Im Kino: „In guten Händen“

Da massiert schon nichts

Von Daniel Haas
22.12.2011
, 19:02
Männer umschirr’n sie wie und so weiter: Maggie Gyllenhaal
Die Geschichte der Erfindung des Vibrators im viktorianischen England: Wahre Begebenheiten zwar, aber reichlich mit Klischees versetzt.
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Man muss ein Händchen haben für die Lust. Wer hätte gedacht, dass man aus dieser Einsicht eine ganze Filmidee präparieren kann. Und wenn das Szenario dann noch durch die Historie beglaubigt ist - „In guten Händen“ beruht auf wahren Begebenheiten -, dann ist womöglich sogar ein kulturkritischer Mehrwert enthalten. Ist er nicht. Die Geschichte von der Erfindung des Vibrators mag sich tatsächlich im viktorianischen England zugetragen haben, als ein Arzt ein Massagegerät zur Lockerung bei Muskelschmerzen für die libidinöse Entkrampfung nutzte. Was Regisseurin Tanya Wexler aber daraus macht, ist eine Posse, an deren Ende bestätigt wird, was doch eigentlich zur Debatte stand: die Verwaltung des Begehrens.

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Das schafft ein Arzt nicht ganz allein

Das geschieht buchstäblich unter der Hand, weil das Dekor stimmt und die Darsteller mit viel Spielfreude bei der Sache sind, Maggie Gyllenhaal zumal, die sich von diesem Film womöglich die Schärfung ihres Profils als Charakterdarstellerin erhoffte. Sie ist aber nur der heitere Tatmensch, der Feminismus mit Aus-dem-Zimmer-Stürmen, Türenschlagen und Redenschwingen übersetzt. Das Drehbuch mutet ihr dies gezielt zu, weil sie den moralischen Gegenpol zum snobistischen Milieu des Vaters (Jonathan Pryce) abgeben muss. Der ist besagter Arzt, kuriert vermeintliche Hysterie-Patientinnen per klitoraler Massage, braucht dann aber doch einen Assistenten, weil der sexuelle Frust als Geschäftsmodell prächtige Zuwachsraten hat.

Der junge Doktor ist alsbald der Schwiegersohn in spe, es gibt neben der rebellischen Tochter auch noch eine statthafte (Felicity Jones), sie macht Schnütchen und dreht beim Spaziergang kokett den Sonnenschirm. Weil wir uns jedoch im Zeitalter der aufziehenden Umbrüche befinden, wird es dann doch eine Liebeswahl: Der Arzt erkennt in der Emanze das Pendant zur eigenen Agenda - sie führt ein Armenhaus, er will die Hygieneverhältnisse in den Krankenhäusern revolutionieren. Und der Vibrator? Ist eigentlich nur ein Nebenprodukt, weil der Medicus qua Sehnenscheidenentzündung nicht mehr zulangen kann und sein Freund (Rupert Everett), ein reicher, auf technische Experimente versessener Dandy, einen elektrischen Staubwedel entwickelt. Der wird im Handumdrehen zur Lustmaschine, und dann setzen sich die sozialen Lockerungsübungen - Tochter aus reichem Hause hilft Underdogs - in den Boudoirs der Bürger und Aristokraten als autoerotische fort.

Regentin mit Stab

Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit wird also beides seriell - die Armut an den Fließbändern der Fabriken und die Lust per maschineller Stimulierung. Das Sexspielzeug verkauft der Film als feministischen Zauberstab, am Ende erhält sogar die Queen einen Vibrator. Das soll eine Pointe sein, aber im Bild der einsamen Regentin, die das Gerät aus den Händen eines stoisch dreinschauenden Lakaien empfängt, wird nur das Falsche abgesegnet. Die fortschreitende Trennung von Privat- und Berufsleben Ende des neunzehnten Jahrhunderts drängte Frauen umso rigider aus der Öffentlichkeit, und dem beschränkten Dasein als Ehefrau und Mutter war oft nur mit den berüchtigten hysterischen Anfällen zu entkommen.

Edmund (Rupert Everett) mit seiner Erfindung: Dem elektrischen Staubwedel in einer Szene aus dem Film „In guten Händen“
Edmund (Rupert Everett) mit seiner Erfindung: Dem elektrischen Staubwedel in einer Szene aus dem Film „In guten Händen“ Bild: dpa

„In guten Händen“, der im Original sinnigerweise „Hysteria“ heißt, verkennt den Massagestab als Instrument sozialen Fortschritts und zeigt außerdem genau das Gegenteil: verklemmte Bürgerinnen, die kindisch giggelnd jenes Spielzeug bestaunen, mit denen eine misogyne Gesellschaft ihr Asyl ausstattet. Ein paar diskrete Zuckungen unter gestärkten Laken, während draußen Männer die Welt erschüttern. Maggie Gyllenhaal, die einzige Nichtknallcharge im weiblichen Filmpersonal, hat entsprechend keinen Dildobedarf, sie kriegt am Ende einen Mann. Das Ensemble ist der Prothese in jedem Fall vorzuziehen, erklärt der Film - und verrät seine Idee dann noch ein zweites Mal. Vibration? Affirmation.

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Quelle: F.A.Z.
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