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„Schindlers Liste“ im Kino

Die Bilder kehren zurück

Von Beatrice Behn
Aktualisiert am 27.01.2019
 - 13:13
Oskar Schindler (Liam Neeson, l) und sein Buchhalter Itzhak Stern (Ben Kingsley) stellen ihre berühmte Liste jüdischer Arbeiter zusammen.
Nach 25 Jahren kommt „Schindlers Liste“ wieder ins Kino. Der Film funktioniert noch immer – aber warum ist er bis heute die wirkmächtigste filmische Waffe gegen das Vergessen geblieben?

Ich bin jetzt sehr gespannt, wie der Film im Land der Glatzköpfe ankommt“, schreibt Billy Wilder nach seinem Kinobesuch von „Schindlers Liste“. Das Glatzkopf-Land ist Deutschland im Jahr 1994, das sich, kurz nach dem großen Umbruch angekommen in einer neuen geopolitischen Ära, auf dem irritablen Boden der Vergangenheit eine gemeinsame Zukunft suchen muss. Es ist das Land der Wiedervereinten und doch noch Getrennten, das Land der brennenden Flüchtlingsheime. Es ist aber auch das Land, das erstmals ohne den ideologischen Überbau des Kalten Krieges und mit Blick auf die neue rechte Gewalt seine Vergangenheit betrachten muss und feststellt, dass auch hier eine Ära endet. Der Großteil der Zeugen des Holocaust ist verstorben, das Erinnern wird mehr und mehr Teil eines kollektiven Gedächtnisses, das sich nicht mehr aus direkten Erfahrungen speisen kann.

Auf diesen fruchtbaren Boden pflanzte Steven Spielberg sein Holocaust-Drama „Schindlers Liste“. Kein Wunder, dass das Werk zu einem Leitfilm für Schoa-Debatten wurde. Timing und Regisseur konnten kaum besser sein, brachte doch allein seine Person mehr (und vor allem junge) Menschen ins Kino. Und welche Ironie der Geschichte, dass gerade ein Hollywoodfilm dem ostdeutschen Publikum eine Lücke füllte, die in der DDR-Geschichtsschreibung stets zugunsten der Konzentration auf den antifaschistischen Widerstand im Sammelbegriff des „Völkermords“ ausgeblendet wurde. Für das westdeutsche Publikum wiederum erinnerten das Werk und das begleitende Medienereignis an die Geschehnisse um die amerikanische Serie „Holocaust“, die fünfzehn Jahre zuvor nicht nur eine Vokabel für das Unvorstellbare, sondern auch Bilder und Geschichten erfand, die den Holocaust sinnlich erfahrbar machten. Die Bilder lösten das bis dahin anhaltende Opfer- und Täterschweigen in einer medialen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auf, die vor allem im Begleitprogramm der Serie stattfand.

Man fürchtete antideutsche Ressentiments

„Schindlers Liste“ traf nun auf ein anderes Publikum, das einen größeren Willen hatte, sich mit der eigenen Vergangenheit zu befassen. Auch hatte man aus dem Medienereignis „Holocaust“ gelernt. Zum einen, dass sich Kommerzialisierung und Erinnerungskultur nicht per se ausschließen und dass der amerikanische Ansatz Gehör findet, das Abstrakte und Unvorstellbare im Personalisierten und Versinnlichten zu verpacken. Zum anderen, dass eine Bearbeitung des Themas sich international nicht von deutschen Abwehrmechanismen aufhalten lässt. Im Ausland war man immun gegen die hierzulande bis Anfang der sechziger Jahre vorherrschende Haltung, dass es zu früh wäre, darüber zu sprechen, die nahtlos in die Aussage überging, dass man die Vergangenheit nun endlich ruhen lassen sollte. Die Bundesregierung hatte trotzdem lang zu intervenieren versucht: 1956 wollte sie zum Beispiel die Aufführung von Alain Resnais Auschwitz-Doku „Nacht und Nebel“ verhindern. Man fürchtete antideutsche Ressentiments – eine Angst, die bei „Holocaust“ und „Schindlers Liste“ wieder aufkam.

Auch die Schindler-Geschichte kennt solche Interventionen. Als sie in den sechziger Jahren erstmals auf dem Tisch eines Hollywood-Studios lag, stellten die Deutschen entsetzt fest, dass man Schindler im eigenen Land bisher ignoriert hatte. Schnell wurden die Vergabe einer Ehrenrente und des Bundesverdienstkreuzes nachgeholt. Dass das Filmprojekt letztlich zerfiel, schien ein Segen. Auch Produzent Artur Brauner versuchte sich an einem Schindler-Film. Er scheiterte 1984 und 1992 an der Filmförderung, die erklärte, kein Deutscher könne solch einen Film machen, ohne nicht der Reinwaschung bezichtigt zu werden.

Brauners Erfahrungen spiegeln die besonders komplizierte Stellung deutscher Filme, die sich nicht-dokumentarisch mit dem Holocaust beschäftigen, hervorragend wider. Die Schuldfrage und die doppelte Betroffenheit erzeugen bis heute ein schizophrenes Arbeitsfeld zwischen Ausblendung und der Angst, „falsch“ zu erzählen und zu bebildern. Wenn Ideen nicht gleich an den Abwehrmechanismen scheitern, finden sie oft durch Verschiebungs- und Ersatzmechanismen statt. Besonders beliebt sind das Konzentrieren auf Widerstandsgeschichten, die „guten“ Deutschen. Das Jüdische wiederum findet meist abgeschirmt vom Holocaust in Geschichten von Entkommenen oder Versteckten statt. Man konzentriert sich auf die Ausnahmen. Die harsche Realität des Holocaust bleibt randständig. Kein Wunder, dass die wirklich wirksamen Filme nicht aus Deutschland kommen.

Fiktionalisierung wird scharf beäugt

Doch auch internationale Produktionen unterliegen Versuchen der Regulation. Zu groß ist die Angst, die „falschen“ Ikonographien und Geschichten könnten im kulturellen Gedächtnis landen. Kaum ein populärer Holocaust-Film, der nicht durch die Mühlen des „Darf man das?“, der Ethik und Ästhetik sowie der strengen Regeln der Erinnerungskultur, die sich um Darstellbarkeit und Authentizität sorgen, gemahlen wird.

Vor allem fiktionale Filme werden scharf beäugt, vom Feuilleton und Historikern, von Überlebenden und deren Nachfahren. Denn Fiktionalisierung, so die These, kommt Trivialisierung gleich. Allein der Versuch darzustellen, was wie die Shoah als undarstellbar gilt, ist trivial und verzerrt die Geschichte. Ein Bilderverbot folgt aus dieser Überlegung, das wohl in seiner Intensität bei Claude Lanzmann seinen Höhepunkt fand. Den einzig richtigen Weg sah Lanzmann in seinem eigenen Werk „Shoah“, das die Orte des Verbrechens im Ist-Zustand zeigt und Täter und Opfer einzeln befragt.

Schindlers Liste“ bricht das Verbot fast gänzlich. Nur in die Gaskammer traut er sich nicht, seine vermeintliche Gaskammer entpuppt sich am Ende als Dusche. Das Bebildern ist ein Tabubruch, zu dem Lanzmann schreibt: „Ich habe in aller Bescheidenheit, aber auch mit Stolz wirklich geglaubt, dass es ein vor und ein nach ,Shoah‘ gäbe, ich habe geglaubt, dass bestimmte Dinge nach ,Shoah‘ nicht mehr machbar wären. Nun, Spielberg hat sie gemacht.“ Nicht nur bei Lanzmann löst Spielberg Irritationen aus. Bei den vielen anderen, auch deutschen Kritikern, werden sie allerdings positiv gewertet.

Freier Eintritt für AfD-Mitglieder

Spielbergs Bildpolitik ist brisant. Seine Bilder in Schwarz-Weiß unterlaufen das Triviale, erinnern an Resnais’ „Nacht und Nebel“ und an die Wochenschauen der damaligen Zeit. Aber nicht nur seine Bilder sind authentifiziert, die Geschichte ist es ebenso. Gründlich recherchiert und bis in die kleinste Nebenrolle personalisiert, vermag Spielberg das beste sinnliche Simulakrum des Holocaust zu schaffen, dass bisher über die Leinwand lief.

Dennoch ist kein Film zu diesem Thema ohne Ambiguität. Sobald sich Spielberg vom Geschichtlichen löst, wird es problematisch. Es sind die doppelten Bilder, Zwischentöne und vor allem, dass er den Holocaust als Geschichte der Lebenden, nicht der Toten erzählt. Es ist die Ausnahme, die Idee des guten Deutschen und der Juden, die dem Holocaust entkommen, die das Werk zum Problem machen. Vor allem weil es in seiner Vehemenz, aber vor allem seiner Popularität noch immer für sich allein steht, obwohl es dringend weiterer Filme bedarf, die das Problem nicht meiden – Filme wie das ungarische Drama „Son of Saul“ von Lászlo Némes über den Widerstand im Vernichtungslager, ein Film, der neue Bilder mit sich bringt, welche Spielbergs Ikonographie durch unerträgliche Nähe und Subjektivität dekonstruieren, statt sie zu wiederholen. Doch zu wenige wollten diesen Film sehen: gerade einmal siebzigtausend Zuschauer hatte er in Deutschland, trotz Auszeichnung in Cannes. „Schindlers Liste“ lockte seinerzeit über sechs Millionen Menschen in die Kinos.

Es ist erstaunlich, wie gut „Schindlers Liste“ auch fünfundzwanzig Jahre nach der Erstaufführung noch funktioniert; nicht nur der Bilder wegen, sondern weil der Film dem Faschismus so geschickt die Ideologie nimmt und ihn als Ausdruck einer Bürokratie und eines kapitalistisch motivierten Opportunismus zeigt, der alle Bereiche der gezeigten Gesellschaft durchzieht. An Relevanz hat er nicht verloren, vor allem nicht jetzt, wo das „Land der Glatzköpfe“ zum Land der besorgten Bürger und Dackelkrawatten-Agitatoren geworden ist. Noch immer sieht man in seiner ästhetischen Bildwelt nicht nur die Vergangenheit, die es zu bewältigen gilt, sondern auch die Gegenwart, die sich beklemmend einfach anschließt. Genau deshalb erscheint es geradezu eine Notwendigkeit, „Schindlers Liste“ wieder aufzuführen, und stimmig, dass Kinos wie das Cinexx-Kino in Hachenburg mit freiem Eintritt für AfD-Mitglieder und inzwischen auch alle anderen ein Zeichen setzen wollen. Die Rückkehr von „Schindlers Liste“ wirft allerdings auch die Frage auf: Warum ist eine fünfundzwanzig Jahre alte Produktion nach wie vor die scheinbar einzige großkalibrige filmische Waffe gegen das Vergessen, das Leugnen, die Verschwörungstheorien?

Quelle: F.A.Z.
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