden in Poesie, und im Frühling sind die beiden ein Paar.

ANZEIGE

Kein echtes Liebeshindernis

Die Kraft des Melodrams wächst mit den Widerständen, die die Liebe überwinden muss. In „Bright Star“, anders als in einer Jane-Austen-Verfilmung, sind sie erstaunlich gering. Keats (Ben Whishaw) hat kein Einkommen, das weiß auch die Witwe Brawne (Kerry Fox), aber die Vorhaltungen, die sie ihrer Tochter macht, wirken halbherzig und milde: Schließlich könnte der erfolglose Dichter, allen Kritiken zum Trotz, doch noch den Durchbruch schaffen. Auch Keats' Gefährte Brown (Paul Schneider), den der Film eine Zeitlang als Störenfried aufbaut, stellt kein echtes Liebeshindernis dar. Der Gipfel seiner Intrigen ist ein schlüpfriges Briefchen, das er anonym an Fanny schickt, worauf ihm der eifersüchtige Dichter im Wald eine Szene macht. Brown hält sich schadlos, indem er das Küchenmädchen der Brawnes schwängert. Der Mann ist wirklich kerngesund.

Und so nimmt das Glück seinen Lauf. Die Vögel singen mit den Geigen des Soundtracks um die Wette, während der Dichter seiner Angebeteten von einem Traum erzählt, in dem er die Lippen „eines bezaubernden Wesens“ berührte. „Waren es meine Lippen?“, fragt Fanny, dann küsst er sie. Später sitzen die beiden in einem Raum voller Schmetterlinge, die sie engelsgleich umschwirren, und noch später haben sich die Falter in Worte eines Briefs verwandelt, den Fanny in einem Meer von blau blühenden Wiesenblumen liest. „Ich wünsche beinahe, wir wären Schmetterlinge und lebten nur drei Sommertage“, schrieb der wirkliche John Keats an die wirkliche Fanny Brawne aus seinem Arbeitsurlaub auf der Insel Wight, am 1. Juli 1819.

ANZEIGE

Frauen, die sich haltlos verlieben

Denn fast nichts an der Geschichte, die „Bright Star“ erzählt, ist erfunden. John Keats, der größte lyrische Dichter der englischen Sprache, hat sich tatsächlich im Jahr 1819 in die achtzehnjährige Fanny Brawne verliebt, und Fanny hat seine Briefe bis zu ihrem Lebensende aufgehoben und an ihre Kinder weitervererbt. Als sie 1878 publiziert wurden, lösten sie einen Aufschrei in der inzwischen entstandenen Keats-Gemeinde aus. Der Dichter der „Ode an eine Nachtigall“ und der „Belle Dame sans Merci“ war, wie man nun erfuhr, ein Wesen aus Fleisch und Blut und kein ätherischer Musensohn gewesen, er hatte sein Herz einem Mädchen aus der Nachbarschaft geschenkt und ihr sogar eines seiner schönsten Gedichte gewidmet: „Bright Star“. Es ist das Sonett vom Fixstern, den der Dichter um seine Stetigkeit beneidet. Wäre ich wie du, sagt er zu dem Gestirn, hinge ich nicht als Nachtlicht am Himmel, sondern läge an der Brust meiner Liebsten, um ewig dort zu leben, „or else swoon to death“ - oder im Tod zu vergehen.

Dies ist die Geschichte, sagt Jane Campion, nach der sie schon lange gesucht hatte. Die Geschichte, so muss man ergänzen, die sie seit dem „Piano“ in immer neuen Konstellationen ausprobiert und doch nie richtig zustande gebracht hat. Auch das „Porträt einer Lady“ und der seltsam unfertige New-York-Thriller „In the Cut“ waren ja Filme über Frauen, die sich haltlos verlieben. Aber es waren Opfergeschichten, Storys von Verliererinnen. In Fanny Brawne hat Campion jetzt die erste Figur gefunden, die sich neben Holly Hunters Ada aus dem „Piano“ behaupten kann.

Zwischen Trotz und Hingabe zerrissen

Auch Fanny ist eine Frau, die durch einen Mann zum Klingen gebracht wird. Doch die Melodie, die sie dann spielt, ist ihre eigene. Und Abbie Cornish verkörpert dieses Erwachen mit so viel Einfühlung in die zwischen Trotz und Hingabe zerrissene Seele eines englischen Biedermeiermädchens, dass man ihr gar nicht genug dabei zuschauen kann. Manchmal scheint es, als wäre der schlaksige Keats nur eine Ausgeburt ihrer Phantasie, ihrer Sehnsucht nach dem ganz anderen, von Klassenmoral und Etikette befreiten Leben. Aber dann zerbricht das Traumgebilde ihrer Wünsche so rasch, wie es entstanden ist.

ANZEIGE

In dem Winter, der auf den Sommer der Liebe folgt, kehrt der Dichter eines Abends zitternd vor Kälte aus London nach Hampstead zurück. Die Szene, wie Keats nach einem Hustenanfall einen Blutstropfen in seinem Taschentuch entdeckt und ausruft, dies sei sein Todesurteil, ist in der Literaturgeschichte berühmt. Bei Jane Campion hört und sieht man von ihr nur, was Fanny Brawne damals gesehen hat: Lichter im Flur, aufgeregte Stimmen, Schritte, Schüsseln voller Blut. Es dauert Wochen, bis Fanny begreift, dass ihr Geliebter, von dem man sie fernhält, um seine Nerven zu schonen, sterben wird. Die Zimmerwand, an der sie auf ein Klopfen von ihm horcht, ist schon aus Sargholz geschnitzt. Als Keats aus Geldnot in ein Zimmer in der Stadt ziehen muss, schleppt er sich mit letzter Kraft zu Fannys Haus zurück. Jetzt hat auch die Witwe Brawne nichts mehr gegen die Verlobung der beiden einzuwenden. Dass die Italienreise, die dem Dichter Linderung bringen soll, seine letzte sein wird, ahnt auch Fanny. „Lass uns einfach so tun, als kehrte ich zurück.“ Dann steigt er in die schwarze Kutsche. Aus Rom kommt kein Brief mehr von ihm.

Radikal wie Peter Greenaway

Das Herzzerreißende hat im Kino viel mit Verschweigen zu tun. Was unerträglich ist, darf nicht ausgesprochen, nur angedeutet werden. Zur Vorbereitung auf „Bright Star“ hat sich Jane Campion Filme von Robert Bresson angeschaut, besonders das Gefängnisdrama „Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen“ von 1956. Warum gerade diesen Film? Weil er der Hoffnungslosigkeit eine präzise Form gibt. Gemeinsam mit ihrem Kameramann Greig Fraser hat Campion Bressons Rigorismus in die englische Landschaft übertragen. Es ist wahr, zwei oder drei Geigen weniger hätten „Bright Star“ gutgetan, aber im Visuellen ist der Film so radikal wie zuletzt die postmodernen Kostümdramen eines Peter Greenaway. Dieser hätte freilich kaum darauf verzichtet, die Tuberkulosebazillen in Großaufnahme bei der Arbeit zu zeigen. Campion genügt es, den Bazillus der Liebe zu beobachten.

Nach Keats' Tod im Februar 1821 hat Fanny Brawne jahrelang um den Dichter getrauert. Aber der Nachspann des Films unterschlägt, dass Fanny später doch noch heiratete und drei Kinder bekam, ehe sie hochbetagt starb. Dabei ist das womöglich noch herzzerreißender als der Tod der Liebe: dass das Leben trotzdem immer weitergeht.

Quelle: F.A.S.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE