Kino und KI

Die Bilder und ihr Gegenteil

Von Claudius Seidl
Aktualisiert am 16.10.2020
 - 22:35
So sieht das Schützenfestzelt auf dem Münchner Oktoberfest in der Erinnerung ungezählter Selfies aus.
Der Regisseur Philip Gröning hat ein paar tausend Bilder aus den sozialen Netzwerken gesammelt und lässt jetzt eine Künstliche Intelligenz ungesehene Räume bauen. Ist das die Zukunft des Kinos?

Unter all den Zukunftsaussichten, welche das Kino und die bewegten Bilder haben könnten, ist diese hier vielleicht die schönste und erstaunlichste: dass die Bilder sich in ihr Gegenteil verwandelten und die Blicke in die umgekehrte Richtung gingen. Dass nicht mehr eine Kamera in Räumen, mit Dingen und Menschen ihre Bilder produzierte. Sondern dass die Bilder sich, anders herum, wieder zu Räumen formten: zu einer Welt, durch die das Publikum hindurchgehen kann.

Es werden viel zu viele Bilder geschossen, hat Wim Wenders einst gesagt (bevor er sich ein Smartphone kaufte und ein paar tausend Fotos darauf speicherte); die Verächter von Selfies, Katzenbildern und Instagram stimmen ihm noch immer zu. Jedes Bild ist ihm gut genug, meint Philip Gröning, der ein paar tausend Bilder aus den sozialen Netzwerken gesammelt hat. Diese Bilder hat er einer Künstlichen Intelligenz gegeben. Und die hat daraus neue, nie gesehene Räume konstruiert.

Philip Gröning ist gelernter Filmregisseur und ein eigenwilliger Künstler. Seine Filme („Die große Stille“, „Die Frau des Polizisten“, „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“) gewinnen Preise und verstören ihr Publikum. Und immer geht es auch darum, die großen Fragen des Kinos noch einmal zu stellen, fast so, als stellten sie sich zum ersten Mal: Was sieht die Kamera, was mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist? Wo beginnt eigentlich die Fiktion, wenn doch die wirklichen Körper und die wirklichen Stimmen in wirklichen Räumen das Material des Kinos sind? Und zeigt sich die Kunst des Inszenierens wirklich darin, dass der Regisseur nach totaler Kontrolle strebt – oder geht es im Gegenteil darum, die Dinge geschehen und die Konflikte eskalieren zu lassen, während die Kamera läuft?

Eine Sparte, die Kunst ist und Nichtkunst zugleich

Vor zwei Jahren wurde Gröning zum Gastprofessor für freie Kunst an der Münchner Kunstakademie berufen – und es sieht so aus, als habe er von seinen Studenten fast so viel gelernt wie sie von ihm. Gröning und die Studenten experimentierten mit Künstlicher Intelligenz, spielten mit virtuellen Räumen und mit dreidimensionalen Bildern, und gelegentlich gab es in Münchner Ausstellungsräumen erste Ergebnisse zu sehen.

Welche Möglichkeiten sich aber mit der unfassbaren Rechenleistung und Lernfähigkeit einer Künstlichen Intelligenz eröffnen, für eine Sparte, die Kunst ist und Nichtkunst zugleich – und so neu, dass sie noch keinen Namen hat: Das zeigt Grönings Projekt „Phantom Oktoberfest – Oktoberfest Phantom“ (das während der Oktoberfestwochen in der Münchner Villa Stuck vorgeführt wurde, zurzeit in der Ausstellungshalle Tank in Schanghai; danach in Russland und Italien). Gröning hat Tausende Bilder vom Münchner Oktoberfest aus den sozialen Netzwerken herauskopiert, aus den geläufigen, aber auch aus chinesischen und russischen; und die Künstliche Intelligenz hat daraus das Innere einiger Festzelte konstruiert. Man setzt sich also die Virtual-Reality-Brille auf. Und hat dabei das Gefühl, dass man zugleich in die Zukunft und in die Vergangenheit schaut.

Es sind ja nicht pure Erinnerungen, die man als Fotos und Videos in die Netze stellt. Es sind Aussagen, Appelle, Suggestionen: Schaut her, so schön ist es auf dem Oktoberfest, und so glücklich bin ich dabei! Allerdings sind das Aussagen, für welche die Künstliche Intelligenz nicht empfänglich ist. Sie braucht, wenn sie den Raum konstruiert, die Konstanten und das Gemeinsame, die Unterschiede muss sie unterschlagen. Sie kann die vielen Menschen auf den vielen Bildern nicht herausrechnen, aber erkennen kann sie den Einzelnen nicht.

Ein visueller Mittelwert des Rausches

Der Mensch, sagt Gröning, stört die Berechnungen. So formt das Programm gewissermaßen ein Bild der Masse, ein weiches, amorphes, rosafarben schillerndes Ding, dem man nicht zu nahe kommen darf, sonst sieht man nur noch Punkte, Kreise, keine Kontur: den visuellen Mittelwert des Rausches, des Glücks, der Entgrenzung der vielen. Scharf und plastisch sind nur die unbelebten und die unbewegten Dinge, die Säulen, Schilder, Leuchter. Und da, wo keine Kamera hingeschaut hat, wo nichts war, das für die Erinnerung gerettet, für die Follower gepostet werden musste, da ist der Raum nur leer und schwarz. Wer sich da hineinbewegt und sich irgendwann umdreht, sieht das Bierzelt der Erinnerung, diesen Raum zweiter Ordnung, aus der Entfernung flimmern und glitzern wie einen bunten Sternennebel in einem Weltraumfilm.

Und genau dieses Bild verweist auf eine Zukunft, deren Möglichkeiten wir heute allenfalls ahnen können. Es ist ja nichts dagegen zu sagen, dass enorme Rechenleistungen im Kino vor allem dafür gebraucht werden, dass sie immer ausgedehntere Welträume erschaffen, die unwahrscheinlichsten Planeten und die großen Explosionen, die das alles wieder vernichten. Aber je aufwendiger diese Kinoschöpfungen werden, desto ähnlicher werden sie einander auch. Der Mensch, wenn er mit Hilfe der besten Computer jedes nur denkbare Bild, jeden imaginierten Schauplatz bauen kann, beweist dabei, dass er gar nicht in der Lage ist, Gott zu spielen. Er imitiert ihn nur, und er imitiert ihn schlecht. Diesen Bildern fehlt das Unberechenbare, das Unbeherrschte und Unverstandene. Und es fehlen der Widerstand des Materials, der Eigensinn der Objekte, die Sperrigkeit des Vorgefundenen, gegen welches die Kunst des Erfindens und Inszenierens sich behaupten könnte.

In den Räumen, welche Grönings Künstliche Intelligenz geschaffen hat, gibt es überhaupt nur Vorgefundenes, nur sperriges Material – Inszenierungskunst und Gestaltungswille werden im Grunde nur gebraucht in dem Moment, da sich entscheidet, welche Bilder eingespeist werden. Was dann entsteht, ist, wenn es überhaupt Kunst ist, dann Denkmaschinenkunst – eine bislang ungesehene Mischung aus Subjektivität und Statistik. Jedes Foto für sich mag von den Vorlieben und dem Geschmack des Fotografen zeugen; aber wenn tausend Fotos und Videos von der Künstlichen Intelligenz verarbeitet werden, dann entsteht etwas, das nicht real ist und auch nicht ausgedacht, ein Massenselbstporträt gewissermaßen, das mit bloßem Auge nicht zu erkennen wäre.

Man wünscht sich, dass Grönings Projekt nur der Anfang wäre. Dass es weiterginge mit dieser Inversion fotografischer Bilder. Dass es so normal wie ein Kinobesuch wäre, durch solche Räume zu spazieren. Wenn man Glück hat, begegnet man dort sich selbst.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seidl, Claudius
Claudius Seidl
Redakteur im Feuilleton.
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