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Feminismus im Film

Wie neue Frauen auf alte Strukturen blicken

Von Lili Hering
 - 21:52
Jennifer Reeder setzt in ihren Filmen der Teenagerzeit ein Denkmal, mit Blut ebenso wie mit Schminke.

Was für ein Typ: Baseballjacke, Sportler, Mustangfahrer, vermeintlicher Mädchenschwarm, und dann heißt er auch noch Andy. Bloß als sich Andy von Laurel, die ihn soeben verlassen hat, seine Jacke abholt, sich umdreht und geht, ist zu lesen, was auf seinem Rücken steht: „I treat girls like shit“, in rosafarbenen Glitzerbuchstaben.

Das ist einer von vielen Augenzwinkermomenten in Jennifer Reeders neuestem Film „Knives and Skin“. Lebensunbegabte Jungs und Männer sind bei ihr Gegner, Nebenrollen, an denen sich abgearbeitet wird. Protagonistinnen sind immer Frauen, die meisten jung, schwarz, queer, klug und witzig. Reeder bannt jene Zeit auf Film, in welcher der Begriff „Mädchen“ nicht mehr ganz und „Frau“ noch nicht wirklich zu passen scheint: das Alter, in dem das Tragen von Mascara einen erheblichen Teil der Persönlichkeit ausmacht, aber die Kuscheltiere noch nicht aus dem Zimmer verbannt sind.

In vielen ihrer fünfundfünfzig Filme, einige davon umsonst auf Vimeo anzusehen, setzt Reeder Teenage-Mädchen und ihren Realitäten ein Denkmal. Seit ihrem ersten Film „White Trash Girl“, in dem Reeder selbst in der Hauptrolle eine Supermutantin spielte, drehe sie „immer wieder den gleichen Film“, erzählt die Filmemacherin. „Alle handeln von einer schwierigen, widerständigen Frau. Bis ich von diesem Charakter nicht mehr besessen bin, werde ich weiterhin den gleichen Film machen.“ White Trash Girl überlebt eine schiefgelaufene Abtreibung, zieht zu Rockmusik durch die Straßen und nutzt ihren Körper als Waffe – gegen das Patriarchat, Dummheit und Gewalt. Was sie Mitte der Neunziger unsauber gefilmt und mit groben Schnitten darstellte, ist in Reeders letzten Werken poppig, glatt, glossy: eine scheinbar geschliffene Ästhetik, die aber ihre Themen mit ähnlicher Vehemenz vor sich herträgt. Subtil ist dabei wenig, eher gibt es ein Überangebot an Figuren, Farben, Musik und Gesang, Überblendungen und Überschneidungen.

Magisch-realistische Pubertät

Die Welten ihrer Teenager-Charaktere sind so realistisch wie magisch: nervige Eltern und Referate auf der einen Seite, schwebende Sprechblasen und Neonlichtszenerien auf der anderen. „Ich habe mir selbst erlaubt, mit der Bildsprache zu experimentieren“, erzählt Jennifer Reeder. Ihre letzten beiden Kurzfilme „A Million Miles Away“ und „Blood Below the Skin“ hat sie zu Teilen in ihrem Langfilm verarbeitet, in Dialogsequenzen, Figuren, Musik- und Kostümideen. Wer Reeders Werk durchforstet, stößt sofort auf das Thema Feminismus, es blitzt einen wie eine bunte Leuchtreklame an, in vielen Facetten durchdekliniert. Reeder studierte Bildende Kunst am Art Institute of Chicago, wo sie sich dem Bewegtbild verschrieb. Ein Glück, dass sie keine Filmschule absolviert habe, so die Regisseurin, denn niemals habe sie während des Studiums etwas produzieren müssen, was „kommerziell rentabel“ zu sein hatte. „Daher konnte ich meine Aufmerksamkeit auf Farben, Lichter und Texturen lenken und darüber nachdenken, wie Objekte narrative Inhalte vermitteln können.““ So entstehen zwischen 1995 und heute zahlreiche experimentelle Kunstfilme und Video-Installationen – oftmals von sphärischer Musik begleitete Meditationen, die zwischen Text und Bild changieren – und auf Festivals und in Museen spielten wie Sundance, Rotterdam, der Berlinale, den Biennalen in Venedig und im Whitney Museum.

„Knives and Skin“ wirkt, als sei John Waters mit seiner etwas jüngeren Gang in David Lynchs „Twin Peaks“ hereingeplatzt, um die Bude aufzumischen – Reeder stören diese Vergleiche nicht, doch „mir gefällt die Idee, dass ich, anstatt meine Filme mit denen männlicher Filmemacher zu vergleichen, meine eigene Vision habe“. Sie selbst nennt ihren neuesten Film: „Midwestern gothic teen noir“.

Als eines Tages Carolyn Harper verschwindet, ist die gesamte Kleinstadt in Aufruhr und Erwachsene wie Kinder damit beschäftigt, sie zu suchen. Carolyn aber ist, obwohl sie nach zehn Minuten stirbt, nicht bloß ein hübsches, aber leider totes Mädchen, sondern eine Art eigensinnige Heilige. Mit zersplittertem Nagellack an den Fingern (Farbe: „dead corpse“ oder „bloodbath“) und den Insignien bekannter Frauen wie Yoko Ono oder Angela Davis auf den Print-T-Shirts lässt Reeder Joanna, Charlotte, Laurel und Carolyn (Jessica Smith, Ireon Roach, Kayla Carter und Raven Whitley) auf die Welt los: Sei es in Cheerleader-Outfits oder Marching-Band-Uniform, mit Glitzer unter den Augen, weißer Schminke auf der Stirn oder Schleiern im Haar: Sie sehen nicht nur unendlich cool aus, sondern sind auch um Längen klüger als ihre erwachsenen Pendants.

Coming-of-age werde uns bloß in einer Phase zugestanden, so Reeder: am Scheideweg zwischen Kindheit und Erwachsenenleben. In Reeders Filmen lernen alle erst das Leben: der Vater Dan (Tim Hopper), ein Hobbyclown, der, anstatt seiner Frau die ernste Nachricht seiner Kündigung zu überbringen, lieber Zaubertricks übt und sich so selbst zum Witz ohne Pointe erklärt; die Mutter Renee (Kate Arrington), deren Babybauch nicht bloß ein Ungeborenes zu verbergen scheint; und Lisa (Marika Engelhardt), die Mutter des vermissten Mädchens, deren Liebe zu ihrer Tochter so herzzerreißend wie pathologisch wirkt. Reeder versetzt diese neurotischen Charaktere und dysfunktionalen Familien in überragendes Szenenbild, untermalt durch Klänge wie von Angelo Badalamenti, und lässt durch trockenen Humor aus traumgleichen Sequenzen aufschrecken. Popsongs aus den Achtzigern werden, a cappella intoniert, zu wahrhaftigen Hymnen: „Our Lips are Sealed“ von The Go-Go’s und „Blue Monday“ von New Order. Mal singt das tote Mädchen in Überblenden mit. Ist das Pop-Horror? Wer könne besser geeignet sein für Genrefilme als Frauen, so Reeder: „Wir bluten tagelang, ohne zu sterben.“

Neue Blicke auf alte Rollenbilder

In Anlehnung an klassische Teen-Filme wie von John Hughes zeichnet Reeder Highschool-Prototypen und -themen nach: Prom, Baseball, Loser, Winner, Liebe und Sex – und münzt diese zu einem diversen, intersektionalen Blick auf die Erfahrungen und Körper junger Frauen um: Stereotype unterwandernd, machen sich ihre Charaktere in all ihren Filmen daran, Festschreibungen und Rollenbilder zu lösen. „What are you, a cunty slut or a bitchy tease?“, fragt ein Mädchen, als seien das die zwei einzigen Identifikationsoptionen, die zur Verfügung stehen. „I’m neither, I’m nothing, I’m nobody.“, antwortet dieses.

Reeder habe von Filmemacherinnen gelernt, die ambivalente Frauen zeigten – Allison Anders, Chantal Akerman, Agnès Varda, Julie Dash, Maya Deren. Und so wirken auch ihre Werke wie ein Referenzfeuerwerk feministischer Kulturproduktion: Figuren lesen Sylvia Plath und Octavia E. Butler, Videokassettenstapel türmen sich mit Filmempfehlungen, ein Mädchenchor singt betörend „Girls Just Want to Have Fun“. Ein Requisitenbuch habe sie selbst erfunden, erzählt Reeder: Es ist nur wenige Sekunden zu sehen, ein Buch über die Geschichte des Frauenwahlrechts in Ohio, wo sie herkommt. Der Name der Autorin ist nicht ausgedacht: Das sei der ihrer Großmutter, einer Aktivistin.

In „Knives and Skin“ steht ein Junge auf dem Dach seiner Schule, alle stürmen zu ihm, bitten ihn, nicht zu springen. Er ruft: „Mir gefällt die Aussicht! Von hier oben kann ich in der Ferne den Highway sehen. Ich muss wissen, dass es einen Ausweg aus diesem Ort gibt.“ Die Erwachsenen haben die Ausfahrt längst verpasst.

Quelle: F.A.Z.
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