Film „Stasikomödie“

Das Lachen der Anderen

Von Peter Körte
17.05.2022
, 11:44
„Police Academy“ Ost (von links): Karl Schaper, Eric Spiering, Christopher Nell, David Kross und Henry Hübchen in „Leander Haußmanns Stasikomödie“
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War doch alles nur halb so wild und irgendwie auch ganz lustig – mit dem Film „Leander Haußmanns Stasikomödie“ beendet der Regisseur seine DDR-Trilogie, die vor mehr als zwanzig Jahren mit „Sonnenallee“ begann.
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Ist das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn einen schon der Titel stolpern lässt? „Leander Haußmanns Stasikomödie“ – gibt es denn so viele andere Stasikomödien, dass Verwechslungsgefahr besteht? Ist nicht „Stasikomödie“ in der Kombination mit dem Autor und Regisseur eine wenig brauchbare Gattungsbezeichnung, weil womöglich gar keine anderen Exemplare dieser Gattung existieren? Es hieß ja 2005 auch nicht „Leander Haußmanns NVA“, und es war nicht seine „Sonnenallee“ (1999). Autobiographisch ist der Schlussfilm der DDR-Trilogie ebenso wenig, denn der 1959 geborene Haußmann leistete zwar in der NVA seinen Wehrdienst, aber im Gegensatz zu manchen anderen war er nicht für die Staatssicherheit tätig.

Vielleicht war der Titel eine Verlegenheitslösung, das kann schon mal passieren. Passiert sogar häufiger, wenn man sich andere Filmtitel ansieht, die nur so tun, als hätte da jemand einen Idee gehabt. Es geht ja auch ganz gut los. Da steht ein junger Mann an einer roten Fußgängerampel in einem Wohngebiet. Kein Auto, keine Passanten weit und breit. Er bleibt stehen, liest zum Zeitvertreib in Jack Kerouacs „Unterwegs“. Die Ampel ist immer noch rot. Er bleibt stehen. Ein Fall von pathologischem Gehorsam – das freut die Überwacher in der Stasi-Zentrale, die genau diese Ampel observieren. Ein Prachtexemplar für den Dienst am Arbeiter-und-BauernStaat.

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Ein ostalgischer Abend

Leider geht es nicht ganz so lustig weiter. Auf die Plattenbauwelt folgt erst mal der Prenzlauer Berg der Gegenwart. Der erfolgreiche Schriftsteller Ludger Fuchs (Jörg Schüttauf) hat seine Stasi-Akte geholt, Frau und erwachsene Kinder freuen sich schon auf einen ostalgischen Abend, weil Fuchs eine Ikone des Widerstands gegen das Regime ist. Der schöne Abend ist schnell vorbei, weil sich in der Akte ein sehr eindeutiger Brief einer Frau findet, aus einer Zeit, in der Fuchs schon mit seiner Ehefrau zusammen war. Genervt verlässt er die Wohnung. An einer Ampel stehend, wird er wieder zu dem jungen Mann (David Kross) an der ewig roten Ampel.

Es ist bezeichnend für Leander Haußmanns Sichtweise, dass sich schon in den ersten fünf Minuten der Blick vom Politischen aufs Amouröse verschiebt. Das Ganze ist eher eine Stasiromanze als eine -komödie. Da steht ein argloser junger Mann zwischen zwei Frauen, aber nicht zwischen Gehorsam und Subversion. Das muss nicht unbedingt verkehrt sein, weil sich komödiantische Effekte in beiden Konstellationen entwickeln könnten. Es wäre bloß ganz hilfreich dabei, wenn man sich nicht am Ende leicht ratlos fragte, was genau das denn nun mit den Arbeitsweisen der Stasi zu tun hat.

© YouTube/Constantin Film

Haußmann setzt zunächst auf eher brachialen Humor. Ludger wird rekrutiert, als sein Führungsoffizier hat Henry Hübchen die Lizenz zum Dauerchargieren. Und die Kollegen wirken wie eine Versammlung von Volltrotteln mit Backpfeifengesichtern, fiesen Schnauzern und schlecht sitzenden Uniformen. Eine Art sozialistische „Police Academy“. Kein noch so mottenzerfressener Einfall ist dem Film fremd. Beim ersten Einsatz muss Ludger sich allen Ernstes vor dem Ehemann der Observierten im Schrank verstecken. Und auf einem Zettel an der Wohnungstür steht: „Schlüssel unter der Matte“. Seit Heinz Erhardt haben wir nicht mehr so gelacht.

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Die Schikanen von Ludgers Führungsoffizier erschöpfen sich im Dauerrauchen und Blecken der nikotingelben Zähne während des Rapports. Auch Stasi-Chef Erich Mielke (Bernd Stegemann), den Ludger bald erleben darf, ist nur eine Witzfigur, die an ihre möglichst prunkvolle Geburtstagsfeier denkt. Mielke wird dann, umgeben von seinen Stasi-Schranzen, als Sonnenkönig im Kostüm Hof halten, in einer sehr langen Szene, die keine weitere Pointe hat als die Ausstellung lächerlichen Größenwahns. Dass im Spitzel Ludger, der die Szene der „Neg-Dek“, der negativen Dekadenten, aufmischen soll, ein Poet steckt, soll wohl vage Erinnerungen an den IM Sascha Anderson wecken, der in den Achtzigerjahren die alternative Schriftsteller- und Künstlerszene in Prenzlauer Berg bespitzelte.

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Der Poet im Stasi-Spitzel

In Haußmanns Film hat der junge Dichter Mühe, seine akribischen Spitzelberichte vor neugierigen Blicken zu verbergen, die in den Heftern geniale Gedichte vermuten. Und einmal, da sitzt Allen Ginsberg in einem Wohnzimmer und spielt Akkordeon. Aufgefordert, selbst einen künstlerischen Beitrag zu leisten, reißt Ludger einem Transvestiten die Perlenkette herunter – die beeindruckten Bohemiens wollen aus diesem Akt die Botschaft „Perlen vor die Säue“ entziffern, und die schöne Natalie (Deleila Piasko), die sich eine „Muse“ nennt, ist hin und weg.

Haußmann und sein Team legen über die Bilder dieser DDR-Boheme oft einen leichten Schleier. Ob das etwas über das Verblassen der Farben und Erinnerungen oder über die Qualitäten des alten Orwo-Filmmaterials sagen soll, ist ungewiss. Es verleiht der Szenerie zumindest etwas Unwirkliches, Surreales, es sind lauter Genrebildchen aus einer DDR, die es nie gab. Zwischendurch taucht noch Detlev Buck als Polizist auf wie schon in „Sonnenallee“ und „NVA“. Und natürlich lässt sich am Ende auch erklären, wie aus dem jungen Stasi-Ludger der Widerstands-Fuchs werden konnte.

Beim Rapport: Führungsoffizier (Henry Hübchen) und Spitzel (David Kross) in „Leander Haußmanns Stasikomödie“
Beim Rapport: Führungsoffizier (Henry Hübchen) und Spitzel (David Kross) in „Leander Haußmanns Stasikomödie“ Bild: Constantin Film

Leander Haußmann hatte schon in „Hotel Lux“ (2011) das Problem, ein politisch aufgeladenes Sujet, über das ein jüngeres Publikum nicht allzu viel weiß, mit zu großer Harmlosigkeit anzugehen. Der hässliche Befund, dass mehr als ein Prozent der DDR-Bevölkerung für die Staatssicherheit als offizielle und inoffizielle Mitarbeiter tätig wurde, könnte einen gerade bei einer Komödie auch auf unbequemere Gedanken bringen. Der Film will zu wenig wissen von dem Irrsinn der Apparatschiks, die eben nicht nur Spießer und Trottel waren, die Geruchsproben sammelten, sondern mit buchhalterischer Gründlichkeit Existenzen ruinierten und manchmal auch auslöschten.

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Daraus ließe sich ohne Weiteres eine schwarze Komödie entwickeln. Es brauchte dafür nur eine Balance aus Schärfe und Comic Relief. Haußmanns Fehler liegt nicht darin, die Stasi lächerlich zu machen, wo es geht, das muss ja das primäre Ziel sein. Die Schwäche des Films ist es, dem Publikum nicht zumuten zu wollen, wie das Lächerliche ins Gemeingefährliche umkippt. Lieber mehr brave Romanze als schrille Groteske, lieber versöhnliche Töne als giftige Farce. Als wäre es ganz so schlimm nun auch wieder nicht gewesen, als gäbe es nicht genügend Beispiele für Verrat und zerstörtes Vertrauen in Familien und Freundschaften.

Wenn im Film ab und zu Originalmaterial aus den Achtzigerjahren verwendet wird – warum dann nicht auch mal ein paar Bilder aus dem Januar 1990 dazwischenschneiden, vom Sturm auf die Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße, der die Aktenvernichtung und damit die Entsorgung der Vergangenheit stoppen sollte? Das hätte das biedersinnige Ende zumindest mit einem Widerhaken versehen. Das hätte aus diesem merkwürdigen Nebeneinander von Harmlosigkeit und kaum angedeutetem Schrecken zumindest ein Spannungsverhältnis gemacht; das hätte eine Komödie ergeben können, die ihrem Gegenstand gewachsen gewesen wäre.

Vom 19. Mai an im Kino.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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