Kinothriller aus Frankreich

Einsamer nie als an Heiligabend

Von Andreas Kilb
05.09.2020
, 19:56
Nicolas Boukhriefs Film „Drei Tage und ein Leben“ erzählt von einer Kindheit in der belgischen Provinz – und davon, wie sie durch ein traumatisches Ereignis endet. In einer Nebenrolle glänzt Sandrine Bonnaire.

Am 26. Dezember 1999 zieht das Orkantief „Lothar“ über West- und Mitteleuropa. Durch den Sturm, der in Böen zweihundertfünfzig Stundenkilometer erreicht, sterben mehr als hundert Menschen, der Versicherungsschaden von sechs Milliarden Dollar, den er anrichtet, ist einer der größten der jüngeren Geschichte. Zu den von „Lothar“ besonders schwer getroffenen Dörfern gehört Olloy-sur-Viroin, ein Ortsteil der Gemeinde Viroinval in der südbelgischen Provinz Namur.

In Nicolas Boukhriefs Film „Drei Tage und ein Leben“ hat sich der zwölfjährige Antoine ins Schlafzimmer seiner Mutter am Rand von Olloy geflüchtet, als ein dicker Ast durch das Fenster bricht und Blanche (Sandrine Bonnaire) am Kopf trifft. Antoine zieht die Bewusstlose die Treppe hinauf, während das Wasser die Türen aufdrückt und das Erdgeschoss des Hauses überflutet. Am Abend zuvor hat der Junge versucht, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Jetzt ist er in Sicherheit, weil der Orkan die Spuren seiner Tat verwischt.

Auch Unschuldige müssen büßen

Von dieser Tat und dem, was sie auslöst, handelt der Film in zwei zeitlich getrennten Erzählsträngen, zwischen denen die Orkannacht als dramaturgische Nahtstelle fungiert. Dabei geht es nicht um Schuld und Sühne, sondern um eine Art Wirkungsprotokoll: um die sozialen und persönlichen Folgen, die ein traumatisches Ereignis für all jene hat, die darin verstrickt sind. Aber so ganz lässt sich das alte Muster dann doch nicht verdrängen. Der erwachsene Antoine büßt für das, was der Junge angerichtet hat.

Und andere büßen schuldlos mit ihm, etwa der polnische Geliebte seiner Mutter, der zwei Tage vor dem Sturm verhaftet und aus Mangel an Beweisen freigelassen wurde. Die Szene, in der er sich, viele Jahre später und lange nach dem Tod ihrer Liebe, von der Geliebten verabschiedet, bevor er den Bus nach Polen nimmt, ist so etwas wie der verborgene emotionale Höhepunkt des Films und Sandrine Bonnaire eine Meisterin darin, die Tränen, die ihrer Figur in die Augen steigen, unter den Wimpern zu ersticken. Nein, Kowalski hatte nichts mit dem Verschwinden des kleinen Rémi zu tun. Aber es half ihm nicht.

Pierre Lemaitre, der Autor des Romans, ist Goncourt-Preisträger und einer der führenden französischen Krimischriftsteller und Nicolas Boukhrief, der Regisseur der Verfilmung, eines der originellsten, wenn auch bei uns fast unbekannten Kinotalente seiner Generation. In einem Interview zu „Drei Tage und ein Leben“ vergleicht er sich mit Chabrol und Henri-Georges Clouzot, was immerhin zeigt, dass er genau weiß, worauf er sich mit Lemaitres Buch eingelassen hat.

Das Dorf ist kein Dorf, sondern eine Welt

Denn Chabrol und Clouzot hätten von einem Stoff wie diesem geträumt. Das Dorf in den Ardennen ist ja kein Dorf, sondern eine Welt. Das Absterben der Provinz, die Deindustrialisierung, der Rückzug der Kirche aus dem Alltag, der Zerfall der Familie, das alles spielt in diese Geschichte hinein. Als ein Kind spurlos verschwindet, werden die bis dahin diffusen Perspektiven schlagartig scharf gestellt. Als Notgemeinschaft lebt Olloy-sur-Viroin noch einmal auf.

Doch der Moment vergeht, Vergessen setzt ein. Fünfzehn Jahre später wird beim Roden eines Waldstücks eine Leiche in einem Kinderanorak entdeckt. Die oberflächlich vernarbte Wunde des Dorfes öffnet sich wieder, aber jetzt stellt sich heraus, dass mehr Leute ahnen, was damals passiert ist, als man vermuten durfte. Der Täter, der keiner ist, muss für die Tat, die keine war, mit seinem Leben büßen, nicht auf einmal, sondern in Raten, Tag für Tag. Das Bild der Familie des Landarztes Antoine Courtin beim Weihnachtsessen, mit dem die Geschichte endet, könnte aus einem Horrorfilm stammen. Aber da stünde es am Anfang.

Dass der Vergleich mit Chabrol und Clouzot dennoch hinkt, liegt nicht an Boukhriefs Bildsprache. Seine Optik (Kamera: Manuel Dacosse) ist bestechend, „Drei Tage...“ sieht nie wie ein „Tatort“ aus. Doch die Balance zwischen Dorfpanorama und Krimigeschichte gelingt ihm nicht. Die statischen Beschreibungen des Buches hätte Boukhrief an den Blick einzelner Personen heften und damit flüssig machen müssen, aber er filmt das Leben in Olloy, als sammle er Material für eine Dokumentation. Gerade darin waren die Altmeister klüger als ihr ehrgeiziger Schüler: Sie wussten immer, was sie ihren Figuren schuldig waren. Aber das Kino fängt eben, anders als die Lebensformen der Provinz, in jeder Generation neu an, und Boukhrief hat noch viele weitere Versuche frei.

Das bedeutet nicht, dass „Drei Tage und ein Leben“ den Preis eines Filmtheatertickets nicht wert wäre. Man muss nur eine einzige Szene mit Sandrine Bonnaire oder Charles Berling (der den Vater des kleinen Rémi spielt) sehen, um zu verstehen, warum das französische Kino noch immer das beste in ganz Europa ist. Selbst das Wetter hat hier, wie sonst nur in Hollywood, einen großen Auftritt. Der Orkan „Lothar“ war bislang nur ein Thema für historische Rückblicke im Fernsehen. In diesem Film bekommt er eine Geschichte.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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