Regisseur Pietro Marcello

Angriff auf den Mythos

Von Bert Rebhandl
22.08.2021
, 11:54
Jessica Cressy und Luca Marinelli in einer Szene aus Pietro Marcellos Film „Martin Eden“.
Einige halten ihn schon für einen neuen Pasolini: Der Regisseur Pietro Marcello hat Jack Londons Roman „Martin Eden“ verfilmt. In der Geschichte einer tragischen Liebe spiegelt Marcello den Zustand Italiens.
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Die Geschichte von Martin Eden könnte man als Märchen so erzählen: Ein Seemann trifft auf eine Prinzessin. Sie verlieben sich, doch die Standesunterschiede lassen sich nicht so einfach überwinden. Der Seemann unternimmt alles, um sich seiner Angebeteten würdig zu erweisen. Er wird reich und berühmt, verliert jedoch die Prinzessin und endet im Meer.

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Geschichten mit einem vergleichbaren Verlauf gibt es viele, man kann darin eine naive Form eines Konflikts sehen, den heute viele zwischen Identität und Klasse sehen wollen. In der Liebe erkennt man sich selbst, doch in der gesellschaftlichen Schicht der Prinzessin erkennt man sich selbst als den, der man (sozial) nicht ist. In Pietro Marcellos Verfilmung von Jack Londons Roman „Martin Eden“ ist es eine grammatische Form, in der sich der Unterschied zwischen dem Seemann und der Prinzessin zuerst zeigt: Er verwendet ein Verb in einem Nebensatz im Indikativ. Er müsste aber „indicasse“ sagen, einen Konjunktiv verwenden, um sich als geschliffener Sprecher des Italienischen zu erweisen.

Seemann trifft Prinzessin

Die große Lernfähigkeit von Martin Eden zeigt sich darin, dass er bei Tisch bei der Familie Orsini, wenige Minuten später, schon fehlerfrei konjugiert. Den Seemann, den Neapolitaner in sich, wird er aber trotzdem nicht so schnell los, da kann ihn Elena Orsini noch so bedingungslos lieben.

Für Pietro Marcello wird eines der Hauptwerke des amerikanischen Schriftstellers Jack London zu einem Schlüssel zur italienischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Und zwar nicht im engeren Sinn einer Abfolge von Ereignissen, sondern mit Blick auf Konstellationen, die vor dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg erkennbar waren und sich bis in die Gegenwart nur unwesentlich verändert haben: Der vorgebliche Liberalismus einer besitzenden Klasse steht dem einfachen Leben der Kleinbürger und an der „periferia“ gegenüber, das eigentliche Italien wird von einer verfeinerten oder dekadenten Klasse beherrscht. Marcello wechselt den Schauplatz, bei London war es Oakland an der amerikanischen Westküste, im Film ist es ein stark typisiertes Neapel, die Stadt, in der das profunde Italien sich selbst erkennen könnte.

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Ein Italien, das in seiner Alltagssprache die Laute eher vernuschelt, als sich in einem klaren und transparenten Idiom zu äußern. Marcello wechselt aber auch noch in einer anderen Hinsicht den Schauplatz.

Von London nach Neapel

Er überträgt einen Roman in die Sprache des Kinos, und zwar auf eine Weise, die weit über das hinausgeht, was man gemeinhin eine Adaption nennt. Denn in seinem „Martin Eden“ wird das Kino selbst in seiner Geschichtlichkeit ein Schauplatz: mit zahlreichen Aufnahmen aus Archiven und mit Anspielungen auf die Ästhetik von Stummfilmen lässt Marcello seinen Helden, der unbedingt Schriftsteller („scrittore“) werden möchte, zu einer genuin kinematographischen Figur werden.

2019 hatte „Martin Eden“ in Venedig Premiere. Danach geriet der Film in die Warteschleife, die durch die Pandemie erzwungen wurde. Aber da war bereits klar, dass man es mit einem echten Ereignis zu tun hatte. Nationalkinos werden ja oft nach dem Bild von Erbschaften betrachtet. Deutschland zum Beispiel wird international immer noch gern als das Filmland gesehen, das im Werk von Rainer Werner Fassbinder seine bedeutendste Ausprägung gefunden hat. Und seither sucht das Weltkino nach einem neuen Fassbinder.

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Ein Intellektueller des Kinos

In Italien ist Pier Paolo Pasolini die analoge Figur: ein Intellektueller des Kinos, der viele Synthesen zwischen populärer und radikaler Form ausprobiert hat, der aber auch die Bourgeoisie und das Subproletariat, den Mythos und die Vernunft aufeinanderprallen ließ. Pietro Marcello erwies sich vor allem mit seinem Film „Bella e perduta – Eine Reise durch Italien“ (2015) als jemand, der Pasolinis Anliegen in genuin neue Formen zu überführen vermochte.

Liest für eine sinnvolle revolutionäre Politik die falschen Bücher: Martin Eden, gespielt von Luca Marinelli.
Liest für eine sinnvolle revolutionäre Politik die falschen Bücher: Martin Eden, gespielt von Luca Marinelli. Bild: © Francesca Errichiello

Büffelmozzarella und Commedia dell’Arte, Müllmafia und christliche Opfervorstellungen kamen da zusammen in einer neuen Mythologie von einen korrumpierten Arkadien. Bei Pasolini war es vor allem die Vielfalt der kulturellen Register, mit der er seine Beobachtungen der modern werdenden italienischen Gesellschaft in Fabeln aller Art übersetzte. Der 45-jährige Pietro Marcello tut es ihm mit dem Reichtum seiner eigenen Register nicht gleich, er hat seine eigenen Ideen von Melodramen und von Massenwirksamkeit.

Melodram und Massenwirkung

Martin Eden ist dabei natürlich auch eine Figur in einem der geläufigsten liberalen Mythen. Der soziale Ort ist darin nicht so sehr eine Frage der Geburt oder der schwer überwindlichen Umstände, sondern der Bildung.

Pietro Marcello bei der Vorstellung seines Films „Martin Eden“ beim New York Film Festival.
Pietro Marcello bei der Vorstellung seines Films „Martin Eden“ beim New York Film Festival. Bild: Getty

Der Seemann kommt im Hafen einem jungen Mann zu Hilfe, der sich als Sohn der reichen Orsinis erweist, und über diesen Arturo (nebenbei: eine pasolineske Figur par excellence) kommt er in ein Haus mit Büchern und Musik. Elena Orsini ist eine schöne Frau, aber beinahe könnte man meinen, dass Martin Eden mit seiner Liebe und seiner Leidenschaft vor allem die Welt meint, in der sie lebt.

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Eine Welt, in der das Wort eben mehr „indiziert“ oder „bedeutet“, als seine Semantik im engeren Sinn aussagt („indicare“). Martin Eden beschließt, sich das Wort anzueignen, und er fasst dazu einen radikalen Entschluss. Er verlässt die Geliebte für zwei Jahre, um zu beweisen, dass er Talent hat und dass er schreiben kann.

Er lässt sich für diese Zeit bei einer Familie „an den Rändern“ nieder. Es ist in Teilen auch wieder die Welt von „Bella e perduta“, im Grunde auch die Heimat von Pietro Marcello, der aus Caserta in Kampanien stammt, aus einer Stadt also, die nur wenige Kilometer nördlich von Neapel liegt.

Vom Seemann zum Schriftsteller

Es ist die Welt einer potentiell naturnahen Landwirtschaft, aber auch die Welt eines misstrauischen Kleinhändlertums, das beim Begriff Sozialismus sofort nervös wird. Und genau dieser Begriff verfolgt Martin Eden auf seinem Aufstieg.

Zuerst ist es nur der Gehalt seiner Geschichten, der in diese Richtung weisen könnte. Sie seien „troppo crudo“, sagt Elena, „zu roh“, zu ungeschliffen, sie seien zu pessimistisch, sagt seine Schwester, zu negativ. Eine Gegenfigur bekommt der unbedingte Erfolgswille, den Martin Eden auf seine Rolle als Schriftsteller konzentriert, in seinem Schwager, der sich mühsam eine wirtschaftliche Existenz aufbaut, die es ihm dann erlaubt, dass sich andere Leute für ihn den „Rücken brechen“, also schuften. Der drastischere Begriff, der immer wieder fällt, ist „Sklave“.

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Lohnarbeit versklavt die Menschen, für eine sinnvolle revolutionäre Politik aber liest Martin Eden einfach die falschen Bücher. Wie Jack London selbst auch, verirrt er sich in die Texte des biologistischen Denkers Herbert Spencer, der tief im 19. Jahrhundert stecken blieb.

Falsche Bücher, richtige Politik

Marcello lässt sehr geschickt im Ungefähren, worauf der plötzliche Erfolg seines Protagonisten eigentlich beruht. Man kann sich aber sehr gut zusammenreimen, dass es dabei um einen populistischen Blödsinn handelt, der sich zwar sehr gut verkauft, den aber niemand wirklich versteht: „non si capisce“. Im Grunde ist es leere Agitation in ihrer reinsten, beliebigen Form, entfesselter Ehrgeiz, der sich als manische Depression gegen sich selbst richtet.

Luca Marinelli spielt diesen Martin Eden furios, aber es ist immer auch die Kamera, die dieses Spiel noch steigert. Und es sind die vielen beiläufigen Bilder aus den Filmarchiven dieser Welt, mit denen Marcello seine Literaturverfilmung anreichert. Martin Eden wird dadurch zu einer Figur an der Grenze des Individuellen zum Kollektiven, was wiederum auch sehr stark dem zentralen Anliegen von Pasolini entspricht, der ja immer nach einer Möglichkeit suchte, als Intellektueller im Volk (oder: in einem Volk) aufzugehen.

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Marcello feiert also einerseits den genialen Schauspieler, er dekonstruiert ihn aber auch. Das Schlussbild spielt nicht von ungefähr auf einen großen Hollywood-Film an, auf „A Star is Born“.

Jack London wusste noch nicht so viel davon, was ein Star ist, abgesehen davon, dass er durch seine Bücher selber einer wurde. Pietro Marcello aber liest den Roman nun auch durch die Logiken von Hype und Craze, die zur populären Kultur im 20. Jahrhundert gehören.

Die Logik von Hype und Craze

Und sein „Martin Eden“ wird darüber immer stärker zu einer Reflexion auf die Formen von Popularität, die sich seit den Tagen Jack Londons entwickelt haben. Italien ist in dieser Hinsicht ein besonders interessanter Schauplatz, denn hier wurde nicht nur der Neorealismus erfunden, sondern auch ein Genre, das man vielleicht mit „Filmschinken“ übersetzen könnte.

Ein dick aufgetragenes, gern auch monumentales Kino, das in den ersten Jahrzehnten der neuen Kunst eine Weile ein Exportschlager war. Marcello sucht seinen Weg bewusst zwischen diesen Polen, er zitiert einige überlebensgroße Bilder zum Beispiel von einem Segelschiff, das auf offener See ein schreckliches Schicksal ereilt.

Er ist aber vor allem sehr stark in dem neorealistischen Neapel verwurzelt, das auch stark antifaschistische Facetten hat. Die Figur der Maria, bei der Martin Eden Quartier nimmt, um seine Stimme als Schriftsteller zu finden, ist geradezu ein Denkmal dieser bergenden, mütterlichen Kraft, die zum Kern vieler nicht reaktionärer Mythen vom Volk gehören.

Als Film ist „Martin Eden“ natürlich in jeder Sekunde im höchsten Sinne modern, gerade auch mit den Verunsicherungen, mit denen Pietro Marcello die historischen Zeiten und Orte durcheinanderwirbelt.

Zwischen Nietzsche und Marx

Eine Aufnahme von einer Bücherverbrennung lässt darüber nachdenken, ob der unbelehrbare Martin Eden eher zu denen gehören würde, deren Bücher die Nazis gern verbrannt hätten, oder vielleicht eher ein neuer Nietzsche wäre, ein falsch oder gar nicht verstandener oder verstehbarer, gegen Beifall von der falschen Seiten aber nie gefeiter Autor.

Man begreift in diesem Moment, dass Marcello damit auch einen weiteren konstituierenden Mythos der italienischen Politik angreift: den einer Unterscheidung zwischen links und rechts. In einer klassischen neorealistischen Dramaturgie wäre ein Held wie Martin Eden undenkbar, dazu ist er einfach eine zu gebrochene Identifikationsfigur, und neben ihm gibt es keine anderen.

Links bedeutete im italienischen Kino eben auch immer, dass das politisch Richtige oder für richtig Gehaltene in einem sehr direkten Sinn verkörpert werden sollte.

Schon Rossellini brach mit diesem Dogma, und Pasolini führte es mit „Große Vögel, kleine Vögel“ komisch ad absurdum. Pietro Marcello aber lässt dieses Dogma als das Märchen erkennbar werden, das es immer schon war. Es wäre auch noch ein Märchen in einer bloßen Geschichte von einem, der an seinem Aufstieg zerbricht.

Ein Kino-Roman, eine reflexive Form, wird aus „Martin Eden“ erst dadurch, dass in diesem Meisterwerk das Wort sich von seiner Arbeit des Bedeutens löst und in so etwas wie einen filmischen Konjunktiv übergeht, der in keine Syntax mehr passt, sondern wahres revolutionäres Potential entfaltet.

„Martin Eden“: ab Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.S.
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