Neu im Kino

Lügen für die Wahrheit

Von Julia Dettke
26.06.2022
, 10:50
Penélope Cruz in „Der beste Film aller Zeiten“.
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Drei Frauen dominieren gerade das Kino: Juliette Binoche zeigt den Alltag in prekärer Arbeit, Penélope Cruz dreht den „besten Film aller Zeiten“ und Sabine Timoteo führt uns in eine doppelbödige Familiengeschichte.
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Was ist echt, was ist wahr? Wer ist man wirklich? Und kann es sein, dass man lügen muss, um die Wahrheit zu erzählen? Ob es an der Angst vor Fake News liegt, an Instagramfiltern oder einfach daran, dass für die Fiktion diese Frage immer ziemlich zentral ist: Gerade handeln sehr viele Filme davon, was man glauben kann und welche Identitäten als echt gelten können.

Natürlich ist in Spielfilmen selbst sowieso schon mal gar nichts wahr. Identitäten werden dort lieber entzogen als offenbart. Aber vielleicht sind sie gerade deshalb ein so gutes Medium, um darüber nachzudenken, was diese Echtheit gefährdet, was sie ist oder sein könnte. Ob man sie überhaupt braucht. Und wenn ja, um welchen Preis.

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Eine frühe Filmszene in „Wie im echten Leben“ von Emmanuel Carrère zeigt die Hauptfigur Marianne (Juliette Bi­noche) bei einer Jobmesse im nordfranzösischen Caen. Was ihre größten Schwächen und Stärken seien, wird sie gefragt, und sie gibt die perfekten Antworten, zu denen ihr die Mitarbeiterin der Arbeitsagentur geraten hat: Dynamisch, fröhlich und teamfähig ist sie. Vielleicht ein wenig zu perfektionistisch. Und ehrgeizig. Sie wolle für den Branchenbesten arbeiten.

Das klinge nicht schlecht, sagt man ihr: Vielleicht – wohlgemerkt: vielleicht – rufe man sie zurück. Es geht um einen Job als Reinigungskraft. „Das ist ein kompetitiver Sektor, das ist die Zukunft.“ Marianne fragt dann Cédric (Didier Pupin), den sie auch auf der Jobmesse kennenlernt, was er als seine Stärken und Schwächen nenne.

Hélène Lambert und Juliette Binoche in dem französischen Film „Wie im echten Leben“ von Emmanuel Carrère.
Hélène Lambert und Juliette Binoche in dem französischen Film „Wie im echten Leben“ von Emmanuel Carrère. Bild: Neue Visionen Filmverleih

„La franchise“, „die Ehrlichkeit“, ist seine Antwort auf beide Fragen. Marianne sagt: „Hm, ich und die Ehrlichkeit – das ist keine so einfache Sache.“ Sie lüge schon manchmal. Irgendwann allerdings sage sie dann immer die Wahrheit. „Dann ist es doch keine Lüge“, sagt Cédric.

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Das Geheimnis der Journalistin

Die Szene ist eine von vielen Vorausdeutungen auf Mariannes Geheimnis. Zwar sucht sie gerade tatsächlich eine Arbeit in Caen, wohnt in einem kleinen, kargen Zimmer und hat an Kontakten bloß die Menschen, die sie über die Arbeitssuche kennenlernt.

Die Geschichte von ihrem Mann, dessen Buchhaltung sie machte und der eines Tages die Nachbarin bei sich einziehen ließ, sodass Marianne ihr Dorf verlassen musste und nun ohne Haus, ohne Geld und ohne offizielle Arbeitserfahrung dasteht, ist allerdings erfunden.

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Tatsächlich ist Marianne Winckler Buchautorin und Journalistin, eine investigative Reporterin, die eine Rolle spielt, um von den Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor zu berichten – genau wie Florence Aubenas, auf deren Buch „Le quai de Ouistreham“ der Film basiert.

Marianne findet Arbeit und verliert sie wieder. „Widersprechen Sie nicht Leuten, die intelligenter sind als Sie!“, entgegnet man ihr, als sie eine ungerechte Behandlung benennt. Die Herausforderung, das begreift man mit ihr, ist nicht etwa die Bereitschaft, als Putzfrau zu arbeiten, es sind die Zeitnot bei der Arbeit und die Verachtung der Vorgesetzten.

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Trailer
„Wie im echten Leben“
Video: Filmladen Filmverleih, Bild: dpa

Dann beginnt sie im Reinigungsteam der Fähre zu arbeiten, die täglich am Quai de Ouistreham anlegt. Die Arbeit ist hart, körperlich die härteste bisher: Nur anderthalb Stunden Zeit sind zwischen dem Moment, in dem die Passagiere das Schiff verlassen, und der Ankunft der nächsten Reisenden.

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Verachtung der Vorgesetzten

Das macht vier Minuten pro Kabine, um die Stockbetten frisch zu beziehen, Boden, Bad und Toilette zu reinigen. Weshalb die Reisenden nicht einmal die Spülung der Toiletten betätigten, sondern das ihnen überließen, könne sie einfach nicht verstehen, wundert sich Marianne. Das sei eben, um sie zu ärgern, antwortet ihre Kollegin.

Aber Marianne bekommt auch viel Hilfe. Die Hauptfigur des Films ist eigentlich nicht sie selbst, es sind ihre Kolleginnen: die Objekte ihrer Recherche, die zu ihren Freundinnen werden. Die erste und wichtigste von ihnen ist Chrystèle (Hélène Lambert). Der Film beginnt mit ihr, und Marianne sieht, wie sie sich in der Arbeitsagentur lautstark beschwert, weil ihre Papiere nicht dort und die Zahlungen wiederum nicht bei ihr angekommen sind.

Jetzt wisse sie es, Chrystèle sei die Hauptfigur ihrer Geschichte, sagt Mariannes Stimme schon bald aus dem Off. Immer näher lässt Chrystèle Marianne an sich heran, lässt sich zu Ausflügen ans Meer überreden, lädt sie zu sich nach Hause ein und backt ihr – zusammen mit ihren beiden Kindern – einen Geburtstagskuchen. Marianne ist fasziniert von Chrystèle, und der Film und man selbst beim Zusehen sind es auch. Chrystèle ist aufbrausend, schlagfertig, gutherzig. Sie ist echt.

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Die Freundschaft der beiden und die Schuld, die sich aus ihr ergibt, sind das Zentrum des Films. Als Chrystèle schließlich die Wahrheit über Marianne erfährt, versteht sie diese als Verrat. „Du bist eine falsche Person“, spuckt sie ihr entgegen.

Enttäuschte Freundschaft

„Ich kann nicht sagen, ob es etwas Gutes oder etwas Schlechtes ist, das Sie da tun“, hatte die Mitarbeiterin der Arbeitsagentur zu ihr gesagt, nachdem sie die Journalistin erkannt hatte. Sie müsse wissen, wie diese Wirtschaftskrise, von der alle sprechen, in echt aussehe, sagte Marianne. Doch um das zu sehen, will sie die Menschen nicht nur anblicken, sondern auch mit ihnen befreundet sein.

Regisseur Emmanuel Carrère, der vor allem als Schriftsteller bekannt ist, weiß, wovon er in seinem zweiten Spielfilm spricht. Bei seinem letzten Buch, „Yoga“, hatte seine Exfrau geklagt, weil sie darin vorkam.

Vielleicht gelingt es ihm deshalb besonders gut, nicht bloß auf sozialen Realismus abzuzielen, sondern dabei zugleich über seine Möglichkeiten und seine moralischen Konflikte nachzudenken. „Wie im echten Leben“ handelt von prekärer Arbeit und von Chrystèle, aber eben auch vom Verhältnis zwischen künstlerischer und sozialer Verantwortung, davon, wie und wie lange sich Ungleichheiten zeigen und ob sie sich überwinden lassen.

Dass Mariannes Kolleginnen zum Großteil von Laien gespielt werden, von denen viele tatsächlich mit Flo­rence Aubenas zusammengearbeitet haben, ist insofern besonders interessant. Erliegt hier auch der Film der Faszination für die größtmögliche Authentizität? Oder will er die Kontraste zwischen Juliette Binoches unverkennbarem Stargesicht und den Gesichtern ihrer Kolleginnen bloß so deutlich wie möglich zeichnen?

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Was sie täte, wenn sie im Lotto gewänne, fragen die Kolleginnen Marianne einmal. Chrystèle weiß es genau: viel für die Menschen um sie herum, für ihre Mutter vor allem, und dann teure Turnschuhe und ein neues Tattoo für sie selbst. Marianne aber fällt nichts ein. Sie kann die Schichten überstehen, sie kann mit den anderen erschöpft sein und sich dann erholen.

Die Wünsche der anderen

Was ihr nicht gelingt, ist, die Wünsche zu imaginieren, die man hat, wenn man nicht nur eine Rolle einnimmt. Marianne teilt das Leben ihrer Kolleginnen in diesem Moment, aber nicht ihre Zukunft. Sie kann, genau wie Chrystèle es ihr vorwerfen wird, wieder in ihr privilegiertes Pariser Leben zurückkehren, wann immer sie möchte. Sie braucht keinen Lottogewinn.

Der Film ist voller solcher kluger Details. Auf einem der Flure der Fähre von Ouistreham ist im Hintergrund ein blinkendes Schild zu sehen. „Cinéma“ steht darauf in roter Leuchtschrift.

Der Film interpretiert mit solchen Anspielungen realistisches Erzählen in der Tradition von Émile Zola und Annie Ernaux oder wie in den Filmen der Brüder Dardenne neu. Immer wieder baut er verträumte, hintergründige Momente ein, legt viel Wert auf Musik. Und überrascht einen mit einem Ende, das überhaupt nichts abmildert. Noch immer kommen die spannendsten Auseinandersetzungen mit sozialer Ungleichheit aus Frankreich.

Nur der Hamster fehlt

Der menschliche Faktor“ von Ronny Trocker fragt nach Echtheit und Unehrlichkeit in einer deutsch-französischsprachigen Familie. Mutter Nina (Sabine Timoteo) und Vater Jan (Mark Waschke) verbringen das Wochenende mit ihren beiden Kindern in ihrem belgischen Ferienhaus.

Jule Hermann (links) neben Sabine Timoteo, davor Wanja Valentin Kube in dem Film „Der menschliche Faktor“.
Jule Hermann (links) neben Sabine Timoteo, davor Wanja Valentin Kube in dem Film „Der menschliche Faktor“. Bild: Klemens Hufnagl/Zischlermann Filmproduktion

Von Anfang an schleicht sich etwas Unheimliches, Doppelbödiges ein, als kurz nach der Ankunft bei ihnen eingebrochen wird. Hat der Vorfall etwas mit dem kontroversen Auftrag einer populistischen Partei zu tun, den Jan ohne Ninas Wissen für die gemeinsame Werbeagentur angenommen hat? Oder damit, dass Jan sein Geschäftstelefonat ungerührt fortsetzt, als er Nina beim Einbruch schreien hört?

Zorro, der Hamster des Sohnes, ist das Einzige, das nach dem Einbruch fehlt. Masken bei einer Party der Teenagertochter sind ein weiteres Detail, das der Film sehr geschickt in die wechselnden Perspektiven einbaut.

Da sind Anklänge an den Horrorfilm, aber auch an Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“. Vor allem ist Sabine Timoteos Spiel hier perfekt: so nuancenreich, so voller Ambivalenzen wie auch der beeindruckende Kinderdarsteller Wanja Valentin Kube, der den Sohn spielt. Ein Film, so genau und doppelbödig wie sein Titel: Es ist der menschliche Faktor, der darüber entscheidet, was echt ist.

Wie aus der Zeit gefallen

In „Der beste Film aller Zeiten“ von Mariano Cohn und Gastón Duprat ist es ein Film im Film, der nach dem Echten sucht. Ein reicher Geschäftsmann möchte vor seinem Tod etwas Bleibendes hinterlassen und dafür den besten Film aller Zeiten produzieren.

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„Der menschliche Faktor“
Video: Farbfilmverleih, Bild: Farbfilmverleih

Die Regisseurin Lola Cuevas (Penélope Cruz) verfilmt einen Bestseller, mit den beiden bekanntesten Schauspielern der spanischsprachigen Welt, Félix Rivero (Antonio Banderas) und Iván Torres (Oscar Martínez). Dabei geht es um die Konkurrenz zwischen zwei Brüdern, die die gleiche Frau lieben, und diese Rivalität lässt sich natürlich wunderbar mit der beruflichen Konkurrenz bei den Dreharbeiten engführen.

Dass der Stoff wie aus der Zeit gefallen wirkt, die Figuren einem merkwürdig egal bleiben, das Casting allein den Film sehenswert macht – möglicherweise gehört das alles zum doppelten Boden der Satire.

Spannender macht das die Szenen des Wettkampfs um das Weinen auf Knopfdruck und das verletzbare männliche Künstlerego auch nicht. Das einzige Highlight ist Penélope Cruz, die so bossy, extravagant und kompromisslos sein darf wie noch nie. Und die Metallpresse, mit der sie die Preise der beiden zerstört, ist ein Requisit, das man nicht mehr vergisst.

Alles andere ist so weit weg von allem, das echt sein könnte, dass einen selbst die Dekonstruktion nicht mehr interessiert. So verliert die Schwelle zwischen Fiktion und Realität ihre Brisanz.

Von Donnerstag an im Kino.

Quelle: F.A.S.
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