Zweigs „Schachnovelle“ im Kino

Der Ungeist triumphiert

Von Simon Strauss
22.09.2021
, 07:50
Oliver Masucci als Josef Bartok in einer Szene des Films „Schachnovelle"
So lange Wien tanzt, kann die Welt eben doch untergehen: Philipp Stölzl verfilmt Stefan Zweigs „Schachnovelle“ neu. Dabei verfällt er teils in Effekthascherei.

Er sagt nur diesen einen, den wichtigsten Satz im ganzen Film: „Sie sind frei.“ Am Ende, wenn der jüdische Notar Josef Bartok aus dem Wiener Hotel Metropole wankt, nach Monaten der Isolationshaft, nach schwerer Folter, wenn er in seinem abgetragenen Anzug dasteht und die Sonne scheint und die Menschen spaziergehen, als wäre nichts geschehen, als hätte hier nicht ein Mensch all seine Würde und Kraft verloren, gedemütigt von den Schergen eines Terrorregimes, mitten in Wien, vor aller Augen hingerichtet: eine bisher auf ihre Feinheit so stolze Seele. „Schutzmann Erich“ (Moritz von Treuenfels), der ihm jeden Tag stumm eine Suppe gebracht hatte, während sich auf seinem jungen, fast noch knabenhaften Gesicht der Schrecken über das Erlebte immer deutlicher spiegelte, ruft ihm am Ende erleichtert hinterher, dass er jetzt frei sei. Endlich frei. Aber der Gefangene begreift die Worte des Wächters nicht mehr, ebenso wenig, wie er das Leuchten der Sonne versteht. Für ihn sind all das nur noch Züge in einer nicht enden wollenden Schachpartie.

Philipp Stölzl hat Stefan Zweigs im Januar 1942, wenige Monate vor seinem Freitod, abgeschlossene „Schachnovelle“ einmal mehr verfilmt. Sechzig Jahre nachdem Regisseur Georg Oswald den Stoff mit Curd Jürgens in der Hauptrolle mehr oder weniger texttreu auf die Leinwand brachte, geht Stölzl mit dem letzten Werk des im brasilianischen Exils verzweifelten Autors ziemlich „frei“ um.

Bei ihm liegt der Schwerpunkt der Handlung nicht auf der Überfahrt nach Amerika, sondern auf der Hölle der Wiener Isolationshaft. Nicht die Begegnung mit einem namenlosen Ich-Erzähler bringt „Dr B.“ dazu, sich zu erinnern; stattdessen dienen hier Glühbirnen, Standuhrenzeiger und Scotch-Flaschen als Auslöser für lange Rückblenden. Auch der Auftritt seiner hinzuerfundenen Frau Anna (zart angespielt von Birgit Minichmayr) verleitet den Verstörten zu der Frage: „Wie war es früher?“

Bald werden Folterknechte geschickt

Früher, vor der Nacht seiner Festnahme. Früher, als er wohlhabend und stolz, mit Schnurrbart und Dreiteiler in die Oper fuhr und sich Witze über Joseph Goebbels erzählen ließ: „Solange Wien tanzt, kann die Welt nicht untergehen.“ Aber sie geht unter, und zwar für ihn in nur einer Nacht: An fackelschwenkenden Nationalsozialisten vorbei wird er ins Hotelquartier des regionalen Gestapo-Leiters gefahren, der ihn in eine „Sonderbehandlung“ schickt, weil er sich weigert,die Kontodaten seiner wohlhabenden Klienten zu verraten. Über Monate wird er in ein Zimmer gesperrt, zunächst noch mit Blick in den Hof und freundlichen Überredungsversuchen, dann werden die Fenster vermauert und Folterknechte geschickt. Ein Buch hilft ihm, nicht den Verstand zu verlieren: Keine erzählende Literatur, sondern eine Sammlung berühmter Schachpartien. Er lernt sie auswendig, spielt sie im Kopf nach, wird zum manischen Schachspieler, spaltet die Wirklichkeit des Grauens ab zugunsten der Fiktion eines immer weiteren Zuges.

Die zwei Gegenspieler: Albrecht Schuch als Franz Josef Böhm und Oliver Masucci als Josef Bartok
Die zwei Gegenspieler: Albrecht Schuch als Franz Josef Böhm und Oliver Masucci als Josef Bartok Bild: dpa

Erinnerung legt sich über Gegenwart

Der Gestapo-Chef wird in diesem Spiel zu seinem erbitterten Gegner und nimmt in Stölzls Bearbeitung auch die Gestalt des slawischen Schachweltmeisters Czentovican an. Dadurch wird der zwar zu keinem „Miniatur-Hitler“ (Joseph Strelka), aber eben doch zu einem Doppelgänger des faschistisch Bösen. Während in der Novelle eine erneute Partie im Wahnsinn des „schachvergifteten“ Protagonisten endet, legen sich im Film Erinnerung und Gegenwart über­ein­ander, wenn Bartok – der statt Geheimcodes nur noch Figurenzüge erinnern kann – aus seiner Folterhaft entlassen wird und in Amerika ans Ufer tritt.

Dass die ganze Geschichte bei Stölzl am Ende nur die Wahngeschichte eines Psych­iatrie-Patienten sein soll, der mit Hornbrille den Homer-Vorlesungen einer jungen Therapeutin lauscht, ist Ausdruck einer eher banalisierenden Effekthascherei. Dazu gehören neben einer enervierenden musikalischen Übertünchung auch die chargenhaften Stimmungsmarkierungen: Glück wird hier über Champagnergläser, Abendkleider und Kaiserwalzer, Not durch einen unrasierten Bart, zittrige Hände und heruntersegelnde Landesflaggen gezeigt. Die Bildsprache der Regie wirkt oft abgeschaut – Pathos wird von ihr weniger erzeugt als empfohlen.

Aber das ist nur die eine Seite dieser Neuverfilmung. Auf der anderen erlebt man einen Hauptdarsteller, der es durch seine langsam schwächer werdende Körperspannung und seine immer aussichtsloseren Blicke schafft, die verschiedenen Stadien des Zusammenbruchs zu verkörpern. Gleich zu Beginn, wenn Oliver Masucci am Rotterdamer Hafen durch eine Menge von erleichterten Exilanten irrt und ihnen hilflos zuschaut, als wäre er keiner von ihnen, wird man von seinem Spiel angezogen. Diese Anziehung dauert über die 112 Minuten an und hilft über manche Enttäuschung hinweg. Der sonst so eindrucksvolle, aber im Moment möglicherweise etwas zu viel besetzte Albrecht Schuch etwa kommt hier als Gestapo-Chef nicht über das Erwartbare seiner Rolle hinaus; als vornübergebeugter Schachweltmeister, der seinen unterlegenen Gegnern die rechte Hand über das Brett reicht, ohne sie eines Blickes zu würdigen, zieht sein Spiel dagegen sofort wieder in den Bann.

Masucci, der einem breiteren Publikum nicht zuletzt durch die deutsche Serie „Dark“ bekannt geworden ist, konzentriert sich ganz auf die schockierende Wirkung der Unrechtserfahrung. Noch am Abend in der Oper hält er die Warnungen vor den Deutschen „für einen Witz“, glaubt fest daran, dass auch die neuen Machthaber sich „an die Gesetze halten“ werden. Nur ein paar Stunden später wird ihm der Ehering vom Finger gerissen und er einem Richter vorgeführt, der nur noch den Befehl seines Führers kennt.

Das Unvorstellbare wird zur Tatsache und treibt den abendländisch Gebildeten in den Wahn. Zweigs Novelle will nicht den „Triumph des Geistes über den Terror zeigen“, wie es mitunter in der Forschung hieß, sondern das ganze Gegenteil: das Schachbrett als Symbolbild für den vergitterten Raum bietet keinen Ausweg, sondern stellt nur eine bittere Bekräftigung der Isolation dar. Zumindest dieser geheimen Leitmetapher von Zweigs Abschiedstext bleibt die Verfilmung treu.

Quelle: F.A.Z.
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