Romy-Schneider-Schau in Paris

Zu viele Zeugen auf einmal

Von Marc Zitzmann, Paris
11.06.2022
, 08:18
Eine Ausstellung in der Cinémathèque française rekonstruiert den Weg von Romy Schneider. Wer die Schauspielerin als Teil der Filmgeschichte ernstnehmen will, ist mit einem neuen Buch besser bedient.
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Romy Schneider“ ist die Ausstellung schlicht betitelt, mit der die Cinémathèque française in Paris des vierzigsten Todestags der – nach Marlene Dietrich – bekanntesten deutschen Filmschauspielerin gedenkt. Trumpf der Schau sind dreihundertfünfzig Exponate, die zu gleichen Teilen der hauseigenen Sammlung und privaten Kollektionen entstammen. Darunter Kleider, die Schneider in „Ludwig“ von Luchino Visconti oder „César et Rosalie“ von Claude Sautet getragen hat, Fotos von den Dreharbeiten zu „The Trial“ von Orson Welles oder zur dritten Episode von „Boccaccio ’70“ von Visconti, Filmplakate für „The Cardinal“ von Otto Preminger oder „Le Combat dans l’île“ von Alain Cavalier. Freilich: Fast jede Filmausstellung arbeitet mit Kostümen, Schnappschüssen und Affichen.

Persönlicher ist da das gleich nach der Geburt des Sohnes David Christopher angelegte Fotoalbum mit bunten Blumenzeichnungen und an den Säugling adressierten handgeschriebenen Bild­legenden. Faszinieren dürfte jene, die Serge Brombergs Dokumentarfilm zu Henri-Georges Clouzots unvollendet gebliebenem Eifersuchtsdrama „L’Enfer“ nicht gesehen haben, die zweiminütige „Bilderlese“ aus den erhaltenen Arbeitskopien: quecksilbrige (Alb-)Traumvisionen der Schauspielerin in flimmerndem Schwarz-Weiß oder in psychedelischen Farben, aufgepeitscht durch einen schizophren-vielstimmigen Soundtrack.

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Doch richtig dicht wird die Ausstellung einzig in dem Claude Sautet ge­widmeten Kapitel. Jeder der fünf Filme, welche die Wahlpariserin zwischen 1969 und 1978 mit dem in Deutschland lange Zeit als Edelkonfektionär abgetanen Regisseur gedreht hat, wird hier mit einer eigenen kleinen Dokumentation bedacht. Besonders wertvoll, zum Teil auch anrührend sind Schneiders Telegramme und auf jede Art von Pa­pier dahingeworfene Briefchen an Sautet. Man liest darin Sätze wie: „Vielleicht werde ich nie wirklich alt sein“.

Dennoch: Unter dem Strich enttäuscht die Schau. Sie hakt alle wich­tigen Filme ab, entwickelt aber keinen eigenen Diskurs. Stattdessen lässt sie zahlreiche Zeitzeugen zu Wort kommen und zitiert ausgiebig aus Schneiders postum von Renate Seydel herausgegebenem „Tagebuch eines Lebens“, einer problematischen Quelle. Etliche Druck- und Sachfehler in den Saaltexten und im Katalog sowie das familiäre „Romy“, mit dem die Schauspielerin durchweg benannt wird, bestätigen einmal mehr, was Michael Töteberg 2009 in seiner lesenswerten Monographie moniert hatte: Das Leben des Stars wird allzu oft als Illustriertenroman erzählt, nicht als Teil der Filmgeschichte.

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Eben aus der filmwissenschaftlichen Warte beleuchtet jetzt eine Ende des Monats auf Englisch erscheinende Studie das Phänomen. Mit „Romy Schneider. A Star Across Europe“ legt Marion Hallet, eine junge Forscherin auf dem Feld der star studies, das überfällige akademische Gegengewicht zu den schaumleichten Hagiographien vor, die die Regale der Buchhandlungen monopolisieren (auf Deutsch ist zumindest eine seriöse Biographie von Günter Krenn greifbar). Mit Brio erfüllt die Autorin ihren Vorsatz, die Entwicklung von Schneiders Persona auf der Leinwand wie im realen Leben nachzuzeichnen, und dies im doppelten Kontext der europäischen Filmgeschichte und der Geschlechterforschung. Hallet hat alle dreiundsechzig Spiel-, Fernseh- und Dokumentarfilme unter die Lupe genommen, in de­nen die Schauspielerin zu sehen ist, sie hat Berge von Archivmaterial aus acht europäischen Staaten sowie den USA gesichtet, darob aber nicht vergessen, eigene Gedanken zu entwickeln.

Romy Schneiders Wandlung

An den „deutschen“ Anfangsjahren (1953 ­ – 1959) der in Wien geborenen „Sissi“-Darstellerin hebt die Autorin so drei Aspekte hervor: die enge Mutterbindung (Magda Schneider trat oft an der Seite ihrer Tochter auf, deren Karriere sie auch mitverwaltete), die Identifikation mit Kostümfilmen und die ideologische Komponente von Schneiders früher Persona. Im Deutschland und Österreich der 1950er-Jahre verkörperte der Jungstar auf der Leinwand wie im realen Leben zum einen Jugend, also eine Regeneration nach dem Zu­sammenbruch des NS-Wahns, zum an­deren aber auch weibliche Fügsamkeit, das heißt ein traditionelles, wo nicht gar rückständiges Rollenbild. Romy Schneiders Wandlung vom herzigen Kind zur jugendlichen Ingénue und wei­ter zur (züchtig) sexualisierten jungen Frau entwarf indes auch ein Coming-of-Age-Narrativ, das europaweit Anklang fand.

Damit war der Grund gelegt für den Sprung ins Ausland während der zweiten internationalen Phase ihrer Laufbahn (1960 ­ – 1969). An Alain Delons Arm entfloh die „Jungfrau der Nation“ der besitzergreifenden Familie, dem bun­desdeutschen Mief und der Zuweisung an kälbchenäugig-romantische Rollen. Doch der Fremdbestimmung würde sie zeitlebens nicht entkommen. Schneiders Abhängigkeit von Ehemännern und Geliebten, von „ihren“ (oft ei­fersüchtig vereinnahmten) Regisseuren sowie, in geringerem Maß, vom Zu­spruch des Publikums und der Kritik, ist oft thematisiert worden. Ohne Biographisch-Psychologisches auszublenden, analysiert Hallet vorzugsweise, wie das Image des weiblichen Stars durch fremde Kräfte konstruiert wurde: durch sexistische Regisseure und Ko-Stars, durch abschätzige Schriftsteller und Intellektuelle, durch gehässige deutschen Medien, die „Romy“ weder die „Landesflucht“ noch den Ausbruch aus dem zugeschriebenen K.-u.-k.-Korsett verziehen.

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Obwohl die Wahlfranzösin in ihrem dritten und letzten Karriereabschnitt (1969 ­ – 1982) in zahlreiche Gewänder schlüpfte – namentlich in jene der hochgezüchteten Bourgeoise, der „se­ri­ösen“ Autorenkino-Darstellerin, der fra­gilen Schönheit, der beschädigten Neurotikerin, zuletzt der „Melodramatikerin“ –, gelang es ihr laut Hallet nie, „eine freudvolle, positive Weiblichkeit mit einem guten Maß an erfüllter Se­xualität, Geschlechtergleichheit und be­­ruflicher Autorität“ zu verkörpern wie etwa die Zeitgenossin Annie Girardot. Selbst in den Kultfilmen von Sautet, oft als Aufbrüche zur weiblichen Selbstbestimmung gefeiert, sieht die Autorin noch viel „überholte patriarchale Ideologie“, ja „softe Misogynie“. Zum vierzigsten Todestag von Romy Schneider sind derlei kritische Überlegungen allemal willkommener als konsensuelle Ausstellungen.

Romy Schneider. In der Cinémathèque française; Paris, bis zum 31. Juli. Der Katalog kostet 35 Euro.

Außerdem gerade erschienen: Marion Hallets „Romy Schneider – A Star Across Europe“. Bloomsbury Academic, 90 britische Pfund.

Romy Schneider. In der Cinémathèque française; Paris, bis zum 31. Juli. Der Katalog kostet 35 Euro. Außerdem gerade erschienen: Marion Hallets „Romy Schneider – A Star Across Europe“. Bloomsbury Academic, 90 britische Pfund.

Quelle: F.A.Z.
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