Kino: „Annette“ von Leos Carax

Muss Liebe tödlich sein?

Von Bert Rebhandl
16.12.2021
, 12:23
Fatale Liebe: Adam Driver und Marion Cotillard in „Annette“
Video
Bitte nicht mehr atmen: Leos Carax gelingt mit dem Musicalfilm „Annette“ eine düstere Liebeskomödie mit Marion Cotillard und Adam Driver in den Hauptrollen.
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Unter englischsprachigen Komikern gibt es die Redensart, dass besonders gute Witze „töten“. Monty Python schickte einst einen Witz als Wunderwaffe in den Zweiten Weltkrieg. Jerry Banya, der peinliche Kollege von Jerry Seinfeld in der berühmten Sitcom, ist stolz auf sein Material, das er mit dem Prädikat „killing“ anpreist. Das bleibt aber in den Grenzen einer Wirkungsästhetik, die sich nie sicher sein kann, vielleicht sogar durch ihr Scheitern tödlicher zu sein. Witze können ja danebengehen, das Publikum könnte vor Langeweile umkommen. In „Annette“, dem neuen Film von Leos Carax, sind es die Witze selbst, die im Sterben liegen. Im Mittelpunkt steht ein Comedian namens Henry McHenry, der als „Affe Gottes“ auftritt. Schon sein Na­me und Künstlername sind auf eine unklare Weise ominös, dazu kommt ei­ne äußere Erscheinung, die an einen Boxer erinnert. McHenry kommt im Bademantel auf die Bühne, zum Aufwärmen hat er vor dem Spiegel schon die Fäuste fliegen lassen. Eine Kapuze verhüllt sein Gesicht, er könnte auch ein Tattergreis sein, wie er sich präsentiert. McHenry ist ein Extrem- und An­tikomiker. Zum Lachen bringt er sein Publikum mit einer anschaulich ausgespielten Phantasie, wie das wäre, wenn er seine Frau zu Tode kitzeln würde. Üblicherweise ist Komik erleichternd. In „Annette“ ist sie erschwerend.

Die Liebenden beginnen zu singen

Leos Carax ist bekannt als der poéte maudit des französischen Kinos. Er wur­de mit „Die Liebenden von Pont-Neuf“ 1991 weltbekannt, danach machte er nur alle paar Jahre einen weiteren Film, darunter aber überragende Meisterwerke wie „Holy Motors“ (2012). „Annette“ hat er nun für das Filmstudio des Liefergiganten Amazon ge­macht. Sollte es hinter den Kulissen Diskussionen über die Kunstfreiheit gegeben haben, ist davon nichts zu bemerken. Für das Plattform-Unternehmen, das sich auch einen Streamingdienst leistet, waren die Kosten für „Annette“ sicher eine Petitesse. Carax hat das Geld aber für ein ge­wohnt radikales, eigensinniges Werk genützt: ein Musical, für das er sich mit den „Sparks“ zusammentat. Ron und Russell Mael, die beiden Gründer und bis heute die Köpfe der einflussreichen Popband, schrieben die Songs zu „An­nette“. Sie sind auch Teil der Eröffnungszeremonie des Films, der das Publikum auffordert, von nun an still zu sein und die Luft anzuhalten – was auch tödlich wäre, hier aber vor allem dazu dient, einer Gesangsnummer den Raum zu bereiten. In einem Tonstudio sitzt Carax selbst (mit seiner Tochter Nastya), er gibt den Einsatz für die „Sparks“, die eine Nummer anstimmen, aus der sich eine Geschichte entwickelt: Adam Driver und Marion Cotillard beginnen zu singen, sie gehen auf die Straße, sammeln unterwegs ihre Kostüme ein und machen als Henry McHenry und Ann Desfranoux weiter.

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Trailer
„Annette“
Video: Youtube/ Alamode Film, Bild: Alamode Film

Ein ungleiches Paar, verbunden durch innige Liebe: „We love each other so much.“ Mit dieser Zeile und der dazugehörigen Melodie hat es eine Bewandtnis, die sich im Lauf von „An­nette“ klären oder verunklaren wird. Ann ist Sängerin, sie glänzt auf Opernbühnen in Rollen, in denen sie sterben muss. Sie ist der helle Teil in einem Helldunkel, in dem Henry der Gegenpol ist. Und doch funktionieren sie als Paar, auf jeden Fall für die Show Bizz News, die regelmäßig das Neueste von Henry und Ann zu berichten wissen. So auch die Geburt der gemeinsamen Tochter, von der es heißt, sie wäre wie „nicht von dieser Welt“.

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Die Verfremdungen werden weitergetrieben

Das trifft auf „Annette“ insgesamt zu. Die Verfremdungen, die ein Musical ohnehin mit sich bringt, werden ein paar Ebenen weitergetrieben. Adam Driver ist kein ausgebildeter Sänger, es gibt zwar manchmal Ansätze zu Melodien wie von Andrew Lloyd Webber, aber um der musikalischen Emotionen willen wird man sich den Film nicht anschauen. Der ganze Weltentwurf zielt auf Künstlichkeit, als wollte Carax die Theaterkulissen seiner Protagonisten mit den expressionistischen Mitteln heutiger Tricktechnik überbieten. Hö­hepunkt ist eine auch inhaltlich zentrale Szene: Das glückliche Paar geht mit der Tochter auf Seereise, die Jacht fährt durch einen schlimmen Sturm. Danach ist Ann nicht mehr da, und der „Affe Gottes“ steht unter Mordverdacht.

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Etwas unvermittelt wirkt es, dass Carax zwischendurch die Show Bizz News mit einer Skandalnachricht be­müht: Gegen McHenry wurden Vorwürfe von Frauen öffentlich, die ihn als toxischen Mann erlebt haben. Er entzieht sich durch einen überraschenden Karriereschritt: Von nun an tritt nicht mehr er selbst auf, sondern er schickt Annette nach vorn, seine Tochter, die sich als Zwischending zwischen Primatenwesen und Puppe erweist. Eine un­heimliche Kreatur, ein Chucky mit En­gelsstimme, die bald populärer ist als drei Tenöre und drei Soprane zusammen. Auf der Welttournee ist auch noch ein Dirigent dabei, der frühere Geliebte von Ann, der eigentlich allen Grund hätte, auf McHenry wütend zu sein, der aber eben auch eine besondere Beziehung zu Annette hat.

So richtig wird man nicht schlau, was Carax im Sinn hatte. Seine Ideen wirken zum Teil so zusammengebastelt, wie es die Gliedmaßen und phänotypischen Merkmale der Puppe auch sind. Unbestreitbar ist er dabei zwar immer noch einer der großen Visionäre des Kinos. In „Holy Motors“ gelang es ihm allerdings, die episodische Form in eine Kohärenz höherer Ordnung zu überführen. Bei „Annette“ hingegen bleibt der Eindruck einer Skizze. Der Ausflug nach Amerika bescherte Carax die Möglichkeit, mit einem der interessantesten Schauspieler der Gegenwart zu arbeiten: mit Adam Driver, der sich von „Star Wars“ über „House of Gucci“ scheinbar mühelos in die verschlungenen Gefilde von „Annette“ bewegt. Am Ende ist das Musical, das mit einem Spaziergang begann, immer noch zu Fuß unterwegs, in der Dunkelheit. Vielleicht war das ja die Idee: das künstlichste und am hellsten ausgeleuchtete aller Kinogenres ins Zwielicht eines Witzes zu stellen, dem es auf sein Gelingen gar nicht ankommt.

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Quelle: F.A.Z.
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