Christopher Plummer zum 90.

Der die Wahrhaftigkeit spielt

Von Verena Lueken
Aktualisiert am 13.12.2019
 - 13:56
Christopher Plummer in seinem jüngsten Film, „Knives Out“, der demnächst in die deutschen Kinos kommt.
Es gibt wenige Darsteller, die römische Tyrannen ebenso spielen können wie späte Schwule. Christopher Plummer kann das. Und noch viel mehr.

Als Ridley Scott nach Abschluss der Dreharbeiten und des Schnitts für „All the Money in the World“ im Jahr 2017 seinen Hauptdarsteller Kevin Spacey ersetzen wollte, weil der gerade in Missbrauchsvorwürfen unterging und das Studio einen Boykott befürchtete, soll die Suche nach einem geeigneten Ersatz geheimnisvolle Wege gegangen sein. Gesucht wurde jemand, der glaubwürdig einen Neunzigjährigen spielen konnte, keine lange Vorbereitung brauchte und keine Faxen machte, und die Frage ist, ob je irgend ein anderer auf der Liste von Möglichkeiten stand als Christopher Plummer. Er machte es jedenfalls, und es sagt schon etwas Entscheidendes über diesen Schauspieler, dass er vergessen ließ, dass seinen Part zunächst einer spielte, der Kevin Spacey hieß.

Denn was auch immer sich von den Vorwürfen an Spacey letztlich verifizieren lassen wird – dass er ein außergewöhnlicher Schauspieler ist, den zu ersetzen nicht viele den Mut, das Talent und die Technik haben, ist nicht bestreitbar. Christopher Plummer aber, mit damals Achtundachtzig Jahrzehnte älter als Spacey und näher am Alter von John P. Getty, den er in diesem Film spielte, brachte es sogar fertig, aus allen Debatten darüber, ob Hollywood mit dieser wahnsinnigen Aktion ein fatales Beispiel setzte, herausgehalten zu werden. Er konnte den Film nicht retten, weil es in ihm um nichts geht außer ums Geld. Aber er lieferte eine einwandfreie Leistung ab.

Die Bühne gehört ihm

Das ist immer so, wenn Christopher Plummer ins Spiel kommt. Vor allem in den letzten Jahren, in denen er sich vor Rollenangeboten nicht retten kann, durchaus untypisch in seinem Alter, in dem andere spätestens damit anfangen, ihre Autobiographie zu schreiben, was er aber bereits vor elf Jahren erledigt hat („In Spite of Myself“). Es gibt Darsteller auf der Bühne und im Film, die in ihren Rollen nicht verschwinden, nicht in ihnen aufgehen, sondern als Schauspieler in ihrem Spiel präsent bleiben. Ein solcher Schauspieler ist Christopher Plummer. Selbst in Filmen, die mit gutem Grund sich nie im Gedächtnis festgesetzt haben, bleibt er deshalb in Erinnerung, etwa als demenzkranker Mann auf der Suche nach seiner Vergangenheit in Atom Egoyans „Remember“, einem Film, dem allein sein Spiel, zwischen Erinnerungsverlust und Selbstbetrug schwankend, einen Hauch Wahrhaftigkeit verleiht.

Sich heute noch einmal „The Sound of Music“ anzuschauen, dafür gibt es gar keinen Grund. Nicht einmal Christopher Plummer. Aber es war der Film, der ihn zum Superstar machte, als er noch trank und nicht verschleiern konnte, wie unwohl er sich als junger Baron von Trapp fühlte, der seine Kinder nach seiner Pfeife antanzen ließ und selbst durch die Kulissen walzerte, ohne singen zu dürfen. „The Sound of Music“ war es nicht, was ihn auf „Lear“ vorbereitete. Aber seitdem hat er alle großen Rollen gespielt, die das Theater bereithält, und eine Menge kleinerer. Er spielt niemanden bewusst an die Wand. Aber wenn er die Bühne betritt, gehört sie ihm. Kürzlich sagte er, die großen Rollen, für die er zu alt sei, sollten nun endlich Frauen spielen.

Sein bester Part in den vergangenen Jahren war der des schwulen Vaters von Ewan McGregor in „Beginners“, für den er auch den Oscar gewann. Er tanzt nicht mehr so leichtfüßig wie als Baron von Trapp, dafür aber mit mehr Lebendigkeit als Todgezeichneter, als in jenem Musical versteckt ist. Es gibt ein Interview mit ihm aus dem Jahr 1964, in dem er vor der Kamera und am Flügel sitzend darüber sinniert, ob Traurigkeit oder Glück für einen Schauspieler die größeren Herausforderungen seien, und auch das größere Vergnügen. Das war ein Jahr vor dem Baron von Trapp, und er sagte natürlich: die Traurigkeit. Er ist in diesem Filmclip ganz offenbar nicht nüchtern, und so fallen die schweren Lider immer wieder über seine Augen. Heute, längst trocken, wie er erzählt, sind die Lider immer noch schwer. An diesen Augen werden wir ihn noch erkennen, wenn er hundert wird. Heute wird er erstmal neunzig.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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