„Der geheime Garten“ im Kino

Wie man die Bäume zum Blühen bringt

Von Maria Wiesner
Aktualisiert am 15.10.2020
 - 10:24
In der Mitte blüht der Hund: Edan Hayhurst (Colin), Amir Wilson (Dickon) und Dixie Egerickx (Mary) (von links).
Was passiert, wenn der für dunkelsten Humor bekannte „Utopia“-Regisseur Marc Munden einen Kinderbuchklassiker verfilmt? Er findet einen neuen Zugang zu altem Stoff, der nicht nur Kindern gefallen könnte.

Wie sähe es wohl aus, wenn Hitchcock einen Kinderfilm gedreht hätte? So ähnlich wohl, wie wenn Marc Munden, Regisseur der tiefschwarzen Verschwörungsthriller-Serie „Utopia“, den Kinderbuchklassiker „Der geheime Garten“ verfilmt. Die britische Schriftstellerin Frances Hodgson Burnett veröffentlichte das Buch 1911. Es handelt von der kleinen Mary, in Indien von einem Kindermädchen aufgezogen, die nach dem Choleratod der Eltern beim Onkel in England leben soll, dort allein das riesige Haus und Anwesen durchstreift und einen geheimen Garten sowie noch Dunkleres im Haus entdeckt.

Munden nimmt die Vorlage und ihre Figuren ernst, fragt nach ihren Motiven und versetzt Marys Geschichte dafür ins Jahr 1947. Am Vorabend der Trennung Pakistans von Indien erzählt das Mädchen unter einer Decke seinem Stofftier eine indische Fabel von Liebe und bösen Dämonen und lässt dazu Schattenpuppen an der Wand tanzen. Am nächsten Morgen wandert das Kind durchs verlassene Haus, sucht Essensreste zusammen, sitzt am Pool, spricht weiter mit dem Spielzeug. Irgendwann sind in der Ferne Schüsse zu hören. Die Kamera bleibt dabei die ganze Zeit nah am Kopf des Mädchens, zeigt das Geschehen aus seiner Perspektive, stellt jedoch alle Hintergründe unscharf. Mary hat sich aus der Welt zurückgezogen, um die Extremsituation zu überstehen. Die Perspektive wird erst in Nordengland wieder weiter, als Mary auf dem Weg zum Anwesen des Onkels durchs Moor fährt und Torfstecher wie Macbeth-Hexen aus dem Nebel hervortreten.

Dunkle Flure und noch dunklere Geheimnisse

Wie Hitchcock für seine Verfilmung des Daphne-du-Maurier-Krimis „Rebecca“ auf das britische Gothic-Idiom zurückgriff, inszeniert Munden das englische Anwesen mit zarten, kindgerechten Motivanleihen aus dieser Schauergeschichtentradition. Da ist die fiese Haushälterin, die mit Kerzenleuchter durch die dunklen Flure schleicht, da sind die Stimmen, die nachts durchs Haus wehen, da ist das Geheimnis, das der Onkel (Colin Firth, elegant verwahrlost, als käme er aus wochenlanger Quarantäne) in einem der verschlossenen oberen Zimmer hütet.

Dass man dabei um Mary immer ein bisschen mehr Angst hat, als es bei erwachsenen Schauspielern der Fall wäre, kann man zum einen Mundens Kalkül zuschreiben (passieren Kindern doch auch in „Utopia“ furchtbare Dinge); zum anderen liegt das an der jungen Dixie Egerickx, deren Mary glaubhaft zwischen Neugier, dem Trauma aufgrund des Verlusts der Mutter und der Abenteuerlust beim Erkunden geheimer Gemächer und verschlossener Tore agiert.

Die Zurückhaltung der Kamera am Anfang macht die plötzliche Entdeckung des geheimen Gartens noch prächtiger; wenn ein Rotkehlchen Mary den Weg weist und sie unter übergroßen Rhabarbergewächsen hindurchläuft und Schmetterlinge sich wie lebende Applikationen auf ihr Kleid legen, dann schmerzt der Farbkontrast zur Moorlandschaft fast in den Augen; Natur verschränkt sich symbiotisch mit dem Gemüt der darin Spielenden. Nur wer seine Ängste überwinden und sich mit dem Vergangenen versöhnen kann, bringt die Bäume zum Blühen.

Diese psychologische Komponente zieht sich durch den ganzen Film, als Mundens Schlüssel zum Stoff. In seiner Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Jack Thorne, der zuletzt die Jugendbücher um die Detektivin „Enola Holmes“ zum Spielfilmskript adaptierte, erzählt er so eine Geschichte von Verlust und Trauer und von der Aufgabe, weiterzumachen und nicht aufzugeben. Die pädagogische Frage, ob man Kindern derlei zumuten darf, ist damit ästhetisch selbstbewusst entschieden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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