Kinofilm „Blutsauger“

Vampirismus, nicht ausgelutscht

Von Bert Rebhandl
10.05.2022
, 16:14
Bei solchen Szenen schrie man selbst im Stummfilm vor Grauen.
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Wie ein Biss in die lebendige Arbeit: Der Film „Blutsauger“ von Julian Radlmaier zeigt einen historischen Stoff als absolut untot.
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Die Grenze zwischen Leben und Tod verläuft bei Karl Marx mitten durch einen Arbeitstag. Wer heute von Work-Life-Balance spricht, könnte bei einer Passage aus dem „Kapital“ stutzig werden, der zufolge es an jedem Tag ein „Ultima Thule“ gibt, einen Punkt, an dem weitere Belastung keinen Sinn mehr ergibt. Das Kapital aber ist seinem Wesen nach blind für diesen Punkt, es würde am liebsten weit darüber hinaus mit der „Einsaugung“ der Arbeitskraft weitermachen. Dass es dadurch den Charakter eines Vampirs annimmt, ist ein so berühmtes Bild geworden, dass man mit Lust darüber diskutieren kann, ob es denn glücklich oder unglücklich gewählt ist.

In Julian Radlmaiers Film „Blutsauger“ gibt es gleich zu Beginn eine solche Diskussion. An einem Strand in Norddeutschland sitzt eine Gruppe von Leuten beisammen und macht sich über die Kröner-Ausgabe von „Das Kapital“ her. Es ist der Sommer des Jahres 1928, wie ein Insert bald zu wissen gibt. Man könnte sich die Epoche aber auch aus den Zeichen zusammenreimen, die sich bald dazugesellen, aus der Mode, die eine blasse blonde Frau namens Octavia Flambow-Jansen trägt, aus der Kopfbedeckung, die ein „Gast aus der klassenlosen Gesellschaft“ trägt. Der Gast heißt Ljowuschka, Frau Flambow-Jansen liest ihn am Strand auf und hält ihn erst einmal für einen Baron, seiner stattlichen Erscheinung wegen. Sie nimmt ihn mit zu sich nach Hause, in eine noble Villa, in der er seine Geschichte erzählen darf. Er ist ein Schauspieler auf dem Weg aus der Sowjetunion nach Hollywood, Deutschland, das Land von Caligari und Mabuse und natürlich Nosferatu, soll für ihn nur Zwischenstation sein. Wie es oft so ist: Der Baron bleibt hängen, er wird an Küsten, von denen aus man beinahe nach Leningrad schauen kann, seine Bestimmung finden. Es ist allerdings eine unbestimmte Bestimmung, wie sich auch das Bild vom einsaugenden Kapital als ebenso plausibel wie komisch übertrieben erweist. Julian Radlmaier hat schon mit seinem ersten Film „Ein Gespenst geht um in Europa“ (2013) das Vokabular des Kommunismus aufgerufen, es folgten 2014 „Ein proletarisches Wintermärchen“ und 2017 die „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“. Spätestens damals wurde klar, dass sich da ein sehr origineller Neuansatz im Ausgang von klassischen Formeln eines linken, agitatorischen Kinos abzeichnete, das sich im 20. Jahrhundert noch sehr darum bemüht hatte, selbst revolutionäre Avantgarde zu sein und mit intellektueller Montage die Erkenntnisprozesse des Proletariats gleich vorwegzunehmen.

© YouTube/KinoCheck Indie

Die Pilgerreise in „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ setzte dagegen deutlich bei einem heimatlosen Linken wie Pasolini an und ließ im Übrigen keinen Zweifel daran, dass das Ziel der Neuerfindung eines linken, nicht dogmatischen Kinos irgendwo in den Gefilden der Komödie zu finden sein müsste.

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Aspekte der Satire

Mit „Blutsauger“ lässt Radlmaier nun die Ästhetiken des frühen 20. Jahrhunderts noch einmal Revue passieren. Der Baron ist ein Davongekommener aus dem sowjetischen Revolutionskino: Er spielte in „Oktober“ den Stalin-Gegner Trotzki und musste nach der entsprechenden Phase der Säuberungen nicht nur aus dem Film, sondern aus dem ganzen Kinobetrieb geschnitten werden. Für die etwas orientierungslose Fabrikantentochter Octavia wird er zu einer Inspiration, für deren Assistenten Jakob zu einem Nebenbuhler und für die Angehörigen von Octavias Klasse zum Gegenstand nicht immer nur milden Spotts. Während es schließlich sogar zu Vampirfilm-Dreharbeiten kommt, rumort es in der Fabrik: Ein Betriebsrat soll sich formieren, „an sich kein Grund zu übertriebener Sorge“, aber es soll auch Kommunisten in der Belegschaft geben. Da wäre es doch eine gute Idee, wenn Ljowuschka, auf den es doch Stalin höchstpersönlich abgesehen hat, den Leuten ein wenig vom „Kommunismus aus der Opferperspektive“ erzählen könnte. Ob der muffige Kohlgeschmack, den einer von Octavias kapitalistischen Freunden an dem falschen Baron wahrnimmt, auch zu den Opfererfahrungen eines Entflohenen aus einer utopischen Mangelwirtschaft gehört, bleibt in dem schönen Ungefähren, in dem Radlmaier vieles hält.

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Er will sich weder über Eisenstein per se lustig machen noch über das Bedürfnis der deutschen, vorfaschistischen Elite, vor der Ausrufung des Herrenmenschentums noch ein bisschen zu orientalisieren. „Blutsauger“ hat zwar zweifellos Aspekte einer Satire, die allerdings ständig daran arbeitet, sich selber zu verunsichern und just die Ebene abzuschaffen, von der aus sich selbstgerecht über die Verhältnisse echauffiert werden könnte. Das gilt dann auch für die Ebene, die man früher als Ideologie bezeichnete und noch früher als Wissenschaft, also all das, was Kommunisten aus Marx meinten stringentestens ableiten zu müssen. Radlmaier gönnt sich den kleinen Spaß, noch den Marx-Lesekreis als „Marx-kritischen Marx-Lesekreis“ auszuweisen.

Man würde allerdings fehlgehen, wenn man „Blutsauger“ einfach als einen leicht frivolen Abgesang auf alle Versuche sehen wollte, politisch etwas festzumachen. Es ist nämlich der Hofnarr Ljowuschka selber, der schließlich in einer fast klassischen Dramaturgie zur Kristallisationsfigur wird, ohne dass es dazu alter Opfer- oder Märtyrerlogiken bedürfte. Die Hoffnungen des Jahres 1917 werden bei ihm auf die Formel „Blumenkohl für alle“ gebracht, und wenn er am Ende mit einem Blumenstrauß in der Hand auf einen Aufgeknüpften eines unklaren Aufruhrs trifft, dann hat er etwas von einem heiligen Idioten. Dass Alexandre Koberidze, der Schauspieler des Ljowuschka, als Regisseur einen der besten Filme des aktuellen Kinojahres gemacht hat („Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen“), ist dazu nicht nur eine Information vom Rande her, sondern ein Zeichen, dass im jüngeren deutschen Kino die intellektuellen und die poetischen Traditionen stark zusammenwirken.

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Quelle: F.A.Z.
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