Nip/Tuck

Im OP: Die Fernsehserie „Nip/Tuck“

Von Nina Rehfeld, Phoenix
16.09.2004
, 14:09
Schuften für die Schönheit: Walsh, McMahon
Denn sie wissen, was sie tun: „Nip/Tuck“, die amerikanische Serie über zwei Schönheitschirurgen, beschreibt das neue Fegefeuer der Eitelkeiten, in dem vor allem die Frauen brennen.
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Was mögen Sie nicht an sich? So lautet die Frage, die den Patienten in einer durchgestylten Praxis für kosmetische Chirurgie im mondänen Miami gestellt wird. Die beiden attraktiven Doktoren bekommen schon mal die Antwort: "Ich möchte, daß Sie meine Klitoris rekonstruieren." Willkommen bei "Nip/Tuck".

Die Serie hat in den Vereinigten Staaten einen regelrechten OP-Show-Boom ausgelöst. Doch anders als die tragischen Gestalten, die in Reality-Shows wie "The Swan", "Extreme Makeover" oder "I Want a Famous Face" landen, weil sie aussehen wollen wie Brad Pitt, auf dem Abitreffen Eindruck schinden wollen oder sich willenlos dem Diktum professioneller "Stylisten" unterwerfen, birgt die fleischliche Hülle der "Nip/Tuck"-Figuren interessante Untiefen. Dr. Christian Troy und Dr. Sean McNamara sezieren in denkbar drastischer Weise die kompliziertesten Verwachsungen zwischen Liebe, Sex und Ego. Was da zum Vorschein kommt, ist nicht immer schön.

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Ekelerregend und widerlich

Nichts anderes als ekelerregend zum Beispiel ist es, mit anzusehen, wie Vanessa Redgrave (sie spielt McNamaras Schwiegermutter) die Gesichtshaut mit einem Skalpell abgelöst und straffgezogen wird. Und nicht weniger widerlich ist, wie Redgrave nach erfolgtem Facelift ihr faltiges Selbstbewußtsein auffrischt, indem sie im verkorksten Beziehungsleben ihrer Tochter Verwüstung stiftet.

"Nip/Tuck" ist alles andere als eine apologetische Versicherung, es zählten bloß die inneren Werte. Das Scheußliche, Brutale, Gemeine, das gleich unter der Oberfläche wohnt, wird lakonisch gefeiert: That's life. Für zwei Golden Globes war die Serie letztes Jahr nominiert, nun, da die zweite Staffel läuft, gibt es fünf Nominierungen für den Emmy. Im Schnitt 3,3 Millionen Zuschauer waren bei der ersten Staffel dabei und machten "Nip/Tuck" zur erfolgreichsten neuen Serie der letzten Saison.

Kulturelle Selbstverachtung

Der Autor Ryan Murphy nennt seine Serie "eine Seifenoper für Erwachsene, ein Stück über kulturelle Selbstverachtung". Der Neununddreißigjährige hat als Journalist für die "Los Angeles Times" und den "Rolling Stone" gearbeitet und ist ein Fan von "erwachsenem, intelligentem Fernsehen" wie "The Sopranos" oder "Six Feet Under". Mit "Nip/Tuck", so sagt er, habe er eine Serie über die Freundschaft zweier Männer vor der Midlife-crisis schreiben wollen und über die Schwierigkeit, das eigene Leben zu verändern. "Die Schönheitschirurgie schien mir eine passende Prämisse, in die sich all das einfalten läßt."

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Ryans Hauptfiguren-Duo ist ein seltsames Traumpaar. Sean McNamara (Dylan Walsh) verstrahlt eine Aura ewiger, heimlicher Verunsicherung. Er ist eine gute Seele, er ist Familienvater, und er ringt mit wachsender Verzweiflung darum, seine Ehe an der sanften Oberfläche amerikanischen Familienglücks zu halten. Christian Troy (Julian McMahon) ist eine zynische Aktualisierung von Don Johnsons Sonny Crockett aus "Miami Vice": Weiberheld und Großmaul mit scharfem Blick dafür, wie die Dinge wirklich sind. "Wenn du einer Frau beim Orgasmus ins Gesicht geschaut hast, hast du ihre Seele gesehen", sagt er und begründet so den Umstand, daß er seine Patientinnen zuerst ins Bett und dann in den OP zerrt. Er schreckt auch nicht vor einer Affäre mit der Frau seines ahnungslosen Freundes zurück.

Zwischen den Charakterfalten

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Mit derselben ruhigen Konzentration, mit der die Ärzte zu kühlem Achtziger-Jahre-Pop Augenlider verkürzen, Geschlechtsorgane verlängern und Verwachsungen entfernen, zieht Ryan Murphy die Charakterfalten auseinander, in denen sich die dunkleren Seiten seiner Figuren verbergen: Arroganz, Angst, Bitterkeit, Lust. Murphy erzählt von den Eitelkeiten, die menschlichen Beziehungen im Weg stehen, und Sex ist der Spiegel, in dem sich dies alles bricht.

Christian Troy ist selbstverliebt genug, um sich die Nasenfraktur, die er sich bei einem "Schlafzimmerunfall" zugezogen hat, selbst korrigieren zu wollen - mit einem Meißel vor dem Badezimmerspiegel, wohl wissend, daß er ein Blutbad anrichtet. Der jugendliche Sohn von Sean McNamara bringt sich derweil mit Anleitung aus dem Internet eine Do-it-yourself-Beschneidung bei. Die verstümmelte Somalierin indes wird von einer Krankenschwester behutsam zur Wiederentdeckung ihrer Sexualität angeleitet. "Nip/Tuck" ist bisweilen so zart, wie es sonst unbarmherzig hart ist.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.09.2004, Nr. 216 / Seite 38
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