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Filmkritik „Adam und Evelyn“

Als die DDR verschwand

Von Bert Rebhandl
 - 18:51
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Filmkritik „Adam und Evelyn“
Ein Höhepunkt für Männer und Frauen

Ein blauer Wartburg, Baujahr 1961, mag im Jahr 1989 nicht ganz das ideale Fluchtfahrzeug aus der DDR gewesen sein. In Andreas Goldsteins Film „Adam und Evelyn“ passt die „Klapperkiste“ aber perfekt. Denn die epochalen Ereignisse der Wende haben die Welt gleichsam im Schnelldurchlauf ereilt. Nun, eine Generation später, scheint es sinnvoll, sie noch einmal in Zeitlupe zu durchlaufen. Denn es sind noch ein paar Fragen offen. Vor allem die entscheidende: Was genau ist damals eigentlich passiert, als die DDR zu verschwinden begann?

Der Lenker des Wartburg trägt den bürgerlichen Namen Lutz Frenzel. Sein Rufname ist Adam, aus Gründen, über die man schöne Spekulationen anstellen kann. Adam ist eine Figur aus dem Roman „Adam und Evelyn“ von Ingo Schulze, erschienen 2008. Sein Leben im Sommer 1989 gleicht einem Idyll.

Er ist Schneidermeister mit einem Atelier im Grünen, seine Kundschaft ist überwiegend weiblich, manche Frauen lassen sich im Garten dann auch noch fotografieren, mit neuem Kleid oder ohne. Und manchmal in den Schuhen von Evelyn. Die empfindet das zu Recht als Übergriff, denn sie möchte weder ihre Schuhe noch ihren Lebensgefährten mit anderen Frauen teilen.

Adam und Evelyn zwischen Paradies und Sündenfall

Sie möchte lieber mit Adam nach Ungarn, zum Urlaub an den Plattensee. Was das in diesen Wochen bedeutete, muss nicht ausführlich in Erinnerung gerufen werden. Über Ungarn führte damals einer der ersten Wege in den Westen, bei den diplomatischen Vertretungen der BRD in den sozialistischen Bruderländern schlugen unzufriedene Bürger der DDR erste Breschen in die Reiseunfreiheit.

Evelyn ist Kellnerin, sie träumt aber von einem Studium der Kunstgeschichte. Weil Adam sich anstellt, fährt Evelyn schließlich mit einem anderen Wagen: einem West-Auto, picobello und sicher mit gerade einmal ein, zwei Jährchen in den Felgen. Es gehört einem Schönling namens Michael, der Evelyns Freundin den Hof macht.

Michael ist einer, der zu Evelyn sagt: „Am liebsten wäre ich jetzt mit dir in New York.“ Oder: „In Rio kann man zu Weihnachten im Meer baden.“ Oder: „In vierzig, fünfzig Jahren haben wir das Meiste im Griff.“ Er meint den Tod. Als Zellbiologe arbeitet er an der Abschaffung des Todes, inzwischen sind von den vierzig, fünfzig Jahren allerdings schon dreißig vergangen.

Das heißt aber nicht, dass Ingo Schulze oder Andreas Goldstein sich über diesen Michael lustig machen würden. Dazu ist der Tonfall des Buches und des kongenialen Films viel zu lakonisch. Michael kommt aus einem Land, in dem es jederzeit möglich ist, alles hinter sich zu lassen, aber die wenigsten haben das konkret vor. Evelyn hingegen ist von diesem Pathos beseelt: „Ich würde so gern alles hinter mir lassen.“

Adam ist in dieser Geschichte das retardierende Moment. Er steht sicher nicht für die DDR von Honecker und Mielke. Er steht für etwas an der DDR, was sich vielleicht wirklich nur in einer Variation des Paradiesmythos erzählen lässt. Der Kommunismus hatte die Sache mit dem Paradies ja umgedreht und es hinten an die Geschichte drangestoppelt, als utopischen Horizont.

In der Version in der Bibel, die Adam und Evelyn in einem Hotelzimmer in Österreich finden, entdecken sie aber nur die Sache mit dem Sündenfall. Es wird also zunehmend unklarer, wo vorne und hinten ist (historisch gesehen), und so ist es letztlich passend, dass Adam sich im Westen anstellt wie „der erste Mensch“.

Goldsteins andere DDR

Für Andreas Goldstein, der im Jahr der Wende fünfundzwanzig Jahre alt wurde, ist „Adam und Evelyn“ der erste abendfüllende Spielfilm. Da hat also jemand sich möglicherweise Zeit genommen – die Gemächlichkeit und Bedächtigkeit, die ein wichtiges Charakteristikum von Adam ist, muss man aber nicht individuell dem Regisseur zuschreiben.

Es reicht die Feststellung, dass der Film „Adam und Evelyn“ zu Beginn dieses Jubeljahres bestens an der Zeit ist, weil er ein wenig später dran ist. In wenigen Wochen wird Goldstein zudem mit „Der Funktionär“ auch noch seinen Dokumentarfilm über seinen Vater Klaus Gysi in die Kinos bringen, eine Archiv- und Montagearbeit über eine andere DDR, von der „Adam und Evelyn“ nur sehr implizit spricht. Es ist die DDR der Funktionäre, die möglicherweise die Sache mit dem Sozialismus (oder mit dem Paradies) nicht auf die Reihe bekommen haben. Die Mauer war dafür das Sinnbild: einen idealen Garten darf man nicht einzäunen.

In jedem Fall fällt es auf, dass sich seit einer Weile die Kinder der Generation Ulbricht verstärkt zu Wort melden: für Thomas Brasch hat das Annkatrin Hendel mit ihrem Familienfilm über die Braschs übernommen (und der Maler Florian Havemann, der für seinen schon verstorbenen Freund spricht); von Thomas Heise, dem Sohn des Philosophen Wolfgang Heise, kann man ein gewichtiges Statement erwarten, wenn er den Familienfilm fertigstellt, an dem er gerade arbeitet. Mit Andreas Goldstein (und seiner Partnerin Jakobine Motz, die für Drehbuchberatung, Kamera und Schnitt bei „Adam und Evelyn“ zuständig war) kommt nun aber noch ein neues Moment hinzu.

Zeit nehmen für die konkrete Utopie

Denn die Fahrt in den Westen, mit einem Oldtimer und einer Schildkröte im Gepäck, kann man als eine Betrachtung über Angelegenheiten sehen, für die damals, in den grundstürzenden Wochen bis zur Wiedervereinigung, keine Zeit war. Das deutsche Kino hat sich diese Zeit auch nie genommen, sondern hat die DDR mit Komödien („Goodbye, Lenin“) und Serien („Weißensee“) ungefähr so übernommen, wie die Treuhand die Ökonomie des Arbeiter-und-Bauern-Staats abgewickelt hat.

Adam ist keiner, der irgendein Rad einer Geschichte zurückdrehen will, oder wenn, dann am ehesten von der Geschichte aus der Bibel, denn es würde ihm nicht einleuchten, dass ein Biss in einen Apfel zum Staubfressen führen muss (bei ihm wäre die einschlägige Frucht eher die Quitte, und in die kann man sowieso nicht so einfach hineinbeißen). Aber Adam bringt noch retrospektiv etwas in den Geschichtsverlauf, das man als kritische Potenz begreifen könnte, wäre es im Film konkret nicht einfach die schöne Widerständigkeit des Körpers des österreichischen Schauspielers Florian Teichtmeister.

Im Grunde führt „Adam und Evelyn“ einmal im Kreis – und zweimal um die Ecke, aus der real existierenden DDR in eine DDR zurück, die in jeder Hinsicht abzuwickeln war – nur nicht in Hinsicht auf die Menschen, die in ihr gelebt haben, und in Hinsicht auf die rätselhaften Hoffnungen, die einmal an der Idee von Sozialismus hingen. „Adam ist genügsam“, heißt es an einer Stelle. „Das Haus, der Garten, die Nachbarn. Er hat nur einen Luxus: die Arbeit.“ Deutschland kann man zum Beginn dieses Europa- und Ostwahljahrs keinen besseren Film wünschen als die als „Männer- und Frauengeschichte“ tiefstapelnde konkrete Utopie „Adam und Evelyn“.

Quelle: F.A.Z.
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