Die FAZ.NET-Nachrichten-App
Kostenlos für iOS und Android
Film „Wie im echten Leben“

Die Geschichte der Putzfrau

Von Andreas Kilb
02.07.2022
, 22:16
Die eine spielt sich selbst, die andere nicht: Hélène Lambert und Juliette Binoche (rechts) als Kolleginnen in „Wie im echten Leben“ Bild: Neue Visionen Filmverleih
Eine Reporterin mischt sich unters Volk: In Emmanuel Carrères Film „Wie im echten Leben“ taucht Juliette Binoche in die Welt des französischen Prekariats ein.
ANZEIGE

Im Winter 2009 fuhr die französische Journalistin Florence Aubenas von Paris nach Caen. Dort mietete sie ein Zimmer und meldete sich als Arbeitssuchende. Aubenas wollte die Wirtschaftskrise in Frankreich aus der Perspektive des Prekariats kennenlernen. Sechs Monate blieb sie in Caen, dann packte sie ihre Sachen, zog zurück in die Hauptstadt und schrieb über ihre Erlebnisse ein Buch.

In den sechs Monaten ihrer Recherche hatte Aubenas vor allem als Reinigungskraft auf Stundenbasis gearbeitet. Eine Frau, die sie bei einem ihrer Jobs traf, vermittelte ihr einen Platz in der Putzkolonne, die allabendlich die Kabinen auf der Kanalfähre zwischen Ouistreham und Portsmouth säubert. Jeder, der in Caen aus dem normalen Arbeitsleben he­raus­fal­le, lande irgendwann in Ouistreham, heißt es in Aubenas’ Bericht, den sie folgerichtig „Le Quai de Ouistreham“ nannte. Der Satz fällt auch in dem Film, den Emmanuel Carrère nach dem Buch von Aubenas gedreht hat. Zwischen seinem Erscheinen und der Verfilmung sind zehn Jahre vergangen, und man fragt sich, warum.

ANZEIGE

Der Film verkürzt den Titel zu „Ouistreham“ und die Handlung auf hundert Minuten. Am Anfang sieht man eine Frau im Morgengrauen zwischen Plattenbauten zum Arbeitsamt laufen, wo sie sich über ei­nen verloren gegangenen Antrag be­schwert. Es ist nicht Marianne Winck­ler, wie die Reporterin hier heißt, sondern Christèle, jene Kollegin, die ihr den Job auf der Fähre verschaffen wird. Auf den Schultern ihrer Darstellerin Hélène Lambert und den anderen Laiendarstellern, die Carrère für seinen Film engagiert hat, ruht die Last, das „echte Leben“ zu verkörpern, das der deutsche Verleihtitel dem Zuschauer verspricht.

Denn Marianne Winckler wird von Ju­liette Binoche gespielt. Dass Binoche bei den Dreharbeiten auftrat, als wäre sie kein Star, hat das gesamte Filmteam bestätigt, und auch vor der Kamera sieht man nichts davon. Aber man weiß es. Das Gesicht, mit dem Juliette Binoche Müdigkeit, Neugier, Trotz, Freude oder Trauer ausdrückt, hat man einfach zu oft im Kino gesehen, um seine Vorgeschichte vergessen zu können. Binoche ist großartig, sie hat den Kinderblick, mit dem sie uns in „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ durch das Prag von Milan Kundera führte, nicht verlernt. Doch sie bleibt ein Star. Das spricht nicht gegen „Ouistreham“, aber es markiert eine Grenze, über die der Film nicht hinauskommt und womöglich auch nicht hinauswill.

ANZEIGE

Den Regisseur Carrère hat Florence Au­benas ausgewählt, vielleicht, weil er ei­gent­lich Schriftsteller ist. 2005 hat Carrère mit „La Moustache“ eins seiner ei­genen Bü­cher verfilmt, „Ouistreham“ ist erst seine zweite Spielfilmregie. Davor und danach entstand ein Dutzend weitere Ro­ma­ne, einige davon mit autobiographischem Einschlag; Carrères jüngstes Buch „Yoga“ wurde von seiner Ex-Ehefrau per Gerichtsbeschluss zensiert. Die Wahrheit, hat Em­ma­nuel Carrère in Interviews er­klärt, sei das wichtigste Kriterium für gute Literatur. Für „Ouistreham“, scheint es, gab es nach diesem Satz keinen besseren Regisseur. Nur dass er es nicht ist.

Man sieht den Schmutz in den Kabinen nicht

Dass der Film seinen Stoff an einem zentralen Punkt verfehlt, merkt man erst spät. Bis dahin besichtigt er in ge­mäch­lichem Tempo das Elend, dem Marianne Winckler auf der Spur ist. Einem arroganten Auftraggeber bietet sie die Stirn und wird dafür gefeuert, einen Arbeitssuchenden, der sie ungelenk um­wirbt, lässt sie sanft ins Leere laufen. Auch die Kamera bemüht sich, den Verismus nicht zu übertreiben. Der Schmutz in manchen Schiffskabinen, heißt es einmal, sei unbeschreiblich, doch sie zeigt ihn nicht. Chri­s­tèle, die Kollegin, hat zwei oder drei Kinder, wie viele genau, bleibt unklar. Eine Szene, in der Christèle an einer Tankstelle in Mariannes Handtasche wühlt, wird dadurch aufgelöst, dass sie darin nach einem Ausweis mit Geburtsdatum ge­sucht hat, um Marianne zur richtigen Zeit beschenken zu können. Als die beiden Frauen zu­sammen am Strand sitzen, stürzt sich die Reporterin ins Meer, während ihre Freundin er­klärt, dafür habe sie keine Zeit. Nicht ba­den gehen zu können ist in „Ouistreham“ das wahre Kreuz des Prekariats.

ANZEIGE

Erst allmählich erkennt man, dass der Geschichte etwas Entscheidendes fehlt: ein Datum. Aubenas hat ihre Recherche auf dem Höhepunkt der Finanzkrise gemacht. Carrères Film dagegen könnte irgendwann in den letzten zehn Jahren spielen und irgendwo in der französischen Provinz. Der Aufstand der „Gelbwesten“ im Winter 2019 hätte einen weiteren zeitlichen Anker ab­ge­ben können, aber da ist Carrère offenbar die eigene politische Parteinahme in die Quere gekommen, denn vor fünf Jahren hat er sich öffentlich zur Regierung Macron bekannt. So sieht man eine filmische Milieuzeichnung, die ihre Konturen immer wieder mutwillig verwischt. In ei­ner Mainstream-Komödie à la „Monsieur Claude“ wären solche Unschärfen nebensächlich oder so­gar notwendig, aber für die halb dokumentarische Form, die Carrère gewählt hat, ist die Stimmigkeit der Details eine Frage der ästhetischen Moral. Es genügt eben nicht, seine Darsteller aus dem echten Leben zu holen, auch das Leben, das sie spielen, muss echt sein.

Das Tun der Reporterin bleibt Verstellung

In dem Bericht von Florence Aubenas (der auf Deutsch unter dem Titel „Putze: Mein Leben im Dreck“ erschien) spitzt sich der innere Konflikt der Reporterin auf die Frage zu, ob und wann sie sich den Menschen, mit denen sie arbeitet, zu er­kennen geben soll. Denn ihr Tun bleibt Verstellung, auch wenn es in jedem Au­gen­blick real ist. Im Film wird Marianne von ihrer Gewissensnot erlöst, als auf der Fähre, deren Ab­fahrt das Putzteam verpasst hat, ein Be­kann­ter aus Paris sie erkennt. Aber auch in den Bildern gibt es keinen Kampf zwischen Wahrheit und Fiktion. Carrère, der die Möglichkeit, seinen Film dokumentarisch aufzurauen, immerhin ahnte, hat eigens einen zweiten Kameramann losgeschickt, um „mystery shots“ zu drehen, Einstellungen, die nicht unmittelbar mit der Ge­schich­te zu tun hatten. Vierundzwanzig davon stecken in „Ouistreham“. Man bemerkt sie nicht. Die bittersüße Fabel von der Putzfrau mit den zarten Händen und der Akademikersprache hat sie aufgesogen und verdaut. Es ist eben doch Juliette Binoches Film, nicht der von Hélène Lambert.

Von den drei, vier Szenen, die man aus „Ouistreham“ mitnehmen und für einen anderen Film aufheben möchte, spielt die beste am Schluss. Nach einer Lesung aus ihrem Buch in Caen trifft Marianne Christèle vor dem Bus, der die Putzkolonne zur Kanalfähre bringt, ein letztes Mal. Sie solle mitkommen oder sich für immer verabschieden, sagt Christèle. Und dann: „Du hast deinen Job gemacht.“ Das kann man vom Regisseur dieses Films leider nicht sagen.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
Verlagsangebot
Referent*in Betriebswirtschaft (w/m/d)
Caritasverband für die Diözese Limburg e.V.
Leiter*in Finanzen und Controlling (m/w/d)
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Betriebsprüfer (m/w/d) Mitgliedschaft und Beitrag
Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI)
Wirtschaftsjurist*in
Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung IFAM
Verlagsangebot
Alles rund um das Thema Bildung
Verbessern Sie Ihr Englisch
Lernen Sie Französisch
E-Book-Reader im Test
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
ANZEIGE