Kinofilm „Das kalte Herz“

Der Holländermichel lacht sich eins

Von Tilman Spreckelsen
20.10.2016
, 13:39
Heimliche, schmachtende Blicke: Die Glasmachertochter Lisbeth (Henriette Confurius) liebt Peter Munk (Frederick Lau).
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Düster daneben: „Das kalte Herz“ könnte der Film zur Stunde sein, wenn er sich bloß Hauffs hellsichtigem Märchen anvertrauen würde. Leider erzählt er stattdessen eine Liebesgeschichte.
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Es grummelt, es dröhnt, es geht dezidiert unheimlich zu, noch bevor das erste Filmbild erscheint, und so unheilschwanger setzt es sich auch fort: Ein Gewitter geht nieder, und wenn mal ein Blitz die Leinwand erleuchtet, kriechen Wesen durch den Wald, während das meistverfremdete von ihnen mit knarziger Gruselfilmstimme die Zuschauer anklagt: „Früher“, keucht es, „habt ihr an uns Geister geglaubt. Aber jetzt stellt ihr euch über die Natur. Ihr wollt die Welt erobern.“

So grimmig und zugleich so schlicht hat man jedenfalls das freundliche Glasmännchen aus Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ noch nicht gesehen, den heftig maskierten Schauspieler Milan Peschel allerdings auch nicht, der das Fabelwesen als Naturgeist mit zerfließender Macht anlegt. Und wenn sich dann kurz darauf der Holländermichel den Brustkorb aufschneidet, ein blutiges, zuckendes Herz herausholt und Filmsekunden später gewaltsam den Berg hinabgestürzt wird, um hernach ein Zombiedasein zu führen, dann ahnt man, welche Akzente Johannes Nabers Werk setzen möchte: Haltet mich bloß nicht für einen harmlosen Märchenfilm, heißt das, diese Schwarzwald-Geschichte ist hart, das Leben damals, im frühen neunzehnten Jahrhundert war es schließlich auch, und immerhin geht es hier um einen Teufelspakt.

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Angestrengt düster

Übertrieben lieblich geht es in dieser Märchenverfilmung also nicht zu, das wird man ihr zugutehalten. Und zugleich das Gespür für ein Thema, von dem der knapp 25-jährige Wilhelm Hauff 1827 gar nicht ahnen konnte, dass es mit jedem seither verfließenden Jahr immer aktueller werden würde. Eingebettet in seine Märchensammlung „Das Wirtshaus im Spessart“, in der jeder einzelne Text nur vom Geld handelt und von den Wegen, reich zu werden, erzählt „Das kalte Herz“, längster und gewichtigster Beitrag dieses Almanachs, vom Traum des Schwarzwälder Köhlerjungen Peter Munk.

Er möchte sozial aufsteigen, angesehen und geachtet werden, er möchte die Taschen voller Geld haben und der flotteste Tänzer weit und breit sein, nur dafür arbeiten will er nicht. Zwei Schwarzwald-Geister stehen bereit, ihm dazu zu verhelfen, der eine aber, das weise lächelnde Glasmännlein, erfüllt ihm seine Wünsche nicht ohne weiteres – einen der drei hält es zurück. Und als Peter Munk, den nun niemand mehr den Kohlenmunkpeter nennt, mit den Gaben des Glasmännleins nichts mehr anfangen kann, da geht er zum anderen Geist, dem Holländermichel, und verkauft ihm sein Herz.

Erst ein Anhänger, dann ein Bekämpfer des biedermeierlichen Turbokapitalismus: der Köhler und Glasmacher Peter Munk (Frederick Lau).
Erst ein Anhänger, dann ein Bekämpfer des biedermeierlichen Turbokapitalismus: der Köhler und Glasmacher Peter Munk (Frederick Lau). Bild: Weltkino

Hauff erzählt das schnörkellos, von der Schwarzwald-Seligkeit späterer Epochen ist noch nichts zu sehen, und derlei ist auch Nabers Film ganz fremd. Seine Schwarzwälder tragen stattdessen Stammesmarkierungen im Gesicht, es stehen die Flößer, die das im Wald geschlagene Holz nach Holland verschiffen, gegen die Köhler, die daraus lieber Brennstoff machen, und wenn einmal getanzt wird, dann zu Trommelklang. Hier tut sich Lisbeth hervor, gespielt von Henriette Confurius, in sie ist Peter Munk verliebt, was sich gleich zu Anfang des Films in heimlichen, schmachtenden Blicken niederschlägt. Lisbeth liebt ihn zurück, zudem ist sie hier die Tochter eines Glasmachers, und als der reich gewordene Peter sie endlich heiraten darf, bringt sie das nötige handwerkliche Wissen gleich mit: Nichts, so denkt man, steht dem jungen Glück noch im Wege.

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Zombietypisches Schrumpfen und Verwesen

Dramaturgisch aber liegt darin das Scheitern des Films begründet, der so angestrengt düster ist, dass er die Gutwilligkeit der Liebenden nicht recht aufzufangen weiß. Wenn doch alles so gut läuft, wenn doch Peter ein solches echtes Interesse am alten Handwerk hat, was ja einigen seiner Nachbarn zu Wohlstand verholfen hat – warum also geht die Sache schief, warum geht sein Unternehmen den Bach herunter, so dass er in einer dramatischen Szene im finsteren Wirtshaus seinem Gegenspieler unterliegt und als Hexer enttarnt wird?

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Weil Hauffs Märchen von etwas ganz anderem erzählt. Und weil es so staunenswert gebaut ist, dass man, nimmt man einen Baustein heraus und fügt einen anderen hinzu, das ganze Gebäude zum Einsturz bringt. Denn Hauffs Kohlenmunkpeter ist ja komplett desinteressiert am Handwerk, an Lisbeth sowieso, und während er in diesem Film das Geld braucht, um Lisbeth heiraten zu können und dann einem Beruf nachzugehen, den er mag, geht es ihm im Märchen einzig ums Geld. Da ist es egal, von wem es kommt, ob vom Holländermichel oder vom Glasmännlein, und es ist erst recht egal, ob das Herz dabei verlorengeht.

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„Das kalte Herz“

Hauff wird dafür seine Zeitgenossen beobachtet haben und sich selbst, er wird den gewaltigen gesellschaftlichen Umbruch der beginnenden Biedermeierzeit registriert und vor allem weitergesponnen haben, er wird die Entwurzelung und Landflucht, die Anziehungskraft der entstehenden Fabriken, die massenhafte Alphabetisierung immer größerer Teile der Bevölkerung gesehen haben – und das Ende der Welt, in die er hineingeboren worden war. Und während Nabers Film am Ende in einer Szene schwelgt, in der Peter dem untoten Holländermichel, gespielt von Moritz Bleibtreu, das Herz wieder in den Brustkorb stopft, was er mit zombietypischem Schrumpfen und Verwesen quittiert, während hier also das Rad zurückgedreht und der Exponent des Turbokapitalismus vernichtet wird, ist auch hier das Buch klüger und konsequenter: Peter mag hier entkommen sein (vielleicht ist er es auch nicht), der Holländermichel aber lacht sich eins und macht weiter wie bisher.

Der Aufwand ist groß, die Kostüme nett, der Wald düster, und wer Splatterfilme mag, kommt wahrscheinlich ein wenig auf seine Kosten. Aber all dies ist so lauwarm und bequem, dass dem Text, dem Stoff und eigentlich auch dem Film der Zahn gezogen wird. So dass wir über uns und unsere Zeit rein gar nichts erfahren.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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