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„Herrliche Zeiten“ im Kino

Wo der deutsche Wahn zur Hölle wird

Von Julia Encke
 - 12:51

Ein dickes eisernes Tor schließt sich automatisch zu Beginn des neuen Films von Oskar Roehler. Eine undurchdringliche, mit Zacken bewehrte Metallmauer vor der Einfahrt einer Luxusvilla im Raum Köln-Bonn. Und noch während das Tor sich langsam schließt, hat man beim Zusehen das Gefühl, dass das, was sich dahinter abspielen wird, nichts Gutes sein wird. Von außen sieht alles perfekt aus, allzu geeignet, den Abgrund dahinter zu verbergen. Aber nicht vor uns. Oskar Roehler ist bekannt dafür, Abgründe und Grenzüberschreitungen zu lieben, also wird er uns nichts ersparen. Das ist schon nach wenigen Bildern klar.

Hinter den Mauern geht es zunächst vor allem neurotisch zu: Katja Riemann spielt mit langen dunkelroten Locken und in weißen Kleidern die Gartenarchitektin Evi Müller-Todt, die hier mit ihrem Mann Claus, einem Schönheitschirurgen, ein selbstbezügliches Leben führt. Evi stopft sich mit Tranquilizern voll, weil die Außenwelt für sie eine einzige Bedrohung darstellt: Auf einer Baustelle, auf der sie einen Garten anlegen soll, ist der bankrotte Investor eines Neubaus gerade vor ihren Augen in den Tod gesprungen. In der Villa knallt jetzt ein Vogel gegen die Scheibe des Terrassenfensters und stirbt. Ihr Mann Claus, der in der Klinik wohlhabenden Menschen aggressiv das Fett wegpumpt, ist zu Hause in schrecklichen bunten englischen Anzügen ihr Retter. Hinter den Mauern ist ihr Kokon.

Nur sieht es in diesem nur so lange schön aus, wie auch die Putzfrau mitmacht: „Räumt euren Dreck gefälligst alleine weg!“, steht auf dem Papier, das diese eines Tages hinterlässt. So macht das Paar sich auf die Suche nach einer neuen Hilfe – und lässt die Außenwelt hinein ins Innere ihres überdekorierten Kokons.

Für keine Pointe zu schade

Man muss an dieser Stelle schon mal sagen, wie sehr es Spaß macht, diesen Film zu sehen, was vor allem an den Schauspielern liegt: Oliver Masucci spielt die lächerliche Überheblichkeit des in die obere Gesellschaft aufgestiegenen Schönheitschirurgen mit seinen harten Gesichtszügen zum rheinischen Dialekt von Beginn an am Rand der Gewaltbereitschaft. Nur in seine dreckige Lache ist er und offensichtlich auch der Regisseur viel zu verliebt; als running gag hat sie sich bald verbraucht. Katja Riemann darf am Ende die Einzige sein, die im Roehler-Kosmos mit schöner Glaubwürdigkeit so etwas wie Moral verkörpert. Und wenn, als Bewerber für den Putzjob („Sklave gesucht“, heißt der mäßig komische Wortlaut der vom Schönheitschirurgen aufgegebenen Anzeige, auf die sich erst mal lauter Lack-und–Leder-Leute melden), Samuel Finzi die Leinwand betritt, ist sowieso alles gut.

Denn Finzi, der Große, ist in diesem Film die schillernde Figur. Ein Bulgare namens Bartos, der sich mit seiner jungen Frau Lana ausdrücklich in ein Herr-Knecht-Verhältnis begeben und den Müller-Todts dienen will. Die Müller-Todts sind sehr bald begeistert vom Verwöhnprogramm im Innern ihrer Villa. Fünf-Gänge-Menüs, Massagen, Saunagänge und außerehelicher Sex inklusive. Ein Krimi hat da längst begonnen und ein Exzess durchgeknallter Szenen. Roehler ist sich wirklich für keine Pointe zu schade. Und wenn trotz keiner ausgelassenen Trivialität das Ganze nie an Doppelbödigkeit verliert, so liegt das allein am Funkeln im Blick von Samuel Finzi.

Was sich Thor Kunkel wohl so dachte

Die Finzi-Figur ist es auch, die in „Herrliche Zeiten“ den Türöffner spielt und immer mehr Außenwelt hereinlässt: Irgendwann steht eine Gruppe bulgarischer Arbeiter im Garten, die mit Spaten ein Schwimmbad ausheben. Der schwerreiche irakische Nachbar wiederum lädt zur römischen Luxus-Kostüm-Party ein; mit Live-Auspeitschungen und der Inspektion seines Heiligtums: ein Folterkeller im Stil Saddam Husseins. Von Kontrolle kann hier schon keine Rede mehr sein. Und, man ahnt es ja schon, auf den Kontrollverlust des vom sozialen Aufstieg Besessenen und nach unten Tretenden wird hier alles hinauslaufen. Es dauert nicht mehr lang, da liegt der erste Tote im Garten.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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In den vergangenen Wochen und Monaten ist über Oskar Roehlers Filmprojekt viel geschrieben worden, weil „Herrliche Zeiten“ auf „Subs“, dem Roman des Schriftstellers Thor Kunkel, beruht. Thor Kunkel ist bekannt dafür, politisch weit rechts zu stehen. Als Werber verantwortete er im vergangenen Jahr die Wahlkampagne der AfD. Zuletzt unterzeichnete er die „Erklärung 2018“, die vor den Folgen „illegaler Masseneinwanderung“ warnt. Irgendwie hatte er es sich wohl so vorgestellt, dass, wenn Oskar Roehler seinen Roman verfilmt, dies für ihn ein Comeback als Schriftsteller oder als Gesamtperson bedeuten könnte. Jedenfalls beschwerte er sich jetzt, man habe ihn und sein Werk aus dem Projekt hinausdrängen wollen („Die altlinke Produzentin Jutta Müller, die ein Traumleben auf Kosten der deutschen Steuerzahler führt, will meinen Namen aus der Promo zum Film raushalten“). „Frei nach Motiven des Romans ,Subs‘ von Thor Kunkel“ steht auf den Plakaten von „Herrliche Zeiten“.

Flirt mit den Dingen aus dem Giftschrank

Und was tut der Regisseur? Er hält zu seinem „Kumpel Kunkel“, suggeriert, dass die Produzentin in ihrem „hehren Bewusstsein als Linke“ Angst bekommen habe, hält sich selbst zugute, dass es doch „Mut“ beweise, einen „rechten Autor zu verfilmen“, der dadurch auffalle, „dass er sich vom langweiligen Mainstream endlich einmal“ unterscheide. Will am Ende als „lumpiger Rechter“ selbst aber nicht dastehen.

Wir sind da bei der nervigen Seite des Regisseurs und Schriftstellers Oskar Roehler, der im Jahr 2018 die Posen des provozierenden Punks der achtziger Jahre immer weiter abfeiert und sich auf diese Weise überlegen fühlt oder es versucht: „Es gab schon immer einen Flirt in der Subkultur mit den Dingen aus dem Giftschrank“, sagte er, zu Kunkel befragt, letztes Jahr im Juni in einem Interview mit dieser Zeitung. „Wir haben das in Berlin in den achtziger Jahren exzessiv durchgespielt. Wir haben alles angesehen, was verboten war, weil es verboten war, und haben uns totgelacht. Wir haben uns auf Speed Goebbels’ Reden angehört oder ,Der ewige Jude‘ an die Wand irgendwelcher Kneipen projiziert.“

Nachbars Folterkeller

Dass Roehler sich von den politischen Ansichten Thor Kunkels nicht distanziert, gehört für ihn offenbar immer noch zum Programm dieser überlebten Punk-Posen. Er scheint sich darin furchtlos vorzukommen, wirkt aber eher spätpubertär, was ärgerlich vor allem deshalb ist, weil „Herrliche Zeiten“ mit den Ansichten Thor Kunkels nichts zu tun hat. Es wäre für Roehler ein Leichtes gewesen, zu sagen: Dies ist kein politischer Film. Mit den Überzeugungen Kunkels will ich nichts zu tun haben. Ich sehe sie nicht in diesem Film, ich will sie da auch nicht haben. Aber diesen Gefallen tut er uns nicht. Er mag es, wenn wir Probleme haben. Also sagt er nicht nur nicht, dass er politisch mit Kunkel nichts gemein hat, sondern stellt exklusiv für uns einen Zusammenhang zwischen dessen politischen Überzeugungen und einer Story her, die sich „vom langweiligen Mainstream“ unterscheide.

Im Kino denkt man an all das nicht. „Herrliche Zeiten“ ist eine gute Komödie mit einem hohen Grad an Durchgeknalltheit und einer Menge überstilisierter Bilder, die anzusehen auch deshalb so Spaß macht, weil ihnen die angestrengte und zwanghafte Künstlichkeit der Welt, von der sie erzählen, selbst so sehr zu eigen ist. Woran man im Kino denkt, ist etwas anderes. Gerade ist eine Szene zu sehen, in der der junge Iraker von nebenan seinem neuen Freund Claus Müller-Todt den Folterkeller zeigt und eine Kettensäge aus dem Schrank holt. Und man denkt an Christoph Schlingensiefs „Deutsches Kettensägenmassaker“; daran, dass Roehler und Schlingensief ja auch mal zusammengearbeitet haben, in „Die Piloten“ oder „Terror 2000“, wo sie zusammen das Buch geschrieben haben.

Strafe muss sein

Und tatsächlich ist das, was bei Schlingensief die „Chronik des deutschen Wahns“ war, in „Herrliche Zeiten“ als Gestus viel präsenter als irgendein Bezug auf Thor Kunkel. Wo es um untergründig präsente Gewalt geht, gehört Oskar Roehler zu denen, die darauf bestehen, diese auch zu zeigen. Andeutungen interessieren ihn nur als Vorstufe. Mit Vergnügen führt er uns vor Augen, wie Aggressionen – lange mühsam zurückgehalten und sublimiert – aussehen, wenn sie in Handlung umschlagen. Was auf diese Weise entsteht, sind Bilder, die irre, albern und irritierend sind – und das nicht, weil sie auf irgendeine Weise politisch prekär wären, sondern absolut eigenwillig, in ihrer Bildsprache übergefällig und damit entgrenzt.

Dass Oskar Roehler sich von der „Zeit“ in der letzten Woche unterstellen lassen musste, Thor Kunkel „aus Gründen, zu denen er sich nicht ausdrücklich bekennt“, die Treue zu halten, hat er sich selbst zuzuschreiben. Wenn Samuel Finzi seinen selbstgewählten und als Papagei verkleideten Herrn Claus Müller-Todt mit schneidender Stimme dazu auffordert, einen der bulgarischen Arbeiter, der des Diebstahls beschuldigt wird, auch angemessen zu bestrafen, weil er sonst kein Herr sei, sondern selbst ein Knecht, hat das mit Kunkels Ansichten aber nichts zu tun. Es beschreibt vielmehr den Moment, wo die herrlichen deutschen Zeiten zur Hölle werden.

Quelle: F.A.S.
Julia Encke
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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