„Der Boxer“

Kevin Spacey liest in Rom ein Gedicht vor

Von Verena Lueken
04.08.2019
, 17:40
Trat jetzt in Rom auf: Kevin Spacey, hier vor dem Gericht in Nantucket
Im Palazzo Massimo in Rom hat der Schauspieler einen überraschenden Auftritt: Kevin Spacey liest das Gedicht „Der Boxer“ von Gabriele Tinti. Man meint, es solle mit ihm zu tun haben.
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Ein schwerer Mann in rehbraunem Anzug mit derbem Schuhwerk liest neben der Bronzestatue eines Boxers im Palazzo Massimo in Rom ein Gedicht vor. Seine Stimme trägt weit in den Raum, Museumsbesucher bleiben stehen, wenn auch nicht alle, wie ein Video zeigt, das die Szene aufgenommen hat. Denn der hier spricht, deklamiert, laut und ganz leise, ist Kevin Spacey.

Wer hätte ihn in Rom erwartet? Und in diesem Museum, ein Gedicht rezitierend, das ihm und seiner augenblicklichen Situation auf den Leib geschrieben scheint: „Sie benutzten mich zur Unterhaltung“? Als er fiel, wandten sie sich ab – im Gedicht das Publikum vom Boxer –, und nun sitzt er da, blutüberströmt, dem Ende nah.

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Natürlich kann Spacey, den man mit gutem Grund für einen der herausragenden Darsteller seiner Generation halten kann, das auf eine Weise vortragen, die einen erzittern lässt, ergriffen von solcher Grausamkeit. Aber auch, weil einen kurz ein Lachreiz überkommt, wenn Spacey die Faust ballt neben dieser antiken Bronze in ihrer überirdischen Vollkommenheit im Ausdruck des Leides, der Ergebenheit, des Muts, des Todes.

Ergebenheit sieht man bei Spacey nicht. Es ist auch nicht die erste Lesung des Gedichts von Gabriele Tinti; Robert Davi hat es im Getty Museum in Los Angeles, das sich die Statue 2015 für eine Ausstellung ausgeliehen hatte, schon einmal vorgelesen. Mit weniger Pathos umso ergreifender. Was bei Davi fehlte, war der Selbstbezug, der bei Spacey jede Zeile überlagert.

Wie berichtet, wurde ein Verfahren gegen Spacey in Nantucket wegen sexueller Nötigung kürzlich eingestellt, nachdem der Kläger nicht aussagen wollte. Gegen Spacey laufen in London und in Los Angeles weitere Untersuchungen wegen sexueller Belästigungen. „Je mehr du blutest“, heißt es in dem Gedicht, „desto besser bist du.“ Nicht ganz, nach dieser Performance, zu der Spacey selbst die Presse eingeladen haben soll. Er war schon viel besser, als er sich weniger leid tat.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena
Verena Lueken
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