Mafiafilm „Il Traditore“

Auf dem Rücksitz des Richters

Von Ursula Scheer
Aktualisiert am 12.08.2020
 - 15:07
„Boss zweier Welten“: In Rio de Janeiro genießt der Mafioso Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino) ein Leben im Luxus. Dann wird er zum „Verräter“.zur Bildergalerie
Das Mafiakino als Genre romantisiert das Verbrechen, selbst wenn es die Schuldigen hässlich zeigt. Aber das muss nicht so sein, wie Marco Bellocchios italienischer Spielfilm „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ beweist.

Mehr zwiespältig-patriotische Ergriffenheit geht kaum: „O mein Vaterland, so schön und verloren“, intoniert der Gefangenenchor aus Verdis Oper „Nabucco“ auf Italienisch, während in Marco Bellocchios Filmdrama „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ die Urteile fallen im reinszenierten Maxiprozess um die Verbrechen der sizilianischen Mafia. Es ist der 16. Dezember 1987, als es vieljährige Haftstrafen, lebenslang auf lebenslang und gigantische Millionenbußen vom Richterstuhl hinab hagelt auf die Verhafteten in den berühmten Käfigen des Gerichtsbunkers von Palermo – und auf die noch Flüchtigen da draußen. Zu ihnen gehört der einen blutigen „Krieg“ gegen seinesgleichen, Unbeteiligte und den Staat führende „Boss der Bosse“ Salvatore Riina, gespielt von Nicola Calì.

360 von 475 Angeklagten werden schuldig gesprochen. Lange zu einem Mythos von unklarer Substanz verklärt, wird die Mafia erstmals sichtbar als das, was sie ist: eine wohlstrukturierte Ansammlung ordinärer Verbrecher. Der wuchtigste Schlag, den die italienische Republik je gegen das organisierte Verbrechen geführt hat, ist ein Triumph auch in diesem Spielfilm mit dokumentarischen Zügen – und zugleich die Ouvertüre zum nächsten mörderischen Akt, dem Gegenschlag auf die treibende Kraft hinter dem Prozess: Das Attentat auf den Untersuchungsrichter Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi) – auf den Mann, der die Verbündeten der Mafia innerhalb des Staatsapparats fürchtet – erleben wir, als säßen wir auf dem Rücksitz seines Autos. Verdis Gefangenenchor, später von den Separatisten der Lega Nord als inoffizielle Nationalhymne gekapert, schickt in „Il Traditore“ die inneren Feinde des Landes hinter Gitter, aber verheißt längst noch keine Freiheit für Italien von der Mafia.

Ohne Tommaso Buscetta kein Maxiprozess in Palermo

Auch für Tommaso Buscetta, den titelgebenden „Verräter“, der als ehemals im transatlantischen Drogenhandel von Brasilien aus operierender „Boss zweier Welten“ und Kronzeuge Falcone erst die Werkzeuge an die Hand gegeben hatte, mit denen dieser das bis dahin vom Gesetz des Schweigens geschützte System aufbrechen konnte, ist die Urteilsverkündung allenfalls ein Teilsieg. Er bleibt unentrinnbar – wir folgen seinem Lebensweg stationsweise von der Jugend bis ins Alter – Gefangener seiner Taten, obwohl er im Rahmen des Zeugenschutzprogramms Straffreiheit erhält und mit seiner dritten Ehefrau (Maria Fernanda Cândido) und vieren seiner neun Kinder unter anderem Namen geschützt in den Vereinigten Staaten lebt.

Ein Eis essen am Strand von Mondello, wenn alles vorbei ist, wie Buscetta mit Falcone scherzt? Unmöglich. Tatsächlich ist die Frage: „Wer von uns beiden stirbt wohl zuerst?“ Die Mafia vergisst nie, die Todesdrohung gegen „Don Masino“ und die Seinen bleibt bestehen – bis zum Schluss. In einer der beklemmendsten Szenen des Films taucht am Restauranttisch der Familie des Ex-Mafiosos im Exil ein als Weihnachtsmann verkleideter Barde mit Gitarre auf, der von „Jingle Bells“ nach „Lasciatemi cantare“ wechselt und den Refrain bedrohlich abwandelnd: „sono un siciliano, un siciliano vero“. Da weiß Buscetta: Es ist Zeit, zu gehen und unterzutauchen an einem anderen Ort.

Mitleid jedoch mit diesem von Pierfrancesco Favino in bemerkenswerter Vielgesichtigkeit und mit außergewöhnlicher Präsenz verkörperten Mafioso – Lebemann, Frauenheld, Fatzke, Schwerverbrecher, Arbeitsloser, Familienmensch, Rachsüchtiger, Milliardär, Reumütiger, Gefolterter, Stratege und Greis – lässt Altmeister Bellocchio als Regisseur und von Valia Santella, Ludovica Rampoldi sowie Francesco Piccolo unterstützter Drehbuchautor nur kontrolliert auf Sparflamme aufflackern. Raffiniert führt er vor, wie der sich selbst stets als „Ehrenmann“ Titulierende, den der Römer Favino im Original mühelos vom Sizilianischen ins Italienische, Englische und Portugiesische wechseln lässt, jedem die Geschichte auftischt, die er oder sie hören soll. Geht es Buscetta darum, die eigene Haut zu retten? Die Familie zu schützen? Verbrechen zu bemänteln? Rache zu nehmen für Morde an seinen Verwandten? Stößt ihn das Killersystem Riinas als Verrat an der gemeinsamen Sache ab? Fühlt er sich Falcone gegenüber verpflichtet, als er vor Gericht gegen den früheren Ministerpräsidenten Andreotti aussagt? Oder tut er es, weil er niemand ist, wenn er nicht als „Pentito“ auftritt? Alle wollen Buscetta in die Augen sehen, um ihn zu durchschauen. Doch jeder Blick bleibt letztlich an den Gläsern seiner Sonnenbrille hängen. In der Realität hat Buscetta sein Gesicht auch mit den Mitteln der plastischen Chirurgie zur Maske geformt.

Das Lügenmärchen von der pervertierten, im Grunde wahrhaft „ehrenwerten Gesellschaft“ nimmt ihm Falcone, von Fausto Russo Alesi in eindringlichen Gesprächsszenen als ruhiger Held mit Todesmut gezeichnet, niemals ab, und wir sollen es auch nicht tun. Doch „Il Traditore“ entreißt „Don Masino“, dem notorischen Selbstdarsteller im Lionel-Richie-Look, auch nicht die Schutzbehauptungen und Teilwahrheiten, hinter denen sich der Kronzeuge versteckt wie ein von dem Don zu ermordender Sizilianer hinter seinem Sohn. Im Gegenteil.

Buscetta fesselt die Aufmerksamkeit als gemischter Charakter in einem Mafiafilm, der sich quer zum Genre und dessen Romantisierung des Verbrechens stellt, um das fiktional ausgemalte Porträt einer realen Person der jüngeren italienischen Geschichte zu zeigen. Die Frontlinien sind nie klar gezogen. Der Feind kann überall lauern. Angst steht in den Augen der Personenschützer, sobald ein Anwalt der Gegenseite ein Messer zückt – und sei es nur, um eine Apfelsine zu schälen. In Buscetta selbst kreuzen sich die Linien von Mafia und Antimafia. Als „Pentito“ bleibt er ein moralisches Zwitterwesen, über das ein Urteil zu fällen Bellocchio dem Publikum überlässt. Wer sich für die naturgemäß entschuldende Perspektive der Ehefrau interessiert, kann auf Netflix die Dokumentation „Der echte Pate“ anschauen, in der Mark Franchetti und Andrew Meier haben Cristina Buscetta sprechen lassen.

Schuld und Sühne, Buße und Vergebung

Marco Bellocchio dagegen entrollt in zweieinhalb Stunden Spielzeit ein Monumentalpanorama, das abwechselnd Gangsterfilm, Gerichtsdrama und Familientragödie sein will und sich nicht losreißen kann von der barocken Überfülle wahrhaft filmreifer Szenen, die der Kameramann Vladan Radovic einfängt. Da ist die protzige „Familienfeier“ der einander bald darauf befehdenden Clans zu Beginn; da sind die Schießereien und Bodycounts auf offener Straße; eine zwecks Erpressung eines Geständnisses aus einem fliegenden Hubschrauber gehaltene Ehefrau; da ist das die tatsächlichen Vorgänge nicht an Absurdität überbieten könnende Affentheater der Angeklagten im Gerichtssaal; da sind schließlich Archivaufnahmen tief in das kollektive Gedächtnis der Italiener eingebrannter Ereignisse wie die herzzerreißende Rede von Rosaria Costa, der Witwe des bei dem Anschlag auf Falcone getöteten Leibwächters Vito Schifani, auf der Trauerfeier.

Es geht um Schuld und Sühne, Vergebung und Buße, Loyalität und Verrat. Kann Buscetta verziehen werden? Am Ende ist so wenig von ihm übrig, dass Rachegedanken sich fast erübrigen. Die Charakterisierung als Bestie – Löwe oder Hyäne – bleibt seinen mit Eiseskälte gespielten Gegenspielern Giuseppe Calò (Fabrizio Ferracane) und Totò Riina vorbehalten. „Il Traditore“ ist zweifellos einer der bemerkenswertesten Mafiafilme der jüngeren Zeit, trotz einer Überfrachtung, die die Geduld der Zuschauer auf die Probe stellt. Vor allem bereitet der Film die Bühne für einen glänzenden Auftritt Pierfrancesco Favinos. Als Tommaso Buscetta ist er über jeden Zweifel erhaben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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