Neu im Kino

Glamour, Sex und Mord

Von Peter Körte
28.11.2021
, 11:28
Lady Gaga als Patrizia Reggiani and Adam Driver als Maurizio Gucci in Ridley Scotts Film „House of Gucci“.
Paul Verhoeven zeigt in „Benedetta“ lesbische Nonnen, Ridley Scott erzählt in „House of Gucci“ von Intrigen, Gier und Hass in der Welt der Mode.
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Jetzt, da ungewiss geworden ist, wer wann noch in welche Kinos gehen darf oder möchte, ausgerechnet jetzt in der Vorweihnachtszeit kommen die Filme, auf die man gewartet hat. Steven Spielbergs Remake der „West Side Story“, Leos Carax’ Musical „Annette“, ein weiterer „Spider-Man“, der vierte „Matrix“-Film. Oder, schon ab Donnerstag, Paul Verhoevens „Benedetta“ und „House of Gucci“ von Ridley Scott, eine Art Aufmarsch alter Männer, die noch mal zeigen wollen, was geht.

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Der Niederländer Paul Verhoeven, 83 Jahre alt, der erst Mathematik und Physik studierte, bevor er bei der Marine den Umgang mit einer Kamera lernte, hat die Basisgleichungen des Kinos von Anfang an sehr gut verstanden. Er hat ein paar kraftvolle Dystopien in Hollywood entworfen, „Robocop“ und „Total Recall“, und es immer auch gerne krass und krude zugehen lassen wie in „Basic Instinct“ oder im trashigen Stangentanz-Drama „Showgirls“.

Und weil er, als habe er all die Jahre ein Doppelleben geführt, 2009 das Buch „Jesus – Die Geschichte eines Menschen“ veröffentlichte, ein Produkt zwanzigjähriger Teilnahme am amerikanischen Jesus-Seminar, sind der Stoff seines neuen Films und die Art, ihn sich anzueignen, nur konsequent.

Trash und Theologie

„Benedetta“ beruht auf einem Buch der amerikanischen Frühneuzeithistorikerin Judith Cora Brown. „Schändliche Leidenschaften: das Leben einer lesbischen Nonne in Italien zur Zeit der Renaissance“ (1986) ist eine seriöse Analyse von Quellen aus dem frühen 17. Jahrhundert und erzählt die Geschichte der Theatinernonne Benedetta Carlini im Kloster Pescia, die mystische Erlebnisse hatte und bei der sich angeblich die Stigmata zeigten.

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Es ist keine Überraschung, dass Verhoevens Zugriff sich nicht um theologische Finessen kümmert. Sein langjähriger Drehbuchautor Gerard Soetemann jedenfalls zog sich zurück, weil er keine Lust auf einen Exploitationfilm hatte. Verhoeven setzt auf mehr Sex und junge Mädchen im Kerzenschein, ein paar wilde Visionen, in denen Schlangen auftauchen oder ein Jesus mit weiblichem Schoß, wobei auch ein paar unfreiwillig komische Effekte entstehen.

Wenn es – er? – aus Benedetta spricht, wenn der Herr von ihr Besitz ergreift mit donnernder Männerstimme, wenn da eine Erscheinung über der Stadt ist und ein Schimmer auf den Gesichtern liegt wie im Amsterdamer Rotlichtbezirk, dann hat man zwar noch nicht „Showgirls“ im Kloster.

Aber die Szene zwischen Benedetta (Virginie Efira) und Bartolomea (Daphné Patakia) mit dem selbstgeschnitzten Mariendildo, bei dem auch noch die Äbtissin (Charlotte Rampling) durch ein Guckloch in der Wand zuschaut, erweitert weniger unser Verständnis von Sex und Gender in der Frühen Neuzeit, als dass sie inzwischen recht erschöpfte Softpornomuster für ein Publikum aus männlichen Cis-Boomern reproduziert.

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Stigmata und Voyeurismus

Auch die Charakterzeichnungen sind nicht gerade filigran. Früh ist Benedetta standhaft im Glauben, der Film lässt auch geschickt im Dunkeln, wie die Wundmale an Händen, Füßen und Stirn zustandekommen.

Ihre Geliebte behandelt sie sadistisch, die Äbtissin bangt um ihre Macht, der Propst verspricht sich Vorteile von einer Nonne mit den sichtbaren Zeichen göttlicher Gnade, dann wütet die Pest, und das Volk, wie das Volk halt so ist, randaliert am Ende ein wenig, als der falschen Heiligen der Prozess gemacht werden soll.

Natürlich sieht alles gediegen aus, Exploitation mit historischem Gütesiegel, aber die Darstellerinnen wirken hölzern und die Klosterwelt so sauber und keimfrei wie im Renaissancemuseum.

Glamour, Protzerei, Verschwendung

Bei Ridley Scott, der am kommenden Dienstag 84 Jahre alt wird, glänzt dagegen alles, da herrschen Glamour, Protzerei, Verschwendung. „House of Gucci“ kommt ins Kino, während Scotts „The Last Duel“ dort zum Teil noch läuft. Er hat ja kürzlich im Interview mit der F.A.S. gesagt, er finde kaum etwas lästiger als die Pause zwischen zwei Filmen.

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Auch „House of Gucci“ basiert auf einem Buch, dessen englischer Titelzusatz „A Sensational Story of Murder, Madness, Glamour, and Greed“ verlockender klingt als das deutsche „Mode, Mord und Business“, wo die Kraft zur Alliteration versiegte. Bei Sir Ridley ist mehr Oper und Kolportage als Epos und Geschichte.

Mit dem größten Machtinstinkt: Patrizia Reggiani (Lady Gaga) in Ridley Scotts Film „House of Gucci“.
Mit dem größten Machtinstinkt: Patrizia Reggiani (Lady Gaga) in Ridley Scotts Film „House of Gucci“. Bild: dpa

Der Mord an Maurizio Gucci im Jahr 1995 mag nicht ganz die Fallhöhe einer stürzenden Dynastie haben, aber ist allein schon deswegen ein guter Stoff, weil die ehemalige Ehefrau Patrizia für schuldig befunden wurde, den Mord in Auftrag gegeben zu haben. Auch ohne Tragik gibt es genug Intrigen und Eifersucht, Hass und Liebe - und vor allem hat der Film eine Besetzung, die allein den Kinobesuch lohnt.

Es beginnt mit den Minuten vor dem Mord, kurz vor den Schüssen katapultiert ein Schnitt einen ins Mailand der späten Siebzigerjahre, in ein graues Gewerbegebiet mit Lastwagen und Wellblechbaracken. Ein Auftritt mit Staub und quietschenden Reifen für Lady Gaga.

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Solo für Lady Gaga

Sie ist mit einer Hingabe bei der Sache, die sehenswert ist, sie hat sich in einem englischsprachigen Film, der vor allem in Italien spielt, einen Italo-Akzent zugelegt, dessen Sinn keine Dramaturgin und kein Sprachwissenschaftler je werden erklären können – aber es hat was.

Sie spielt die ehrgeizige Tochter des Fuhrunternehmers Reggiani, die nicht ahnt, wen sie vor sich hat, als sie Maurizio Gucci trifft, die aber ein Gespür für Reichtum und fiese Tricks entwickelt, die immer in zu engen Kleidern, Kostümen und Oberteilen herumläuft, die zu viel Schmuck und Gold trägt, die mit jedem Twist der Story vulgärer wirkt, aber den größten Machtinstinkt von allen hat.

Visuell veranstaltet Scott ein großes Feuerwerk, deutlicher noch, als man es von ihm ohnehin gewohnt ist. Neue Kostüme und Accessoires in jeder Szene, verschwenderische Sets, eine agile, schwebende Kamera und dazu die Musik der Achtziger und Neunziger.

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Al Pacino spielt Maurizios Onkel Aldo wie ein eitler alternder Heldentenor – hier eine deplatzierte Farbe, dort eine theatralische Geste; Jeremy Irons ist sein feinsinniger und hartherziger Bruder Rodolfo, der Maurizio den Rücken zuwendet, als dieser Patrizia heiratet. Adam Driver als Maurizio wird die zu große Brille nie los, anfangs sieht er aus wie die Parodie des Jurastudenten, der er ist.

Das Herz eines Killers

Und kaum einer kann so perfekt unbeholfen und schüchtern wirken wie Driver, wenn die dralle Patrizia ihm auf den Leib rückt. Er wandelt sich, wird kühler, schärfer, ist nicht mehr so unbedarft. Nur Jared Leto als Paolo hat Scott zu viel durchgehen lassen in Sprechweise und Mimik. Aber auch dieser gedemütigte Sohn, der sich für ein verkanntes Modegenie hält, hat das Herz eines Killers, wenn er den eigenen Vater bei der Steuerfahndung anzeigt.

„House of Gucci“ bemüht sich, sein Personal wie in einem Mafia-Epos agieren zu lassen. Salma Hayek darf eine schrille Fernsehwahrsagerin sein, die sich mit Patrizia anfreundet und ihr ein Leben in Prunk und Glück prophezeit, bis sie beide im Fangoschlamm dann nur noch über Rache reden.

Es schillert alles und changiert, Talmiglanz schlägt stilvollen Chic. Und die Typen mit dem Geld, die den angeschlagenen Gucci-Konzern retten sollen, hängen wie die letzten Prolls in Trainingsanzügen von AS Rom in ihrer teuren Suite.

Der Familie, der das Modehaus Gucci längst nicht mehr gehört, soll der Film nicht gefallen haben. Das muss einen nicht kümmern. Man freut sich an kurzweiligen zweieinhalb Stunden Kolportage, makellos schönen Oberflächen und darüber, dass geraucht wird in diesem Film, als gäbe es kein Morgen. Ein wenig ist das wie die opulente Weihnachtsfeier, die jetzt gerade abgesagt wurde: Es gibt von allem zu viel, aber das ist kein Grund zur Reue!

Beide Filme ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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