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Wawerzineks „Lievalleen“

Die Familie, die wir nie hatten

Von Julia Encke
 - 22:31
Der Schriftsteller Peter Wawerzinek im Gespensterwald im Ostseebad Nienhagen in einer traumhaft-surrealen Sequenz seines Films „Lievalleen“.

An den glatten hohen Buchenstämmen entlang fährt die Kamera hinein in den Gespensterwald. Sie ist nicht auf Augenhöhe eines Erwachsenen, sie ist weiter unten auf der eines Kindes. „Mein ist der Gespensterwald im Ostseebad Nienhagen“, sagt die Stimme des Schriftstellers Peter Wawerzinek. „Mein sind die Bäume. Mein sind die Vögel im Geäst – von mir ausgeschickt, nach der Mutter und dem Vater zu suchen, die meine Schwester Beate und mich einfach so zurückließen.“

Die Kamera fährt hoch in die Baumwipfel – und ganz unten ist, den Stamm einer Buche umarmend, jetzt Peter Wawerzinek zu sehen. Sehr klein sieht er von hier oben aus, klein wie ein Kind. Er trägt auch Kleider, die er so ähnlich als Kind getragen haben könnte: eine kurze Lederhose mit Trägern und ein kariertes Hemd. Er ist Mitte sechzig und spielt sich selbst als kleinen Jungen: „Ich bin auf Einsamkeit eingestellt“, sagt seine Stimme. „Ich muss ja nur noch groß werden, dann find ich euch, wo immer ihr seid.“

Ähnliche Schicksale gab es überall

Ein Programmkino in der Greifenhagener Straße in Berlin. Der Dokumentarfilm, der hier an diesem Winternachmittag läuft und den nur ein paar Freunde und Autoren aus Wawerzineks Galiani-Verlag sehen – der Schauspieler Hanns Zischler ist darunter, die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck und die Illustratorin Kat Menschik –, steht nicht auf dem Programm: „Lievalleen“ heißt er. Wawerzinek hat ihn zusammen mit seinem Freund, dem Regisseur Steffen Sebastian, in jahrelanger Arbeit gedreht. Angefangen haben sie nach Erscheinen von „Rabenliebe“, dem Buch, mit dem der Schriftsteller 2010 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann und die Kritik erschütterte.

Denn in „Rabenliebe“ ging es in weiten Teilen um Wawerzineks eigene Geschichte: um die Geschichte eines Jungen, der 1954 in Rostock geboren wurde, in einem schmalen Haus am Stadthafen, einer verrufenen Gegend, und dessen Eltern ihn und seine Schwester 1957 allein in der Wohnung zurückließen, um selbst nach Westdeutschland abzuhauen. Die Kinder wären fast verhungert. Fünf Tage dauerte ihr Martyrium, dann wurde die Wohnung von der Polizei aufgebrochen. Peter Wawerzinek war damals drei, seine Schwester zwei Jahre alt.

„Rabenliebe“ war ein Roman über die Suche nach der Mutter und eine Abrechnung mit ihr. Über ein Leben in Kinderheimen, eine missglückte Adoption und eine andere, von der er seinen heutigen Namen behalten hat. Über einen Fluchtversuch Richtung Mutter in den Westen, bei dem er auf halbem Weg wieder umkehrte. Dass er auch eine Schwester hatte, erfuhr er mit vierzehn. Peter Wawerzinek erzählte all das als autobiographische Geschichte, die er aber zugleich als universell verstanden wissen wollte: Er unterbrach sie mit Zeitungsausschnitten und Meldungen, in denen es um misshandelte Kinder ging. Wir waren nicht allein, es gibt uns überall, sagten diese Unterbrechungen.

Aus dem Buch wird ein Geschwisterfilm

Im Film lässt er diese Ebene nun weg. „Lievalleen“, der auf dem Filmkunstfest in Schwerin Premiere hatte, aber noch immer ohne Verleih ist, was hoffentlich nicht so bleibt, ist eine Dokumentation über Wawerzinek selbst, in der er mit Steffen Sebastian die Orte seiner Kindheit alle noch einmal aufsucht und in kalten Bildern der Ostseeküste oder Räumen von Kinderheimen eine Stimmung der Verlassenheit reproduziert, die man einfach nur beeindruckend nennen kann.

„Nach ,Rabenliebe‘ kamen Leute auf mich zu“, erzählt Wawerzinek in einem Café am Wasserturm in Prenzlauer Berg, „eine Erzieherin, die mit mir Hausaufgaben gemacht hat, Leute, mit denen ich im Kinderheim gewesen war und die gesagt haben: ,Hey, das war ich!‘“ Unter ihnen war auch die Erzieherin Erika Banhardt, deren Kosename Bani gewesen war. Sie habe das Buch gelesen und wolle ein paar Sachen kommentieren, sagte sie damals. Wawerzinek fragte, ob er sie aufnehmen dürfte, als sie sich trafen: „Mit dir fällt die letzte Bastion der Nachkriegserzieherinnen, die keine Ausbildung hatten.“ Sie willigte ein, und beinahe wäre das Ganze ein Bani-Film geworden. Sie fanden sogar heraus, dass die Erzieherin schon einmal gefilmt worden war, in „Winter adé“, Helke Misselwitz’ Film von 1988.

Was dazwischenkam, war Wawerzineks Schwester Beate. Nach langem Zögern willigte sie plötzlich ein, mitzumachen. Sie habe Verdacht auf Brustkrebs gehabt und sei überzeugt gewesen, dass sie sterben müsse, erzählte sie bei der Premiere des Films auf der Bühne in Schwerin. Vorher, dachte sie, konnte sie ihrem Bruder dann doch den Gefallen tun und bei dessen Film mitmachen. Sie war bereit, alles zu erzählen und mit an die Orte der Vergangenheit zu gehen. Und durch sie wird aus dem Film etwas, was der Roman „Rabenliebe“ nicht war und auch nicht sein konnte: „Lievalleen“ ist ein Geschwisterfilm. Er verfolgt einen Bruderweg und einen Schwesterweg. Er selbst sei im „Himmel“ gelandet und seine Schwester in der „Hölle“, sagt Wawerzinek im Gespräch. Was seinen Weg angeht, ist das übertrieben, was ihren angeht aber nicht.

Das Gefängnis ihrer Kindheit und Jugend

So sehen wir Beate im Film in ihrer Küche Tee kochen. Wir sehen sie schweigend mit dem Bruder am Küchentisch sitzen, weil es ihnen nicht immer möglich ist, über ihre so gegensätzlich verlaufenden Kindheiten zu sprechen. Man hatte beide, als sie gefunden worden waren, in ein Säuglingskinderheim nahe der Stadt Grimmen gebracht und dann voneinander getrennt. Der Bruder kam in ein Kinderheim im Ostseebad Nienhagen, wo er, wie „Bani“ erzählt, die Erzieherin nachts weckte, um ihr in der Ferne die Lichter von Rostock zu zeigen, da wohne er und da wohne seine Mutti, ob die jetzt auch im Bett sei, so wie er?

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Die Schwester brachte man mit zwei Jahren in die psychiatrische Abteilung im Krankenhaus West in Stralsund. Für fünfzehn lange Jahre. Man erzählte ihr, die Mutter sei nach der Geburt gestorben, sie sei das einzige Kind, der Vater sei unbekannt. „Worauf bist du stinksauer?“, fragt der Bruder seine Schwester. „Auf das ganze Leben, was ich hinter mich gebracht habe als Kind. Dass mir nicht das gegeben worden ist, was anderen möglich war: zur Schule zu gehen, zu lernen, schreiben, lesen, rechnen, Fahrrad fahren, Moped fahren.“ Sie sagt das mit einem fast ausdruckslosen Gesicht, zeigt dem Bruder in dem heute leerstehenden Gebäude in Stralsund die Räume mit den kaum zu öffnenden Fenstern, das Gefängnis ihrer Kindheit und Jugend.

Sie zeigt ihm den Raum, in dem sie einmal in der Woche einen Film sehen durften, was ein Glück war. Und sie erzählt von der Schlafkur von sechs Wochen, die vom Stationsarzt verordnet wurde, wenn jemand herumbrüllte oder sich widersetzte: „Da stand ein weißes Bett aus Metall, und über dieses Bett war ein Netz gespannt, eine Art Fischernetz. Und dann wurde das Netzbett vom Fuß- bis zum Kopfende zugeschnürt. Bei den Mahlzeiten wurde es bis zur Mitte aufgemacht, du konntest dich aufrecht hinsetzen und die Mahlzeit zu dir nehmen. Danach musstest du dich wieder hinlegen, und das Netz wurde wieder zugeschnürt. Und das sechs Wochen lang. Dann gab’s noch dreimal täglich eine Spritze zur Beruhigung. Das mit der Kur ist mir einmal passiert. Da war ich 15, 16, in dem Alter. Danach habe ich aufgepasst, dass es mir nicht noch mal passiert.“ Der Film wird hier auch zum Dokument der DDR-Psychiatrie-Geschichte.

Von der Kunst, die Vergangenheit einzufangen

Es gab einen Moment, in dem Wawerzineks Adoptiveltern auch Beate, von der sie wussten, deren Existenz sie dem Sohn aber verheimlichten, hätten adoptieren können. „Meine Adoptivmutter Alice war, als ich noch nicht mal 14 war, aus Neugierde in die Psychiatrie gefahren und wieder abgehauen. Sie wollte das nicht. Sie hätte sie auch vorher schon befreien können, aber sie wollte keine ,Debile‘ haben. Beate ist für sie ein Problemfall gewesen, damit konnte sie nicht angeben. Mich hat sie ja rausgeholt, weil ich ein tolles Zeugnis hatte“, sagt Wawerzinek.

Seine leibliche Mutter hat der Junge, der Künstler und Schriftsteller wurde, im Westen Jahre nach dem Fall der Mauer gefunden. Davon erzählt auch „Rabenliebe“. Sie hatte dort acht weitere Kinder bekommen, acht neue Halbgeschwister für Peter Wawerzinek – einer davon, Sascha Meder, durch den „Big Brother“-Container bekannt. Als „Rabenliebe“ erschien, stand auch die „Bild“-Zeitung vor der Tür der Mutter in einem kleinen Ort am Neckar. „Diese Mutter floh aus der DDR und ließ ihre kleinen Kinder fast verhungern“, titelte sie und zeigte ein im Gesicht gepixeltes Foto von ihr.

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„Wir hätten in den Film Fotos von der Begegnung zwischen meiner Mutter und mir reinbringen können, die gibt es ja“, erzählt Wawerzinek. „Das war mir aber so zuwider, dass ich sagte: ,Ich will diese kalte Kuh in meinem Film nicht sehen!‘“ „Lievalleen“ zeigt den Sohn nur vor dem Haus der Mutter in der Kälte, mit rotem Gesicht, während am Boden Blitzeis gefriert. Und im Gespensterwald in Nienhagen drehten sie märchenhafte Szenen, in denen sich Wawerzineks Freund Steffen „Schortie“ Scheumann mit Perücke und Kittelschürze vom Rostocker Theater als Mutter verkleidete und diese spielte. Man staunt im Kino, wie sehr diese traumhaft-surrealen Szenen funktionieren und dem Film so noch eine weitere Reflexionsebene geben.

Er fand sie und fand sie doch nicht. „Wir beide sind der kleinste Teil einer Familie, die wir nie hatten“, sagt Wawerzinek an einer Stelle im Film über sich und seine Schwester. Gerade hat er seine Romantrilogie, deren erster Band „Rabenliebe“ war und der Roman „Schluckspecht“ der zweite, mit dem Buch „Liebestölpel“ beendet. Auch dieses beginnt in der Kindheit im Gespensterwald in Nienhagen, wo ein Mädchen aus dem Kinderheim mit zwei kurzen schwarzen Zöpfen vor ihm hin und her läuft und die Zöpfe ihm zuzurufen scheinen: „Fang uns ein.“ Peter Wawerzinek ist ein großer Künstler, wenn es genau darum geht: die Vergangenheit einzufangen.

Über den Film

„Lievalleen“ wird am 12. Februar an der Volksbühne in Berlin zu sehen sein und hoffentlich bald in vielen Kinos.

Peter Wawerzineks Romane „Rabenliebe“, „Schluckspecht“ und „Liebestölpel“ sind im Galiani-Verlag erschienen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Encke, Julia
Julia Encke
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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