„Online für Anfänger" im Kino

Gegen die Internet-Giganten

Von Bert Rebhandl
28.10.2021
, 16:49
Blanche Gardin und Vincent Lacoste als Sextape-Typ in "Online für Anfänger"
Liebe, Rache oder neue Solidarität: Im Netz kann man fast alles suchen. Aber es zu finden, ist schwerer als gedacht, wie der Film "Online für Anfänger" zeigt.
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Wer heutzutage Gott spielen will, tut dies am besten im Internet. Es hat also eine gewisse Plausibilität, dass in dem Film „Online für Anfänger“ von Benoît Delépine und Gustave Kervern ein Hacker auftritt, der sich als Monsieur Dieu ansprechen lässt. Auch seinen Dienstort hat er gut gewählt: Er sitzt in der Rotorkammer eines Windrads hoch über den Dingen. Seine Finger fliegen, wie man das aus einschlägigen Filmen kennt, über die Tasten, als würden sie sie streicheln. Und dann kommt die Siegesformel: „Ich bin drinnen.“ Drinnen sein bedeutet in diesem Fall einen bedeutenden Durchbruch. Denn die Mächte, mit denen es Herr Gott hier zu tun bekommt, haben das Leben der meisten heutigen Menschen ziemlich fest im Griff. „Online für Anfänger“ erzählt von ein paar einfachen Leuten, die es mit Facebook und Google aufnehmen wollen und, noch ein bisschen größer: mit der „Wolke“. Alles Wesentliche befindet sich heute ja in Clouds, doch wie bekommt man es von dort wieder heraus? Davon wissen derzeit nicht nur österreichische Politiker ein Lied zu singen.

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Konkret geht es in „Online für Anfänger“ um Marie, Bertrand und Christine, drei französische Menschen, denen es eigentlich nicht schlecht gehen müsste. Sie leben in einer Eigenheimsiedlung, die auf feste Verwurzelung in sozialen Bezügen und in Besitzverhältnissen hindeutet. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich allerdings Krisensymptome. Bei Marie ist das Haus halb leer, es fehlt offensichtlich ein Teil einer Familie, die es einmal gab. Die neue Lücke im Leben füllt Marie mit Chaos. Sie ist nicht dafür begabt, für sich selbst zu sorgen, mit Geld umzugehen und derlei Dinge, die zu lernen in der Schule nicht im Mittelpunkt steht. In ihrer Einsamkeit lässt sie sich auf eine Nacht mit einem jungen Mann ein, der ihr bald darauf eröffnet, dass er den Liebesakt gefilmt hat. Die Datei würde er ihr überlassen, wenn sie dafür 10.000 Euro herausrückt. Andernfalls: eine Wolke, auf die aus aller Welt zugegriffen werden kann. Bertrand ist ebenfalls mit einem kompromittierenden Filmchen befasst. Es betrifft seine Tochter und beschert ihm einen großen Gegner. An Facebook hat er nun schon eine Reihe Briefe geschickt, alle korrekt frankiert und auch eingeschrieben. Auf eine Antwort wartet er noch.

Bertrand ist generell im Internet eher vertrauensselig, deswegen bekommt er viele Dinge, von denen er nicht genau weiß, wie ihm geschieht. Neuerdings hat es ihm eine Frauenstimme angetan, die ihm in einer Service-Schleife aufgefallen ist. Er fühlt sich von ihr persönlich angesprochen. Christine wiederum hat ihre Arbeit verloren, weil sie süchtig geworden ist. Nämlich nach Fernsehserien, und zwar den ganz langen. Sie hat in der Reaktorsicherheit gearbeitet, wegen sechs Staffeln „Six Feet Under“ hat sie ihren Dienst so stark vernachlässigt, dass eine Kündigung unausweichlich wurde. Dass man auf Qualitätsfernsehen drauf sein kann wie auf Heroin, das enthält natürlich eine Übertreibung. Aber allzu weit müssen Delépine und Kervern, das französische Komikerduo, bei ihrer komischen Alltagsethnografie des Zeitalters der Digitalisierung nicht über die Erfahrungen hinausgehen, die viele Menschen schon gemacht haben: Ärger über unerreichbare Vertragspartner, unerklärliche Abbuchungen, unlesbare Geschäftsbedingungen. Und von Cookies fängt dieser Film gar nicht erst an. Marie, Bertrand und Christine gehören alle zu der Altersgruppe, die noch zu jung ist, um sich auf das Großelternprivileg zu berufen, mit dem viele ältere Menschen sich weigern, die Zumutungen der digitalen Beschleunigung als Fortschritt zu akzeptieren. Sie sind aber auch deutlich zu alt, um über die oft verblüffende digitale Beschlagenheit junger Menschen zu verfügen. Sie sind also ideale Opfer für den Plattformkapitalismus.

Im Dienst einer neuen Solidarität

Ressentiments wären eine naheliegende Reaktion darauf, im Grunde ständig verhöhnt zu werden. Delépine und Kervern greifen auch entsprechende Stimmungen in der französischen Gesellschaft auf. Christine vor allem ist immer noch geprägt von dem Pathos, mit dem die „Gelbwesten“ gegen die Zentrale im Land aufbegehrten. Sie trifft sich bevorzugt auf Rasenflächen im Inneren von Kreisverkehren. „Online für Anfänger“ macht sich aber nicht selbst zum Agitationsinstrument, sondern hält die komische Distanz zu jeder Überschreitung. Man könnte fast meinen, dass Delépine und Kervern die zerstörerischen Energien der Protestbewegung einzusammeln versuchen, um sie in den Dienst einer neuen Solidarität zu stellen. Marie, Bertrand und Christine sind zwar nur die kleinste aller erdenklichen Mobilisierungen, es stellt sich aber doch etwas wie Gemeinsinn ein. Schon die Vorsprache bei Monsieur Dieu hat Aspekte einer Abordnung. Ins Prinzipielle begeben Marie und Bertrand sich schließlich bei dem Versuch, mit Facebook und anderen Datengiganten persönlich in Kontakt zu treten. Zwar haben auch Serverfarmen eine Adresse, aber man kommt dennoch nicht heran. Das größte aller Versprechen wiederum, nämlich im Internet wahre Liebe zu finden, kann nur zu der größten aller Ent-Täuschungen führen (hier braucht es tatsächlich einen Heidegger-Bindestrich, denn der Bot ist ja tatsächlich das neue Man).

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„Online für Anfänger“ steigert sich also bis zur veritablen Quijotterie, und sammelt auf dem Weg gute und auch ein paar naheliegende Gags ein. „Effacer l’historique“ heißt der Film im Original, also so viel wie „Verlauf löschen“. Das ist eine schöne Umschreibung für die moderne Sisyphos-Position, denn für jedes Browser-Datum, das man löscht, sammeln sich neue Daten an, die schnell wieder zu einem Stein werden, den man gern auf Facebook schmeißen würde.

Benoît Delépine und Gustave Kervern machen im französischen Fernsehen schon lange Satire, sie sind so etwas wie in Ehren ergraute Böhmermanns. Alle paar Jahre machen sie auch Filme, zum Beispiel den großartigen „Mammut“ mit einer der besten Rollen für Gérard Depardieu. „Online für Anfänger“ ist im guten Sinn populistisches Kino, getragen von vorzüglichen Darstellerinnen, zuvorderst Blanche Gardin, die keine auf „normalsterblich“ geschminkte Filmschönheit ist, sondern in der Schlange vor der Supermarktkasse sofort verschwinden und doch daraus sofort mit einer rebellischen Wendung wiederauftauchen würde. Michel Houellebecq beehrt den Film mit einem angemessen kryptischen Gastauftritt, und am Ende wissen wir alle: Online ist nicht nur nichts für Anfänger, es gibt im Digitalen auch keine Fortgeschrittenen, es kommt alles darauf an, ob man „draußen“ bleibt oder sich Zugang verschaffen kann. Dafür müsste man hacken können wie Herr Gott. Oder Frau Quellcode. Also ran an die Nullen und Einsen.

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Quelle: F.A.Z.
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