„Macbeth“ von Joel Coen

Das dritte Hexenwerk im Kino

Von Andreas Platthaus
29.12.2021
, 07:10
Denzel Washington und Frances McDormand in „Macbeth“
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Shakespeares „Macbeth“ ist Dauergast auf der großen Leinwand. Nun hat Joel Coen seine ­Version gedreht, und sie ist in jeder Hinsicht magisch.
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In der seit 1908 (ein neunminütiger Kurzfilm) andauernden und seither nie abreißenden Kette von Kinoversionen des Theaterstücks „Macbeth“ von William Shakespeare gab es bislang zwei Höhepunkte: Orson Welles’ andert­halbstündige Verfilmung aus dem Jahr 1948, natürlich mit dem Regisseur selbst in der Titelrolle, und neun Jahre später Akira Kurosawas hundertfünf Minuten dauernde Übertragung des Stoffs ins japanische Mittelalter, „Das Schloss im Spinnwebwald“, natürlich mit dem Lieblingsschauspieler des Regisseurs, Toshiro Mifune, in der Titelrolle.

Nun ist diesen optischen und psychologischen Meisterwerken ein Konkurrent er­wachsen: genauso lang wie Kuro­sawas Film, genauso expressionistisch karg in­szeniert bei wie Welles, genauso schwarz-weiß fotografiert wie beide Vorläufer, und die Titelrolle spielt auch wieder ein souverän zwischen Autoren- und Kommerzkino wechselnder Superstar: Denzel Washington, hier natürlich mehr als Schauspielkünstler denn als Actionheld gefragt. Denn beim Regisseur des neuen „Macbeth“ handelt es sich um Joel Coen, eine Hälfte des berühmten, sonst unzertrennlichen Brüderpaars, im Vergleich mit Ethan allerdings der regie­affinere – Joel ist schon bei et­lichen gemeinsamen Filmen als alleiniger Regisseur ausgewiesen. Aber noch nie hat er ohne Beteiligung Ethans am Drehbuch gefilmt. Doch der Bruder hatte laut Carter Burwell, dem langjährigen Stammkomponisten der Coens, der auch jetzt wieder den Score schuf, keine Lust auf eine Theaterverfilmung. „Macbeth“ ist somit Joel Coens erstes Soloprojekt, und das im Alter von Ende sechzig.

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Sie spielt unglaublich

Nun hat das für den Stoff erst einmal keine Bedeutung. Was kann daran sonst neu sein? Zunächst einmal die Besetzung der zweiten Hauptpartie, die der Lady Macbeth, mit einer Schauspielerin, die nicht nur der Bedeutung dieser Rolle für Shakespeares Tragödie gerecht wird, sondern auch dem Starstatus ihres Gegenübers etwas entgegenzusetzen hat. Kurosawa besetzte Isuzu Yamada, eine Akteurin, deren große Zeit schon ein Dutzend Jahre zurücklag. Orson Welles wiederum hoffte auf Vivien Leigh, scheiterte aber daran, dass die durch „Vom Winde verweht“ legendär gewordene Schauspielerin ausgerechnet mit Lawrence Olivier verheiratet war, dem größten britischen Shakespeare-Interpreten jener Zeit. Welles vermutete wohl zu Recht, dass sein „Macbeth“ keine Gnade vor den Augen dieses Traditionalisten gefunden hätte, der gerade erst selbst die Titelrolle in der Verfilmung von Shakespeares „Heinrich V.“ gespielt hatte. So besetzte er Jeanette Nolan aus seiner Mercury-Theatertruppe, die noch nie in einem Film aufgetreten war. Zwar kannte sie die physische Naturgewalt ihres Regisseur-Hauptdarstellers, nicht aber die spezifischen Herausforderungen der Kamera.

© Apple Deutschland

Joel Coen dagegen hat für Lady Macbeth die angesehenste und mit zwei Oscars in vier Jahren auch erfolgreichste amerikanische Filmschauspielerin der Gegenwart gewonnen: Frances McDormand, zufällig auch seine Frau und seit „Blood Simple“, dem Coen-Brothers-Debüt aus dem Jahr 1984, ein festes Element des herrlich eklektischen Brüder-Kosmos. Um es gleich zu sagen: Sie spielt unglaublich.

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Der Wahnsinn hat optische Methode

Das hat nichts mit Exaltiertheit zu tun; die ist eher Denzel Washington überlassen, der aber selbst bei Zornesausbrüchen noch eine Kälte in seine Miene zu legen weiß, die der wahlweise an eine Beckett-Bühne oder an Neu-Bayreuth er­innernden Ausstattung von Stefan Dechant für Joel Coens „Macbeth“ entspricht. Orson Welles hatte aus Budgetgründen auf einem bereits benutzten Set drehen müssen. Coen ist zwar für das Schottland seines Films auch ins Studio gegangen, hatte aber dank Apple-Streaming-Geldern die nötigen finanziellen Mittel für eine radikal forcierte Künstlichkeit des Dekors – bis hin zum Einsatz computergenerierter Raben, die für einige Schrecksekunden sorgen, auf die Hitchcock stolz gewesen wäre. Was Kurosawa und Welles nicht versuchten, das leistet jetzt Coen: eine visuelle Übertragung des dem Stück zugrunde­liegenden Wahnsinnsmotivs auf die Bildsprache.

Und dann die gesprochene Sprache. Natürlich ist Shakespeares Vorlage gekürzt worden, wie wäre das in weniger als zwei Stunden Leinwandzeit sonst auch zu leisten? Wie schon Welles macht Coen aber keine Kompromisse, was den Klang des Originaltextes angeht. Doch seine Akteure sprechen das elisabethanische Englisch wie einen Slang der Jetztzeit: mit großer Selbstverständlichkeit und einem natürlich wirkenden Dialogfluss noch bei der ge­stelztesten oder auch als mittlerweile stehende Redewendung abgedroschensten Formulierung. In dieser Tragödie der Todgeweihten lebt Shakespeares Sprache auf, und dankenswerterweise haben die deutschen Kinos, die den Film nun ein paar Wochen lang bis zum Streaming-Einsatz Mitte Januar zeigen dürfen, offenbar gar nicht erst nach deutsch synchronisierten Fassungen verlangt. Schön zudem, dass für die Untertitel auch ein archaisierender Text Verwendung fand.

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Was moderne Technik an Nostalgie möglich macht

Bei aller Anlehnung an die Stummfilmästhetik – vom damals gängigen Schmalwandformat bis zu direkten motivischen Übernahmen etwa aus Dreyers „Passion de Jeanne d’Arc“ von 1928 – ist Coens „Macbeth“ ein Film auf der technischen Höhe seiner Zeit. Die drei Hexen werden unmerklich von einer einzigen Schauspielerin gespielt, der Shakespeare-Veteranin Kathryn Hunter, die auch noch gleich die Rolle eines alten Mannes übernommen hat – alles digital ermöglicht. Und Bruno Delbonnel, als Kameramann von Jean-Pierre Jeunet ehedem ein Farbenzauberer, hat hier in einem Schwarz-Weiß fotografiert, das mit seinen Grauabstufungen und Schatten mehr Nuancen bietet als ein ganzer Regenbogen. Ein wahres Hexenwerk.

Bleibt die unvermeidliche Frage nach dem Warum eines schwarzen Macbeth. Aber Orson Welles war 1951 ja auch ein weißer Othello. Und Corey Hawkins gibt für Joel Coen einen wunderbaren Macduff; Charakterschwärze ist also kein Motiv; Schauspielkönnen ist es. Und ganz böse ist eh nur Alex Hassell als zynischer Ross, im Stück eine Neben-, hier eine Hauptrolle, der am Schluss auch den neuen König noch ins Unglück schickt. Das hatten weder ­Welles noch Kurosawa noch Shakespeare sich getraut.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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