Schönheits-OPs im Fernsehen

Was also gefällt Ihnen nicht an sich?

16.09.2004
, 14:10
Julian McMahon (l.) mit Dylan Walsh in Nip/Tuck
Auch Amerikas Fernsehen liebt die plastische Chirurgie. Dem Trend die Spitze auf setzt die bahnbrechende Serie „Nip/Tuck“. Ein Interview mit Julian McMahon, einem der beiden Hauptdarsteller.
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Das Streben nach Schönheit, das vor körperlichen Einschnitten nicht haltmacht, ist das Thema des Fernseh-Herbstes. Die Vorbilder stammen aus Amerika, wie man an der neuen RTL-Serie "Beauty Klinik" sieht, die nächste Woche startet und der hier vorgestellten Serie gleicht wie ein Facelifting dem anderen.

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Doch hat RTL auch die Langzeitdoku "Alles ist möglich" im Programm. Bei dieser gehe es nicht darum, falschen Idolen nachzustreben, sagt die zuständige Presseredakteurin Heike Schultz, sondern um "eindeutig nachweisbaren Leidensdruck" von Menschen, die eine OP wollen. Als Vorbereitung darauf hat RTL vorgestern schon mal eine Brustoperation live übertragen.

RTL 2 zeigt seit zwei Wochen bereits "Schönheit um jeden Preis - Letzte Hoffnung Skalpell", und bei MTV läuft "I want a famous Face". Dort kann man der Quälerei zusehen, die junge Menschen auf sich nehmen, um sich körperlich ihren Idolen anzugleichen. Die Operationen verlaufen dabei noch um einiges blutiger als die Skalpellvorführung bei RTL. Wer das unterhaltsam findet, kann keine schwachen Nerven haben. Pro Sieben wiederum hält die Rechte an der Show "The Swan", in der sich junge Menschen verwandeln, wie es der Trend vorgibt.

Schuften für die Schönheit: Walsh, McMahon
Schuften für die Schönheit: Walsh, McMahon Bild: AP

Bei Pro Sieben läuft im Dezember auch jene Serie, die dem Trend zur Verschönerung per Skalpell die Spitze aufgesetzt hat: "Nip/Tuck". Mit der Ausstrahlung dieses bahnbrechenden Ärztezirkus, der in Amerika als "Kult" gilt, hat der Abosender Premiere gerade begonnen. Dort ist "Nip/Tuck" sonntags zu sehen. Wir haben Julian McMahon, einen der beiden Hauptdarsteller, gefragt, was es mit dem OP-Boom auf sich hat.

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Frage: In einer Folge Ihrer Serie "Nip/Tuck" sagt Ihr Kollege Dylan Walsh: "Es gibt nichts daran auszusetzen, daß man perfekt sein möchte." Stimmen Sie dem zu?

Das Problem, das sich hierbei auftut, ist: Ihr Konzept von Perfektion und meines sind aller Erfahrung zufolge völlig verschiedene Dinge. Insofern ist der Versuch, perfekt zu sein, denkbar lächerlich. Ich persönlich bin der Überzeugung, daß Perfektion nicht existiert.

Warum gerät dann der Schönheitswahn derzeit gerade zum Fernsehspektakel?

Für mich bergen diese Sendungen eine gewisse Faszination. Man krümmt sich vielleicht, aber man guckt trotzdem hin! Es ist ein bißchen wie ein guter Horrorfilm. Ich gebe zu, ich habe mir eine Episode von "The Swan" angeschaut.

Als Sie sich für die Rolle des Schönheitschirurgen Christian Troy bewarben, erhielten Sie von den "Nip/Tuck"-Produzenten zunächst einen Korb. Doch Sie wollten die Rolle unbedingt. Warum?

Es war nicht nur die Rolle, sondern das ganze Stück, die Zeichnung und Entwicklung der Figuren, die Geschichten. "Nip/Tuck" ist frech, es ist brutal, und es ist ungeheuer komplex. Eine Figur wie Christian Troy hatte ich noch nie gesehen: ein widerlicher Bastard im einen Moment, eine tief berührende Persönlichkeit im nächsten. Diese Konstellation öffnet vielen Variationen die Tür, und das ist für einen Schauspieler natürlich ein Traum.

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Die Chirurgen begrüßen Ihre Patienten mit: "Was mögen Sie an sich selber nicht?" Was gefällt Ihnen an Christian Troy nicht?

Vieles! Daß er einen Kerl fesselt und an die Krokodile verfüttert. Daß er scharf auf die Frau seines besten Freundes ist. Daß er Menschen manipuliert. Daß er ein Arschloch ist.

Und was mögen Sie an ihm?

Ich liebe seine Ehrlichkeit. Die Konsequenz, mit der er zu seinen Handlungen steht. Daß er Problemen, sogar wenn er sie selbst hervorgebracht hat, ins Gesicht schaut - auch über längere Strecken.

Der Autor von "Nip/Tuck", Ryan Murphy, lotet Untiefen seiner Figuren sorgsam aus. Woher nimmt er seine Geschichten?

Ryan hört jedem genau zu, er saugt alles in sich auf. Es ist erstaunlich, wie er einen kleinen Kommentar oder ein interessantes Gespräch, das man vor zwei Wochen mit ihm führte, in eine Geschichte verwandelt. Seine Drehbücher sind mitten aus dem Leben gegriffen, und er versteht es brillant, die Vielschichtigkeit von Beziehungen zum Ausdruck zu bringen. "Nip/Tuck" ist aus meiner Sicht eine wunderbare Erforschung des menschlichen Daseins.

In einer Praxis für Schönheitschirurgie?

Die kosmetische Chirurgie ist bei "Nip/Tuck" nur Prämisse. Die Operationen, die Troy und McNamara durchführen, sind bloß Metaphern für die Veränderungen, denen sie selbst unterliegen. Eigentlich geht es hier um das Wesen zwischenmenschlicher Beziehungen, die sich in den existentiellen Sorgen und Nöten zweier Männer spiegeln. Aber der Blick geht nie bloß in eine Richtung. Wir zeigen Ihnen alle Seiten der Medaille, und Sie werden Schwierigkeiten haben, eine passende Schublade für uns zu finden.

Wie lösen Sie die Gleichung aus Schönheit, Macht, Sex und Liebe?

Die Schönen, so heißt es, haben Zugang zu Macht und Geld, womit sich wiederum Sex und Liebe kaufen lassen. Das ist vermutlich wahr. Wir haben alle schon die junge Schönheit am Arm eines wohlhabenden Mannes gesehen und bisweilen auch den schönen jungen Mann an der Seite einer einflußreichen Frau. So ist das Leben. Wenn man sich andere Spezies auf diesem Planeten anschaut, scheint das ein sinnvoller biologischer Instinkt zu sein: Wenn ich schön bin, paßt man auf mich auf, und ich kann meine Familie absichern.

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Auch Lebensklugheit soll helfen.

Natürlich, aber schön oder klug reicht doch nicht als qualifizierende Beschreibung eines Menschen. Ich habe schon viele kluge Leute getroffen, die an Bosheit kaum zu überbieten sind, und ich kenne einige Schönheiten, die schreckliche Menschen sind. Mein Rat bei der Partnerwahl lautet: Such dir erst mal jemanden, mit dem du gut auskommst.

Den Rat wird Ihnen in Miami, einer Hochburg der Schönheitschirurgie, kaum einer abkaufen. Ist die Stadt tatsächlich so sexy?

Miami? Fragen Sie das im Ernst? Welche Stadt auf dieser Erde könnte sexier sein? Okay, ein paar Orte in Frankreich vielleicht oder in Brasilien. Aber Miami verstrahlt eine gewisse Dekadenz, sie besteht aus einem bunten Gemisch verschiedener Latino-Kulturen, die ohnehin sehr sexy sind. Dazu ist Miami eine Stadt mit Einfluß und Geld. Und dann findet das Ganze am Strand statt. Noch Fragen?

Sie stammen aus Australien, wo Sie als Sohn eines Premierministers unter denkbar anderen Umständen aufwuchsen. Ist die Besessenheit von Schönheit und Sexiness ein amerikanisches Phänomen?

Ich glaube, das scheint nur so, weil die Stars, die auf den internationalen Ausgaben von Magazinen prangen, meist aus den Vereinigten Staaten stammen. Aber gekauft werden die Zeitschriften überall. und auch "Nip/Tuck" würde wohl kaum international laufen, wenn diese Obsession nicht weltweit verbreitet wäre.

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Während Frauen Reality-Shows wie "The Swan" oder "Extreme Makeover" dominieren, sind im echten Leben neuerdings auch Männer vom Schönheitswahn besessen.

Neuerdings? Seit den Zeiten Caesars! Wirklich, wir sind schon eine ganze Weile ziemlich eitle Kreaturen. Ich gebe allerdings zu, daß kosmetische Mittel und Methoden für Männer heute zugänglicher und erschwinglicher sind als je zuvor. Schönheit ist inzwischen auch für Männer ein Konzept. Der Lastwagenfahrer, der noch vor zehn Jahren seine Nasenhaare nicht einmal wahrnahm, trimmt sie sich heute sorgfältig.

Und Sie selbst?

Ich ärgere mich schon lange, daß die Frauen diesen Markt fast besetzen. Was ist denn so unschicklich an einer Maniküre oder Pediküre für einen Mann? Das größte Unglück, das uns Männern widerfahren ist, ist die Sache mit der Handtasche. Die Frauen haben sie sich zu eigen gemacht, und wir müssen unsere Habseligkeiten in ausgebeulten Hosentaschen mit uns herumtragen.

Erkennen Sie kosmetische Korrekturen inzwischen mit fachmännischem Blick?

Ich achte ehrlich gesagt nicht darauf. Ich konzentriere mich eher auf die Persönlichkeit von Menschen.

Sie haben einmal zum Thema kosmetische Chirurgie gesagt: "Die Frage ist: Geht es um die Reparatur des Äußeren oder des Innern? Und hilft eine Korrektur des einen dem anderen?" Haben Sie eine Antwort auf diese Frage?

Ich glaube, unsere Gesellschaft befindet sich in einer Phase, in der Selbstbespiegelung sehr wichtig ist. Vielleicht ist das in zehn Jahren wieder vorbei. Als Menschen fällt es uns eben schwer, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, und zu sagen: Gut!

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Haben Sie schon mal die Versuchung verspürt, sich "korrigieren" zu lassen?

Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, mich unters Messer zu legen, aber ich sage niemals nie. Denn ich habe schon oft nie gesagt und weiß inzwischen: Die Aussage ist einfach unrealistisch.

Sie haben eine dreijährige Tochter. Was sagen Sie ihr, wenn Sie sich mit fünfzehn einen "Boob Job" (Brustvergrößerung) wünscht?

Keine Ahnung. Ich kann Ihnen nicht mal sagen, was ich morgen denke, wie soll ich da wissen, wie es in zehn oder zwölf Jahren sein wird? Und wer weiß schon, in welchen Sphären sich dann die plastische Chirurgie bewegt?

Nina Rehfeld stellte die Fragen und übersetzte das Gespräch aus dem Amerikanischen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.09.2004, Nr. 216 / Seite 38
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