Filmkritik „The Suicide Squad“

Sag Hai zu Rambo

Von Maria Wiesner
05.08.2021
, 21:07
Nehmen Aufstellung: die Damen und Herren vom „Suicide Squad“.
Er macht Silvester Stallone zum Gott und der Psychopathin Harley Quinn eine Liebeserklärung: Regisseur James Gunn drechselt mit der Comic-Verfilmung „The Suicide Squad“ neue Windungen ins Actiongenre.

Es gibt subtile Filmmittel, um Zuschauern klarzumachen, dass hinter einer gezeigten Handlung nicht alles so ist, wie es scheint. Wer James Gunns letzten großen Erfolg, das Marvel-Superhelden-Spektakel „Guardians of the Galaxy 2“, gesehen hat, weiß: Dieser Regisseur hält nicht viel von Subtilität. Und so zieht er in „The Suicide Squad“ gleich in der ersten Szene den Zuschauern den Boden unter den Füßen weg. Zu Johnny Cashs „Folsom Prison Blues“ taucht vor blauem Himmel ein Gesicht auf, umrahmt von langem schlohweißen Haar. Gerade als dazwischen der gelangweilte Blick eines Mannes sichtbar wird, begibt sich die Kamera auf Achterbahnfahrt und dreht um 180 Grad. Der freie blaue Himmel war nur Spiegelung in einer Pfütze, der Mann sitzt umschlossen von Gefängnismauern im Sonnenfleck eines kleinen Innenhofs und treibt mit einem Gummiball tödliche Spiele mit Vögeln. So doppelbödig geht es im Rest des Films weiter; niemals sollte man sich darauf verlassen, dass eine Figur die Wahrheit sagt oder, nur weil sie prominent ist, länger als zehn Minuten überlebt. Gunn drechselt hier genüsslich einige neue Windungen in das alte Holzei des Actionfilmgenres.

Den klassischen Ablauf, ein Team für eine selbstmörderische Mission zusammenzustellen, die die Welt retten soll, rafft er auf wenige Minuten. Da sitzt der weißhaarige Mann namens Savant (Michael Rooker) auch schon mit einem guten Dutzend anderer Krimineller, darunter einem Killer-Wiesel und der fröhlichen Psychopathin Harley Quinn (Margot Robbie), in einem Militärhubschrauber, um zur Karibikinsel „Corto Maltese“ (der Name spielt auf einen sehr wichtigen europäischen Comic von Hugo Pratt an, der die größtmögliche Distanz zum amerikanischen Superhelden-Genre hält) zu gelangen, wo bei einem Militärcoup ein bislang von Amerika gestützter Diktator samt Familie ums Leben kam. Der Auftrag lautet, die Insel zu sichern, aber auch das ist nur Tarnung, wie sich schnell herausstellt. Überwacht wird der Einsatz von der skrupellosen Amanda Waller. Viola Davis spielt die Geheimdienstchefin mit eiskalten Blicken, die tödlicher scheinen als die Killer, denen sie in der weitentfernten Einsatzzentrale im Belle-Reve-Hochsicherheitsgefängnis Befehle ins Mikro brüllt. Natürlich treibt auch sie ein doppeltes Spiel mit dem Team.

Eigentlich meistens fröhlich: Margot Robbie als Harley Quinn
Eigentlich meistens fröhlich: Margot Robbie als Harley Quinn Bild: AP

Liebeserklärung an Harley Quinn

Über die waghalsigen inhaltlichen Wendungen vergisst man glatt, dass der Filmzweig des Comicverlags DC erst vor fünf Jahren einen Film über ein lose zusammengewürfeltes Antihelden-Ensemble gedreht hatte, das in einem Selbstmordkommando versucht, die Welt zu retten und ebenfalls den Titel „Suicide Squad“ trug. Gunn stellt nun augenzwinkernd noch einen Artikel vor den Titel und macht seinen Lieblingsfiguren aus dem Vorgängerfilm kurze Liebeserklärungen – Harley Quinn darf aus einem Gefängnis ausbrechen und ein rotes Tüllkleid als Waffe benutzen, statt Kugeln explodieren Disney-Prinzessinnen-Blüten. Für sein Hauptteam holt Gunn aus den Tiefen des DC-Universums ein paar Randfiguren, denen er Fleisch auf die dünne Vorlage gibt. Dafür geht er manchmal sogar kurz vom Gaspedal, mit dem der Film durch seine 132 Minuten rast.

So bekommt Idris Elba Gelegenheit, Schwächen einzugestehen, an seine Tochter zu denken und verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel zu wischen, bevor er wieder unter der stahlharten Maske mit dem Namen „Bloodsport“ verschwindet. Daniela Melchior erzählt während der Busfahrt zu einem irren Wissenschaftler, wie sie zur Rattenflüsterin „Ratcatcher2“ wurde. Die Rückblende schenkt man sich ganz erzählzeitökonomisch; sie leuchtet kurz in der Scheibe neben der jungen Frau auf, macht das Busfenster zur Minileinwand. Und Silvester Stallone spielt die Rolle des Hai-Gottes „King Shark“ mit so viel Liebe, als würde es dafür einen Oscar geben.

Alte Actionhelden der Achtzigerjahre zu Göttern erheben, das ist so ein weiterer Witz, den Gunn seit dem zweiten „Guardians“-Film verfolgt. Da hatte er Kurt Russell im hautengen Kostüm zu einem fast allmächtigen Außerirdischen gemacht, der seinen menschlichen Sohn sucht. Diesmal ist also Stallone unverwundbar und mit einem schmalen Wortschatz ausgestattet – beschränkt auf die Begriffe „Hand“ und „Nom nom“ –, der in etwa der Bandbreite des Hauptdarsteller-Knurrens in „Rambo“ entspricht.

Dass Gunn, statt für Marvel einen dritten „Guardians“-Teil zu drehen, nun beim Konkurrenten DC angeheuert hat, liegt an einem Zwischenfall vor mehr als drei Jahren. Damals hatte der rechte Blogger Mike Cernovich, bekannt als Urheber der Verschwörungsfabel über Hillary Clinton und einen Kindersexring, in Gunns zehn Jahre alten Tweets gewühlt und dort Witze hervorgekramt, die mittlerweile jenseits der Grenzen des guten Geschmacks lagen. Gunn distanzierte sich von seinen früheren Humorversuchen, doch da hatte Marvel bereits beschlossen, dass der Regisseur nicht mehr tragbar sei. DC schnappte sich den Filmemacher fürs eigene Geschäft. (Mittlerweile gab es wie in jeder guten Künstlerehe doch noch eine Aussöhnung mit Marvel, die den Regisseur doch für den Abschluss der „Guardians“-Reihe in zwei Jahren zurückholen wollen, aber unlängst äußerte sich Gunn gegenüber der New York Times bereits skeptisch, ob das nicht sein letzter Film dort sein könnte, mit den verschiedenen DC-Figuren zu spielen, mache „mehr Spaß“.) Nach ein paar Jahren Pause ist Gunn nun also zurück und hat, wie Intendanten es beim Theaterwechsel tun, sein Stammensemble mitgebracht. Neben Michael Rooker und Nathan Fil­lion ist das auch sein Bruder Sean Gunn, besser bekannt als wandelbare Figur „Kirk“ aus der Serie „Gilmore Girls“, der hier gleich zwei Nebenrollen bekommt.

Ein paar politische Kommentare

Als wäre das Jonglieren dieser Figurenfülle eine Aufwärmübung, legt Gunn noch eine weitere kommentierende Schicht drauf. Er entstaubt das platte Gut-gegen-Böse aus den Achtzigerjahren und holt den Stoff ganz nebenbei in die Gegenwart. Wo Stallones Rambo oder Russels Snake Plissken sich als Einzelkämpfer durchschlagen mussten, gilt es hier, aus lauter Individuen, die alle gut in einer speziellen Sache sind, ein Team zu bilden, das diese Stärken bündelt und sich koordinieren kann.

Ein paar politische Kommentare kann sich der Regisseur nicht verkneifen, knappe Randszenen stellen moralische Fragen. Nicht anders lässt es sich lesen, wenn Geheimdienstmitarbeiter, die Tausende Kilometer entfernt das Geschehen aus der Sicherheit ihrer Einsatzzentrale auf Monitoren verfolgen, gierig aufs Überleben der Mitglieder des Selbstmordkommandos wetten – bissiger ist kein Leitartikel, der Drohnenkriege und Armeeeinsätze junger Soldaten im Nahen Osten verdammt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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