Polizeikomödie

Faust aufs Gesetzesauge

Von Bert Rebhandl
29.08.2020
, 21:55
Entwaffnende Harmlosigkeit in einer Welt ohne echte Gefahr: Die Kinokomödie „Faking Bullshit“ meint es gut und macht vieles richtig, lässt sich aber von ihrer Idyllik zu sehr einlullen.

Auf einer Hauswand in einer kleineren Stadt in NRW hat jemand eine Volksverhetzung begangen: Fünf Hakenkreuze und ein Phallussymbol stören weithin sichtbar die öffentliche Ordnung. Wenn man genauer hinsieht, könnte man allerdings ein wenig unsicher werden. Die Hakenkreuze scheinen förmlich zu tanzen, und der Penis wirkt daneben eher lustig als obszön. Handelt es sich vielleicht nur um einen Streich? Passenderweise wohnt in dem Gebäude, zu dem die Wand gehört, ein ortsbekannter Eigenbrötler, einer, der rechten Parolen nicht abgeneigt ist oder der sich zumindest so anhört, als orientiere er sich intellektuell eher bei Neonazis. Er wird aber doch nicht selbst zur Spraydose gegriffen haben?

Die feinen Unterschiede in der modernen Kunst bilden einen nicht ganz unwichtigen Hintergrund in der deutschen Filmkomödie „Faking Bullshit“. Kunst kann man heutzutage ja meistens so oder so sehen, und so oder so ist das mit den Hakenkreuzen wohl auch gemeint. Von einem Streich könnte man ohne weiteres sprechen, und zur Frage der Urheberschaft könnte man eventuell den Untertitel des Films konsultieren: „Krimineller als die Polizei erlaubt“. Wer könnte nicht nur dümmer, sondern auch krimineller sein, als die Polizei erlaubt? Kleiner Hinweis: die Feuerwehr ist nicht gemeint.

Wache 23 hat ein Problem

Mit den Ermittlungen ist die Beamtenschaft der Wache 23 betraut. Sie versieht in der namenlosen Kleinstadt (gedreht wurde in Ahlen) einen meist geruhsamen Dienst. Deniz, Rocky, das Ehepaar Hagen und Netti Wunderlich, dazu der Vorgesetzte Rainer, das ist die Exekutive in einer Gegend, in der nicht einmal Fuchs und Hase beim Gutenachtsagen ins Streiten kommen. In einer Welt, in der von der öffentlichen Hand vor allem Sparmaßnahmen zu erwarten sind, entsteht durch die Idyllik für die Wache 23 ein Problem. Sie wird vielleicht nicht mehr gebraucht. Jedenfalls taucht eines Tages eine aparte Kollegin aus Düsseldorf auf, die evaluieren soll, ob man die Sicherheit in der Gegend nicht auch von ein wenig weiter her gewährleisten könnte.

Die Kollegin heißt Tina, und Deniz hatte sie schon am Abend davor getroffen. Zufällig, unbekannterweise, in einer Bar, in der er vorher ein Date hatte, das wegen der Woher-Frage ein wenig aus dem Ruder lief. Mit der Woher-Frage („Nein, sag schon, woher kommst du wirklich?“) kann man einen jungen Deutschen wie Deniz normalerweise nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Aber allzu leicht wird aus dem vorgeblich harmlosesten Interesse ein Fall von Alltagsrassismus. Und dann steht Deniz eben wieder allein an der Bar, und ist frei für Tina. Also zuerst einmal für die nächsten Missverständnisse. Der Regisseur und Komiker Alexander Schubert griff für das Drehbuch zu „Faking Bullshit“ auf eine Vorlage aus Schweden zurück, wo der Staat anscheinend schon früher meinte, sich aus der Fläche zurückziehen zu müssen.

Systemkonkurrenz bei Katzenrettungen

„Kops“ von Josef Fares war 2003 ein großer Erfolg, mit einer Geschichte, die nun direkt ins kleinstädtische Deutschland übernommen wird. Die Wache 23 hilft dem Mangel an Straftaten auf ihre Weise ab. Dabei kommt es zu Begebenheiten wie einem entwendeten Deodorant, dessentwegen der Kiosk-Besitzer nicht einmal Strafanzeige stellen will – er hat größere Sorgen wegen seiner offenkundig noch nicht nachgezogenen Familie, und hält die Polizisten vor allem für die Überbringer von schlechten Nachrichten.

Nachdem das Deo-Delikt aber zuerst halbwegs plausibel inszeniert und dann auch souverän aufgeklärt wurde, befinden sich die Mitarbeiter der Wache 23 auf einer abschüssigen Bahn. Oder in einer Eskalationslogik. Denn während Tina die Akten von zahlreichen Katzenrettungen überprüft (auch um eine eventuelle Systemkonkurrenz mit der Feuerwehr orten zu können), häufen sich im Zuständigkeitsbereich plötzlich die Merkwürdigkeiten. Und die Begründungen werden waghalsiger: „Veganer werden auch immer militanter.“

Die Rockerbande als Hochzeitsbegleitung

In nahezu allen Fällen ist der Penner Klaus involviert, ein gescheiterter Familienvater, aus dem Bjarne Mädel eine echte Identifikationsfigur macht. Nicht, weil nun plötzlich alle in der Gosse landen sollten, sondern weil er bei aller Typenkomik deutlich macht, dass es vom unauffälligen Bürger zum Sozialfall nicht immer ein langer Weg ist. Zurück zum Glück auch nicht, solange man sich nicht zu sehr an den Griff zur Flasche gewöhnt hat.

„Faking Bullshit“ ist ein etwas unpassender Titel für eine Komödie, die im Detail vieles richtig macht, sich von ihrer impliziten Idyllik aber auch manchmal ein wenig einlullen lässt. Dass sich die Bad Kings Choppers, eine lokale Rockerbande, schließlich als Hochzeitsbegleitung erweisen, würden manche richtige Polizisten in NRW vermutlich als naiv einschätzen. Aber damit träfen sie genau den Punkt von Alexander Schubert: „Faking Bullshit“ zielt auf entwaffnende Harmlosigkeit. Einer aufgescheuchten Öffentlichkeit, die von Bandenwesen und Clankriminalität täglich aus den Lokalblättern erfährt, wird hier ein selbstregulierender Prozess vorgeführt: Wagen 1 und Wagen 2 von Wache 23 sorgen für Ordnung in einer Gesellschaft, die eigentlich gar nicht so richtig weiß, welche Probleme sie hat. Da trifft „Faking Bullshit“, wenngleich vielleicht ein bisschen bräsig, jedenfalls einen Punkt. Und Schmierereien muss man vielleicht weniger ernst nehmen als Tiernotlagen.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot