Russischer Kriegsfilm

Schlechte Kampfpiloten haben keine Lieder

Von Kerstin Holm, Moskau
18.05.2021
, 13:03
Der Kriegsfilm „Dewjatajew“ von Timur Bekmanbetow verarbeitet ein echtes russisches Heldenleben. Der Film wurde mit logistischer Unterstützung des Verteidigungsministeriums produziert. Das Finale tadeln selbst russische Patrioten.

Mit seinem neuen patriotischen Kriegsfilm „Dewjatajew“ beschert der kasachisch-russische Regisseur Timur Bekmanbetow, dessen Fantasy-Thriller „Wächter der Nacht“ einst dem kommerziellen russischen Kino seinen ersten internationalen Erfolg verschaffte, Russlands Popkultur endlich einen frischen und zugleich historisch fundierten Heldenmythos. Der wird umso dringender benötigt, als die erst vor fünf Jahren aufwendig verfilmte Legende von den 28 Kämpfern des Generals Panfilow, die 1941 während der Schlacht vor Moskau die deutschen Panzer stoppten und dabei den Heldentod starben, nachweislich von einem damaligen Frontreporter erdichtet worden war.

Die Figur des Kampfpiloten Michail Dewjatajew (1917 bis 2002), der im Juli 1944 von den Deutschen abgeschossen und als Zwangsarbeiter in der Raketenversuchsstation Peenemünde eingesetzt wurde, von wo er mit einem neuen Heinkel-Bomber auf sowjetisch kontrolliertes Gebiet fliehen konnte, ist ein ideales Actionfilmsujet, erklärt Bekmanbetow, den wir per Videotelefonat in Dewjatajews Wahlheimatstadt Kasan erreichen. Das dreizehnte Kind einer mordwinischen Bauernfamilie war als Jugendlicher in die Wolgastadt geflohen, weil er verbotenerweise Ähren vom Kolchosfeld gesammelt hatte, und wurde dort Pilot. Dewjatajew war wegen erfolgreicher Abschüsse deutscher Flugzeuge bereits hochdekoriert, als seine Maschine über Polen kaputt geschossen wurde und er, offiziellen Zeugnissen zufolge, mit seinem Fallschirm bewusstlos zu Boden stürzte.

Bekmanbetow lässt seinen Darsteller Pawel Lutschnikow die herannahenden Deutschen beschießen und sogar die Pistole gegen sich richten, bevor er das Bewusstsein verliert. Damit rette er die Ehre seines Helden, sagt der Regisseur. Alle Sowjetoffiziere, die in Gefangenschaft gerieten, hätten, da Stalin sie zu Vaterlandsverrätern erklärt hatte, die Umstände ihrer Gefangennahme in etwa so geschildert. Der Film wurde mit logistischer Unterstützung des russischen Verteidigungsministeriums produziert, lief in Russland kurz vor den Maifeiertagen an, erzielte aber bisher einen nur mäßigen Publikumserfolg.

Ein erfundener Kamerad als Kontrast

Da Dewjatajews NKWD-Akte von der Staatssicherheit weiterhin geheim gehalten wird, stützt Bekmanbetows Drehbuch sich vor allem auf die Memoiren des Piloten und die Erinnerungen seines Sohnes. Um der Geschichte auch moralisch-psychologische Dramatik zu verleihen, erfindet er als Alter Ego des Helden einen Kameraden von der Flugschule, der wie er in Gefangenschaft geriet, im Gegensatz zu ihm sich aber in den Dienst der Deutschen gestellt hat. Der Freund drängt ihn, das Gleiche zu tun, als Argumente dienen außer der schicken Uniform auch deutsches Bier und deutsche Wurst. Als der Held das ausschlägt, kommt er ins Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er einen gescheiterten Fluchtversuch nur überlebt, weil der Barbier ihm einen falschen Namen auf die Sträflingskutte näht. Dem Vater des Vaterlandsverräters in Kasan wurde unterdessen dieser als gefallen gemeldet. In einer hochemotionalen Nachkriegsszene wird dieser Vater dem heimgekehrten Dewjatajew wegen dessen Gefangenschaft bittere Vorwürfe machen.

Effektvoll stellt Bekmanbetow virtuose Fliegerduelle im blauen Himmel dem Dreck, Leid und Hunger am Boden, vor allem in den Gefangenenlagern und -transporten der sadistischen Nationalsozialisten gegenüber. Im Lager bei Usedom findet Lutschnikows Dewjatajew noch neun weitere Verschwörer, die die Entführung des supermodernen Heinkel-Flugzeugs planen, unter ihnen den des Deutschen mächtigen Sokolow, der als Übersetzer Solidarität mit den Nazis mimt, bei einer Bestrafung des Helden ihn aber möglichst schonend schlägt.

Der Held wäre beinahe explodiert

Dewjatajew, der kein Deutsch kann, bereitet sich auf die Flucht vor, indem er Cockpitaufschriften aus Flugzeugwracks sammelt und auswendig lernt. In einer der stärksten Szenen bleibt nach einem sowjetischen Angriff eine Bombe, die durch das Dach des Hangars fällt, unmittelbar über der Heinkel hängen, ohne zu explodieren. Luschnikows bombenerfahrener Held, der unter falschem Namen sich anbietet, sie zu entschärfen, schafft es, unter dem tödlichen „freundlichen“ Geschoss liegend, das er wie ein gefährdetes Kind in den Händen balanciert, es aufzuschrauben und den Zünder zu entschärfen.

Atmosphäre schafft nicht zuletzt der Einsatz von Musik, insbesondere des zu Herzen gehenden Kampfpilotenlieds in Moll „Geliebte Stadt“ (Ljubimyj gorod) mit seiner heiter verpackten Melancholie, das die beiden Fliegerfreunde beim Wiedersehen spontan anstimmen und das mit mechanisch-grotesk klingenden deutschen Märschen kontrastiert. Nachdem der Film-Dewjatajew seiner Enttarnung entgangen ist, mit den Kameraden die Heinkel-Maschine gekapert hat und sich erst nach einem quälend langen Ringen mit dem bleischweren Steuerknüppel – bevor das Trimmruder unterm Sitz entdeckt wird – in die Luft erhoben hat, erklingt das Lied wieder. Lutschnikow singt es, um sich und die Seinen in Stimmung zu bringen, und der russische Überläufer, den die Deutschen ihm als Verfolger hinterherschicken, stimmt kampflustig mit ein. Für die internationale Fassung des Films hat der Rammstein-Frontsänger Till Lindemann das Lied in vorzüglichem Russisch aufgenommen, mit viel „Seele“, wie Bekmanbetov lobend anmerkt.

Im wahren Leben verfolgte freilich der deutsche Pilot Günter Hobohm Dewjatajew, dem dieser später persönlich begegnete. Im Film wird der Verräter in seiner modischen beigefarbenen Lederjacke vom Himmel geschossen und nimmt im Todessturz Dewjatajew das Versprechen ab, ihn nie zu verraten. Das brav optimistische Finale, das Dewjatajews Internierung ins mittlerweile sowjetische Filtrationslager Sachsenhausen ausspart und seine jahrelangen Verhöre nur kurz erwähnt, tadeln selbst russische Patrioten als unbefriedigend. Dafür steckt in der Figur des NKWD-Offiziers von der Spionageabwehr Smersch, dessen Physiognomie mit dem fischigen Blick und der hämischen Stimme Präsident Putin frappierend ähnelt, vielleicht eine Anspielung auf die russische Spionomanie von heute.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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