Sommerfilm „Kokon“

Kinder der Freiheit

Von Bert Rebhandl
Aktualisiert am 15.08.2020
 - 13:09
Nora (Lena Urzendowsky) verliebt sich in eine ältere Mitschülerin (Jella Haase)
Leonie Krippendorff erzählt in „Kokon“ von einer Verpuppung und einer großen Liebe – in einem utopischen, niemals kitschigen Berliner Sommer.

Der Sommer 2018 war heiß. Für die Schwestern Jule und Nora bedeutet das: Wann immer es geht, sind sie im Prinzenbad, nur ein paar Schritte entfernt von ihrem Viertel am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg. Sie hängen ab, beschäftigen sich mit ihren Handys, haben Spaß mit den Jungs. Zwischendurch gibt es auch noch Schule, aber das läuft eher so mit.

Einmal gibt es eine Aufgabe: eine Präsentation zu der Frage „Was ist abstrakt?“. Nora, die eigentlich noch gar nicht zu den Großen gehört, aber wegen einer Verletzung nicht an einer Fahrt ihrer eigenen Klasse teilnehmen kann, überrascht mit einem künstlerisch anmutenden Vortrag: Sie erzählt von einem Falter, den sie zugleich in einer Lichtinstallation an die Wand projiziert. Zusammen mit den Raupen, die sie daheim im Jugendzimmer aufzieht, ist damit das Bild benannt, dem sich der Filmtitel „Kokon“ verdankt: Leonie Krippendorff erzählt von einer Verpuppung in einem großen Sommer in Berlin.

Aus Nora (eine absolute Entdeckung: Lena Urzendowsky) wird in diesen Wochen eine junge Frau. Sie verliebt sich in Romy (Jella Haase), eine ältere Mitschülerin, sie erlebt tolle Dinge mit ihr und auch Enttäuschungen. Und das alles spiegelt sich im Gesicht von Nora wider, die mit großem Mut, aber auch mit einer bemerkenswerten Intelligenz aus der Rolle des Gruppenbabys heraustritt.

Braucht die Liebe eine Bezeichnung?

In einer Schlüsselszene hat sie ein Gespräch mit einer Lehrerin. Die Pädagogin sucht das Vertrauen der Schülerin, und die spricht auch sehr freimütig von ihrer Entdeckung, dass sie in Romy etwas sieht, was ihr etwas über ihr eigenes Wesen erzählt. Der erste Impuls der Lehrerin ist liberal, aber auch abwehrend: Nora ist in einem Alter, in dem sie sich über ihre sexuelle Identität noch keine großen Gedanken machen sollte, das ist ja alles noch in Bewegung. Nora aber will sich genaue Gedanken machen, sie weiß schon viel von sich, und sie ist auch bereit, sich einzuordnen – als lesbisch? Das wäre dann wohl der Begriff dafür.

Später trifft sie einen Jungen, der in sie verliebt ist oder der jedenfalls gern einen Kuss von ihr kriegen würde. Auch ihm präsentiert sie dieses Wort „lesbisch“ wie einen Vorschlag, und er geht gut darauf ein, vielleicht auch deswegen, weil damit seine Enttäuschung nicht so groß sein muss. Denn Nora ist damit auch irgendwie ein Junge, jedenfalls sieht sie Romy ein bisschen wie einer.

Leonie Krippendorff erzählt in ihrem zweiten Film aus einer Welt, die sonst häufig eher in Krisenberichten auftaucht. Dass Kottbusser Tor in Berlin mit seinen markanten Wohntürmen, den allgegenwärtigen Graffitis und einer „orientalischen“ Betriebsamkeit ist längst ein populärer Topos im deutschen Film und Fernsehen. Gerade eben hat Neco Celik, der sich „am Kotti“ wirklich auskennt, mit der Serie „Crews & Gangs“ einen neuen popkulturellen Mythos für die gern einmal als gefährlich beschriebene Ecke vorgelegt.

Und manche mögen sich vielleicht noch an Bettina Blümners Dokumentarfilm „Prinzenbad“ (2007) erinnern, in dem drei Protagonistinnen zu sehen waren, die wie ältere Schwestern von Nora und Romy und Jule und Aylin aus „Kokon“ wirken. Das multikulturelle Kreuzberg, mit Jugendlichen, die zur Hälfte in Betonfluchten, zur Hälfte auf Instagram leben, ist in „Kokon“ keineswegs ein Problemmilieu, sondern eine – nicht zuletzt durch ein ausgeprägtes Licht- und Farbkonzept – offenkundig leicht utopisch akzentuierte, aber niemals kitschige Schule des Lebens.

Gerade die Themen, die man jederzeit auch für Krisendiagnosen verwenden könnte, werden hier positiv gewendet: Nora und Jule leben ja deswegen so in den Tag hinein, weil ihre Mutter sich nicht ausreichend um sie kümmert. Sie hat wohl auch ein Alkoholproblem, und damit hätte man auch schon das klassische Sozialdrama parat. Aber Leonie Krippendorff lässt auch diese zwiespältige Figur einer Frau, die ihren Kindern die Last und das Privileg einer übergroßen Freiheit aufgibt, nicht in einer eindimensionalen Erzählfunktion verkümmern.

Sie deutet mit wenigen Zügen eine weitere Geschichte an, die auch jederzeit eine eigene Erzählung wert wäre, die es im deutschen Kino wiederum auch schon gab, zum Beispiel in „Die Unerzogenen“ von Pia Marais. Nora und Jule sind die Kinder einer Freiheit in zweiter oder sogar schon dritter Generation, Kinder einer hochindividualisierten Liberalität.

Die „Großfamilie“ am Kottbusser Tor fängt vieles von dem auf, wofür die Kernfamilie längst zu eng ist. Und so ist „Kokon“ nicht nur ein sehr überzeugender Film über eine sexuelle Bewusstwerdung, sondern über Sozialisation in einem weiteren Sinn: Schule, Medien, auch die umstrittene Architektur am Kottbusser Tor spielt in „Kokon“ eine wesentliche Rolle. Die jungen Frauen machen sich die auskragenden Balkone zu eigen wie Inseln der Autonomie.

Im Februar hatte „Kokon“ auf der Berlinale Weltpremiere und löste vielfach Begeisterung aus. Wenige Tage später kamen die Kontaktbeschränkungen, und das Kulturleben kam zum Erliegen. Für einen Trost und eine Zukunftsperspektive in dieser eigentümlichen neuen Normalität im Sommer 2020 könnte man sich kaum eine schönere Vision vorstellen als diesen „Kokon“, der auch dem deutschen Kino eine vielversprechende Richtung weist.

Quelle: F.A.Z.
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