Rassismus im deutschen Fußball

Worauf genau sollen sie stolz sein?

Von Paul Ingendaay
15.04.2021
, 13:40
Schwarze Menschen können im Fußball zu Stars werden und dennoch Opfer von Diskriminierung sein: Torsten Körners eindringlicher Film „Schwarze Adler“.

Es ist keine Neuigkeit, dass alte Fernsehwerbung uns oft merkwürdig anschaut, weil die befremdliche Ideologie von damals, die wir kaum noch erkennen, aus allen Fugen quillt. Aber dass ein Dokumentarfilm über Kinder deutscher Mütter und schwarzer Soldaten der US Army das Bleiberecht der Kleinen allen Ernstes in Frage stellte, ist dann doch – wir schreiben das Jahr 1957 – eine besondere historische Nachhilfestunde. Ob sie das dunkelhäutige Kind wirklich bei sich behalten wolle, wird eine junge, offenbar mittellose Mutter in dem Film „Toxi lebt anders“ gefragt. Ja, sagt die Mutter, und sie sagt es trotzig und etwas verloren. Der Interviewer sieht da leider nur Beschwernis voraus. Was das Kind später in Deutschland mal machen solle, fragt er. Und jeder Zuschauer wusste, was gemeint war: mit dieser Hautfarbe? O-Ton: „Das Kind kann doch nicht zum Zirkus gehen!“ Der Interviewer schlägt begütigend Adoption vor. Die Mutter, der Verzweiflung nahe, schüttelt den Kopf. Sie weiß nur eins: Sie will ihr Kind behalten und aufziehen.

Die Fußballer Erwin Kostedde, Jahrgang 1946, und Jimmy Hartwig, acht Jahre jünger, waren solche Kinder. Kostedde von Kickers Offenbach war der erste dunkelhäutige Spieler, der es bis in die deutsche Fußballnationalmannschaft schaffte, Jimmy Hartwig (HSV) einer der markanten Bundesligastars der Achtziger. Kostedde erzählt, er habe bei seinen drei Länderspielen mit dem Druck nicht umgehen können, habe gespielt „wie ein Eimer Wasser“. Hartwig wiederum, ein witziger, selbstbewusster Mann, stellte die Frage nach der Unsichtbarkeit schwarzer Menschen in der höchsten weißen Fußballgesellschaft im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF öffentlich, und wenn man sich die Szene noch einmal ansieht, ist man versucht, darin einen der wenigen Wahrheitsmomente zu erkennen, zu denen Fernsehen fähig ist: „Ich bin ausgezeichnet worden als einer der besten Mittelfeldspieler in Europa und habe keine Nationalmannschaft gespielt“, sagt Hartwig dem Moderator in ruhigem Ton. „Jetzt frage ich Sie: An was liegt das? Hätte ich mir die Haare färben sollen, Kontaktlinsen einsetzen sollen?“

Dies bleibt einer der mutigsten Sätze in Torsten Körners Hundertminuten-Film „Schwarze Adler“, der von morgen an auf Amazon Prime gestreamt werden kann und im Juni auch im ZDF gesendet wird. Denn die meisten Erfahrungen der Fußballerinnen und Fußballer, die nach Kostedde kamen – von Soulemane Sané bis Anthony Baffoe und Anthony Yeboah, von Steffi Jones bis Otto Addo, Patrick Owomoyela, Cacau und Gerald Asamoah – handeln von Scham, Zurücksetzung und rassistischer Verhöhnung. Aber es ist nicht ein solcher Film. Es gibt kein Gejammer, keine Anklage und keine Polemik. Sondern vor allem Nachdenklichkeit, wie das so ist bei schweren Erinnerungen, ein paar Tränen und im Hintergrund zwei Takte des Deutschlandlieds auf einem Soloinstrument. „Schwarze Adler“ erzählt mit den Stimmen von vierzehn Akteuren, was unser Land einmal war und teils immer noch ist: eine Gesellschaft, die sich als weiß begreift, dies überwältigend klar macht und Menschen anderer Hautfarbe nur widerwillig Platz darin einräumt. Wenn überhaupt.

Der größte Idiotenchor der Welt

Manche konnten das Angestarrtwerden in Kampfenergie verwandeln. Guy Acolatse vom FC St. Pauli, ein schneller und technisch versierter Stürmer, bekam vom Präsidenten hundert Mark extra, weil er der Publikumsmagnet war, und spielte in den sechziger Jahren den gutgelaunten Exoten. „Die Leute haben mich angesehen“, sagt Acolatse, „als würde ich sie gleich fressen.“ Andere wie der junge Jordan Torunarigah erinnern sich an das N-Wort, an Affengeräusche und auf den Platz segelnde Bananen. Es war der schlagfertige Jimmy Hartwig, der in den frühen achtziger Jahren zu den Fans des FC Bayern ging, die ihn von den Rängen aus beschimpften, und ihnen lächelnd, wie ein Dirigent, den Takt ihrer Schmähgesänge vorgab, eine geniale Umwertung der Szene, wie sie wenigen gelang. Und Hartwig lacht noch heute darüber: „Ich hab den größten Idiotenchor der Welt dirigiert.“

Statt aufsehenerregende Thesen aufzustellen, schafft Körners Film in ruhigen, melancholischen Bildern und ohne jedes Drama (Kamera: Johannes Imdahl) einen Raum für Geschichten, die nebeneinander gesehen werden wollen. Die Waschmittelwerbung der jungen Bundesrepublik, geradezu besessen vom Thema der Reinheit („so weiß, weißer geht’s nicht!“), als müsste da auch die ältere Schuld abgewaschen werden, konfrontierte dunkelhäutige Menschen unablässig mit dem Pigment, das ihnen fehlte. Oder machte Witze über ihre Hautfarbe. Als die Jamaikanerin Beverly Ranger im deutschen Fernsehen der Siebziger für ihr „Tor des Monats“ geehrt wurde, sang Vico Torriani im Einspieler: „Schön und kaffeebraun / sind alle Fraun“. Shary Reeves glaubte im Internat Geschichten, die behaupteten, es gebe Seifen, die ihre Haut aufhellen könnten. Als Kind habe er sich geschrubbt wie ein Wahnsinniger, erzählt auch Erwin Kostedde, „aber ich wurde nicht weißer“. Erst die spätere Generation, Spieler wie Jean-Manuel Mbom etwa, sagt selbstbewusst: „Ich finde es schön so, wie ich aussehe. Ich bin stolz darauf.“

Der Titel „Schwarzer Adler“ bezieht sich nicht nur auf das Emblem der Nationalmannschaft auf der weißen Brust. Auf ihre jeweilige Weise mussten die Zurückgesetzten und Verachteten in ihrem Leben selbst zu schwarzen Adlern werden – mutig, stark, der Siegertyp. Nicht bei allen hat es geklappt. Rigobert Gruber musste 1984 wegen einer Knieverletzung seine Karriere vorzeitig beenden. Und als manche von ihnen wirklich den Bundesvogel auf der Brust tragen durften? Gerald Asamoah wurde im Fernsehen gefragt, ob er nun stolz sei, ein Deutscher zu sein. „Ich bin stolz“, antwortete er und legte Wert auf den Unterschied, „für Deutschland spielen zu dürfen.“

Ein Nachbar namens Boateng

Geliebt als Fußballer und abgelehnt als Mensch: Das zeigte sich auch an der öffentlichen Debatte über Deutschland und seine Nationalhymne, in der bis heute eine Menge Heuchelei und ein bizarrer nationalistischer Regelfetischismus stecken. Beim jungen Jérôme Boateng erregten sich manche, weil er vor dem Anpfiff mit geschlossenen Augen in der Reihe stand und die Lippen nicht auseinanderbrachte – hier musste doch ein Bekenntnis zu Deutschland her! An die späteren Worte des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland, die Leute wollten „einen Boateng nicht als Nachbarn haben“, braucht der Film in diesem Zusammenhang nur kurz zu erinnern. Niemand fasst die Zumutung eloquenter zusammen als Shary Reeves. Man wachse in diesem Land auf und gehöre dennoch nicht dazu, sagt die frühere Spielerin. „Man soll aber dazugehören, wenn alle da draußen wollen, dass man die Hymne mitsingt. Das geht nicht. Das steht im Widerspruch zu den eigenen Emotionen.“

Zu seinem Glück interessiert sich dieser stille, fabelhaft komponierte Film (Schnitt: André Hammesfahr) nicht für die Schmähungen der Fans und deutet das Ausmaß der Anfeindungen nur sekundenweise an. Es wäre ein anderer Film geworden, hätte er sich auch noch an der Gewalt in den Stadien oder der Propaganda der NPD überhoben. „Schwarze Adler“ gehört der Minderheit, denen, die so viel eingesteckt und erlitten haben, ohne dass es ein Forum für ihre Geschichten gegeben hätte. Fußball ist Entertainment, wie jeder weiß. Und doch: Diese Einzelschicksale, die erst mit der kulturellen und demographischen Veränderung des Landes zur Gruppe werden konnten, gehen uns sehr viel an.

Schwarze Adler läuft von heute an auf Amazon Prime und am 18. Juni im ZDF.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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