Regisseurin Isabelle Stever

Der kontrollierte Körper

Von Bert Rebhandl
08.08.2022
, 21:07
Sarah Nevada Grether in dem Film „Grand Jeté“.
Video
„Ich möchte einer Frau zuschauen, die sich einfach Dinge nimmt“: Die Regisseurin Isabelle Stever erzählt mit ihrem neuen Film „Grand Jeté“ eine irritierende Mutter-Sohn-Geschichte.
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Ballett ist eine grausame Kunst. Wer auf Zehenspitzen tanzt, wirkt federleicht, aber das Gewicht hinterlässt trotzdem seine Spuren, in den Füßen, in den Gelenken, in einem Körper, der vor Disziplin irgendwann zu erstarren droht. Nadja, die zentrale Figur in Isabelle Stevers Film „Grand Jeté“, ist von dieser Phase noch ein Stück weit entfernt. Sie tanzt nicht mehr aktiv, aber sie unterrichtet, und sie hat von der jahrzehntelangen Arbeit an ihrer Haltung immer noch so viel Kraft, dass sie einschüchternd auf andere Menschen wirkt.

Nadja ist nicht einsam, aber sie ist vor allem für sich. Man fragt sich, wer ihr vielleicht nahekommen könnte, wer ihre innere wie äußere Distanz überwinden könnte. „Grand Jeté“ gibt darauf eine überraschende, auch verstörende Antwort. Im Ballett bezeichnet dieser Begriff einen „großen Sprung“, man hebt auf einem Bein ab und landet auf dem anderen, muss dort die Energie, die in den Sprung geht, auch wieder abfedern.

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Für Nadja wird die Begegnung mit ihrem Sohn Mario zu einem solchen großen Sprung, bei dem im Idealfall die Momente in der Luft wie eine Ewigkeit wirken, wie eine Zeit nach eigenem Gesetz. Mario hat sein ganzes Leben bei der Großmutter verbracht, er kennt Nadja kaum, nun ist sie plötzlich da, bei einem Geburtstagsfest, und ohne viele Umschweife kommen Mutter und Sohn einander näher.

Isabelle Stever geht bei „Grand Jeté“ von dem Roman „Fürsorge“ von Anke Stelling aus, erschienen 2017. Wenn man allerdings das Buch zu lesen beginnt, stößt man dort auf eine merkwürdige Präambel: Es wurde „im Auftrag“ von Isabelle Stever geschrieben. Wie ist das zu verstehen?

© Little Dream Pictures

Ein Besuch bei der Berliner Filmemacherin in Schöneberg soll Aufklärung bringen. Isabelle Stever lebt hier mit ihrer Frau Anna Melikova, die das Drehbuch zu „Grand Jeté“ geschrieben hat. Es stellt sich heraus, dass dieses Projekt eine lange Vorgeschichte hat.

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„2007 hat eine Schauspielerin, Franziska Petri, mir ein Treatment gegeben, eine Geschichte von einer Mutter, die mit ihrem Sohn ein Verhältnis eingeht. Etwas an dieser Geschichte hat mich irritiert“, erzählt Isabelle Stever. „Diese Irritation hat mich interessiert, daraus einen Film zu machen. Ich wurde damit nicht fertig als Autorin, also habe ich Anke Stelling den Text gegeben mit einem Statement von mir.“

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Am Anfang war eine Irritation

Stever, die Mathematik an der Technischen Universität Berlin und danach Film an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) studiert hat, und die Schriftstellerin Anke Stelling kennen einander seit den frühen Nullerjahren. Damals arbeiteten sie gemeinsam an „Gisela“, auch das eine Geschichte, die als Text und als Film existiert, auch das schon eine Geschichte über eine Erotik, die sich zuerst einmal als reine Unmittelbarkeit zu geben versucht.

„Anke wurde mir im Grunde 2004 vom WDR zugesprochen“, erinnert sich Isabelle Stever. „Es gab den späteren Film ,Gisela‘ als eine überreiche Materialsammlung, ich habe daraus Szenen ausgewählt, in eine Reihenfolge gebracht und ihr geschickt. Sie hat mir dann ihre Version zurückgeschickt. So haben wir uns kennengelernt. Sehr konstruktiv. Bei anderen Filmen haben wir anders gearbeitet. Wir sind sehr vertraut im Sprechen über Stoffe.“

Ein Stoff ist ein Film, bevor er zu einem Drehbuch wird. In einem subventionierten Filmgeschäft wie in Deutschland mischen sich schon während der Stoffentwicklung viele Menschen ein. Im Fall von „Grand Jeté“ aber gelang es anscheinend, im Kräftefeld dreier Frauen etwas sehr Originäres entstehen zu lassen. Zuerst über den Umweg eines Romans, wie Isabelle Stever die Entstehung weiter rekonstruiert:

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„Anke Stelling hat zu der Idee von diesem Mutter-Sohn-Verhältnis ein Exposé von drei Seiten geschrieben, das sehr krass war und mich erschrocken zurückließ. Doch erschien mir das die geeignete Form, mit dem Stoff umzugehen. Ich gab ihr den Auftrag, einen Roman zu schreiben, ich fand, so schreibt sie filmischer als bei einem Drehbuch. Sie hat dann einen tollen, aber wie mir schien, unverfilmbaren Roman geschrieben, ein bisschen wie bei ,Lolita‘ von Nabokov: Die Sprache hat eine starke Ironie und macht das trostlose oder entsetzliche Geschehen ertragbar.“

Kontrolle und Grenzüberschreitung

Wobei die Sache mit Nadja und Mario nichts Trostloses oder gar Entsetzliches hat. Höchstens etwas Unbehagliches in der Weise, wie hier zwei Menschen aufeinander treffen, die beide auf ihre Weise Körper extrem ernst nehmen. Anna Melikova fand zu diesen Facetten leicht Zugang: „Bei Ballett kenne ich mich aus, diese Strenge mit dem eigenen Körper, diese Kontrolle, das ist mir nicht fremd. Und dann diese Grenzüberschreitung, auch was Sexualität angeht. Ich, als lesbische Frau, habe damals, als ich das Drehbuch geschrieben habe, in Russland gewohnt, wo öffentlich gelebte homosexuelle Liebe verboten ist.“

Ohne Anna Melikova, sagt Isabelle Stever, wäre aus „Grand Jeté“ nichts geworden, ihre Begegnung im Jahr 2015 (bei einem Interview) erwies sich als entscheidend in mehrfacher Hinsicht. Gemeinsam fanden sie einen Weg zu diesem so leicht missverständlichen Thema, das mit dem Schlagwort Inzest gar nicht unbedingt präzise getroffen wird. „Es ist ein Film über Nadjas Körper, über die Bedürfnisse ihres Körpers und sein Überleben“, sagt Isabelle Stever.

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„Meine Filme sind sehr unterschiedlich, aber es steht immer eine auf eine gewisse Art unkorrumpierbare Frauenfigur im Zen­trum. Ich möchte einer Frau zuschauen, die sich einfach Dinge nimmt. Es ist interessant, dieses Bild in unsere Gesellschaft zu setzen. Und dann das Muttersein. Für dieses Wort Mutter gibt es kaum einen Atem, so riesig ist es. Die Filmförderung hat stark auf den Stoff reagiert und ihn mehrfach abgelehnt, ich glaube, wenn es Vater-Tochter gewesen wäre, wäre es leichter gewesen. Einer Mutter ist das schwerer zu verzeihen, was Nadja tut.“

Isabelle Stever
Isabelle Stever Bild: Ullstein

Nicht zuletzt überzeugt an „Grand Jeté“ die Konsequenz, mit der das anfängliche Motiv einer wie naturgegebenen Mutter-Sohn-Intimität bis zu einem konsequenten Ende verfolgt wird. Sehr deutlich wird dabei, dass Fragen der Moral in dem Film im Grunde keine Rolle spielen.

„Als die ganzen Ablehnungen kamen, habe ich mich in einen Zustand versetzt, dass ich jetzt nicht heule, sondern stark bleibe“, so Isabelle Stever. „Es gab bestimmte Gründe für die Ablehnungen, vor allem das Ende. Ich hatte das dringende Gefühl, dass gerade diese Dramaturgie unterwandert werden muss, die uns alle so müde macht, dass etwas, was nicht konform ist, bestraft werden muss.“

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Die Autonomie, die Nadja ausstrahlt, bringt auch mit sich, dass sie sich im Bett, also bei den intimen Szenen, anders verhält, als man es von einer vergleichbaren Figur – einer älteren, begehrenden Frau mit einem jungen Liebhaber – vielleicht erwarten würde.

Nicht erotisch, aber sinnlich

„Die Sexszenen wollte ich so drehen, dass sie nicht erotisch sind, aber sinnlich. Im Roman steht, sie erforschen sich gegenseitig. Die erste Szene im Bad ist fast wie eine Untersuchung. Ich wollte eine Visualität, die erkennen lässt, dass sie zusammenkommen und gleichzeitig voneinander abperlen, ein Zusammenkommen in einem poetischen Raum. Eine Mutter fragt ihren Sohn Hausaufgaben ab, während sie ihm einen runterholt, das hat eine starke Ironie. Ich wollte diese Szene so zeigen, dass diese Ironie nicht im Vordergrund steht.“

„Grand Jeté“ kam schließlich unter schwierigen Bedingungen zustande, der WDR erwies sich als mutig, später stieg das BKM mit einer Fördersumme ein, die dann doch erlaubte, ausführlich (wenn auch unter Workshop-Bedingungen) zu drehen. „Ich habe viele Drehtage gehabt. Wesentlich mehr als bei meinen vorherigen Filmen. Zeit, am Set zu experimentieren, noch einen Gedanken zu finden, ist das Wertvollste.“

Wie so viele andere Regisseurinnen in Deutschland hatte es Isabelle Stever nicht immer leicht, ihre Projekte zu realisieren. Schon bei ihrem Abschlussfilm an der Filmhochschule stieß sie auf Widerstand, das Projekt galt als „zu aufwendig, und zwar, ich bin mir sicher, weil ich eine Frau bin“. Von einem Marsch der deutschen Filmkünstlerinnen durch die Institutionen kann nach wie vor keine Rede sein. Im Gegenteil hört man fast bei jedem starken neuen Film von einer Regisseurin eine Geschichte von Finanzierungshindernissen und Entmutigungen.

Isabelle Stever vermisst Freiräume, in denen Projekte entstehen könnten, die nicht durch eine Jury nach der anderen verbogen werden müssten. Dann würde vielleicht auch ihr neuer Film noch einmal anders aussehen, aber auch so hat sie den schwierigen Verhältnissen etwas Bedeutendes abgerungen.

„,Grand Jeté‘ bringt etwas zusammen, von dieser Ambition von früher und Strukturen, die ich mir jetzt geschaffen habe, dass ich arbeiten kann.“ Das Ergebnis ist ein reifer, ästhetisch wie erzählerisch mutiger, exzellent gespielter und fotografierter Film, mit dem das deutsche Kino das Niveau des internationalen Körperkinos erreicht.

Wenn eine Julia Ducournau für ihren „Titane“ mit seiner queeren, transgressiven Sexualität gefeiert wird, dann müsste „Grand Jeté“ mit seiner präzisen Erkundung einer Beziehung, die ihren eigenen Konsens setzt, konsequenterweise ähnliche Begeisterung auslösen. Isabelle Stever betont für ihre Figuren und ihr Herangehen das „Zusammenkommen in einem poetischen Raum“. Es ist ein Raum, der dem deutschen Kino neue Dimensionen öffnet.

Quelle: F.A.S.
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