Alexander, der große Liebhaber
Die bisher wohl schönste Liebesszene im Film ist die, die in Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ Julie Christie und Donald Sutherland als Eheleute zeigt, die, vom Verlust der kleinen Tochter gezeichnet, in nie gekannter Leidenschaft miteinander schlafen. Die wohl schönste Liebesszene zwischen Männern bietet James Ivorys „Maurice“, in der James Wilby als gehemmter viktorianischer Jungkaufmann plötzlich durch einen unbefangenen jungen Wildhüter, gespielt von Rupert Graves, erstmals hemmungslose Lust erfährt.
Die eine Szene kennt jeder, die zweite kennen nur Cineasten, Ivory-Anhänger und die offenen oder heimlichen Angehörigen der Schwulenszene. Hätte 2003 ein Regisseur von der Souveränität Ivorys das Leben Alexanders des Großen verfilmt, stünden dank der Popularität Colin Farrells die Chancen gut, daß eine Liebesszene zwischen Männern den Bekanntheitsgrad der Christie-Sutherland-Sequenz erreichte. Der „Star-Regisseur“ Oliver Stone dagegen beschränkte sich in vorauseilendem Gehorsam auf diskretes Andeuten der Liebe Alexanders zu Frauen und Männern.
Fünfundzwanzig Anwälte
Doch schon ein flüchtiger Kuß zwischen dem Recken und seinem Geliebten Hephaistion genügte, um in Amerika fünfundzwanzig griechische Anwälte auf die moralischen Barrikaden und vor Gericht zu treiben. Ihr Sprecher erklärte, man wolle das Einblenden der Zeile „Vorsicht, alles frei erfunden“ erzwingen: „Es gibt kein einziges historisches Dokument, aus dem die angebliche Homosexualität Alexanders hervorgeht.“
Entweder haben die Anwälte nie Kallisthenes und Plutarch gelesen, oder sie haben, getreu dem Motto, daß nicht sein kann, was nicht sein darf, aus der Tatsache, daß beide ganz selbstverständlich, aber ohne das Wort Männerliebe von Alexanders Liebe zu Hephaistion und Kleitos berichten, geschlossen, daß Alexanders Verhalten tadelloser Platonik im heutigen Sinne entsprochen habe.
Maßlose Leidenschaft
Ohne Scheuklappen gelesen, ist die Sachlage eindeutig: Der Makedone liebte Männer mit oft maßloser, seinem großen Vorbild Achilleus entsprechender Leidenschaft. Als der geliebte Kleitos nicht dieselbe Hingabe bewies, wie Homers Patroklos sie für Achilleus aufbrachte, durchbohrte er ihn während eines Gelages mit einer Lanze. Dem Hephaistion dagegen blieb er so treu wie Roxane, der Fürstentochter von Baktria und Mutter seines Sohnes, die er 327 vor Christus heiratete und auch nicht verließ, als er aus diplomatischen Gründen zwei persische Fürstentöchter zu Frauen nahm, die er, nebst vielen Geliebten, stets an seiner Seite hatte.
Hephaistion erhob er nach dessen Tod zum Heros, so wie lange nach ihm Hadrian seine verstorbene große Liebe Antinoos zum Gott erhob. Auch für den Römer, sollte sein Leben einmal verfilmt werden, fänden sich gewiß Hollywood-Regisseure mit bigotter Diskretion und dennoch Anwälte oder andere homophobe Scheuklappenträger, die dagegen klagten. Nicht auszudenken aber, wie viele Gerichte rotieren müßten, käme ein Filmstudio auf die Idee, die Liebe des heiligen Königs David zu Sauls Sohn Jonathan ins Bild zu setzen. Dessen Denkmal wird wohl die Bibel bleiben, wo unzensiert die Davidklage zu lesen bleiben wird: „Es ist mir Leid um Dich. Deine Liebe ist mir wundersamer gewesen als Frauenliebe ist.“










