Schönheitsoperationen

In drei Monaten zum Sexsymbol

Von Jordan Mejias, New York
05.05.2004
, 17:49
Arbeit am Individuum
Schönheitsoperationen als Quotenknüller: Jede Woche läßt der amerikanische Sender Fox zwei häßliche Entlein gegeneinander antreten. Wer gewinnt, wird am Ende operiert und zum Schwan gekürt.
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Das Schöne, sagt der Dichter, sei nichts als des Schrecklichen Anfang. Vielleicht hat er recht. Aber erst einmal stimmt kein elegisches Wort. Das Ende des Schreckens ist vielmehr die Geburt der Schönen. Und das geht so: Man nehme eine eher widerstehliche junge Frau und führe sie einer Jury von Fachleuten vor, die sich sogleich ein Generalüberholungsverfahren ausdenken, um sie innerhalb von drei Monaten in ein Sexsymbol zu verwandeln.

Nichts einfacher als das. Die Chirurgen verordnen Korrekturen der Augen (zu eng), der Nase (zu spitz), der Oberlippe (zu dünn), des Busens (zu klein), des Bauchs (zu dick), der Waden (zu drall) mittels mannigfacher Skalpelleinsätze, Kollagenspritzungen, Silikonpolster und fettabsaugender Liposuktionen. Der Dermatologe wird für die nachoperative Teintpflege sorgen, der Zahnarzt vollkeramische Verblendungen anbringen, der Trainer das Programm fürs Fitneßstudio zusammenstellen, der Diätberater die Kalorienzufuhr regeln, der Troß der Friseure, Visagisten, Stylisten und Modementoren ihr übliches Unwesen treiben. Damit dem Fernsehsender Fox, der uns an der Transformation gewissenhaft teilhaben läßt, nicht der Vorwurf gemacht werden kann, er vernachlässige die inneren Werte seiner Kandidatinnen, tritt ein Psychotherapeut in Aktion, der Eheprobleme löst und Selbstwertdefizite ausgleicht. Der Beitrag des Lebenskonsultanten, "life coach" genannt, bleibt vorerst im dunkeln, offenbart sich aber gewiß in den kommenden Folgen.

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Atemberaubende Metamorphose

Denn natürlich ist die atemraubende Metamorphose eingebettet in ein Fernsehserienkonzept, das den Wettkampf nicht ausläßt. Jede Woche treten zwei häßliche Entlein gegeneinander an, von denen eines am Ende der Stunde, die im Zeitraffer den dreimonatigen Verwandlungsprozeß über den Bildschirm hetzt, zum bionischen Schwan gekürt wird. In der neunten und letzten Folge aber werden die bislang siegreichen Schwäne vor der Kamera zusammengetrieben, wo sie in einem traditionellen Schönheitswettbewerb zum Endkampf um die Schwanenkrone antreten.

Auch wenn dann die unwiderlegbar Schönste der neuerdings Schönen tatsächlich den Endsieg erränge, müßte ganz Amerika eigentlich ob der Ungerechtigkeit der Prozedur aufschreien. Warum sollten in "The Swan" ausgerechnet die Schwäne prämiert werden? Genaugenommen sind sie nur Versuchskaninchen. Den Wettbewerb müßten die Herren und Damen Experimentatoren bestreiten. Aber statt sich dem Fernsehgericht zu stellen, fällen sie ein Urteil über andere und damit über ihre eigene Handarbeit. Während jede Woche eine der beiden Kandidatinnen abserviert wird, behalten die Bauchglätter, Hautstraffer, Nasenbegradiger und Lebensumkrempler ihren Job. Dabei haben sie kontinuierlich nur eine fünfzigprozentige Erfolgssträhne vorzuweisen. Die durchgefallenen Schwäne sollten ihre Dr. Frankensteine, die so kläglich versagten, zurück in die Anonymität ihrer Kliniken treiben.

Weitere Niederlage

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Fox hat die Lage freilich mit der Losung entschärft: All unsere überarbeiteten Frauen sind schön! Es gibt keine Verliererinnen! Wer glaubt, daß Dabeisein alles ist, hat indes noch nicht das frisch renovierte Gesicht der Verliererin Kathy gesehen, die nach drei Monaten Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen zu ihrem ohnehin angeknacksten Selbstbewußtsein eine weitere Niederlage hinzufügt. "The Swan" ist die perfekte Sendung für sadistische Voyeure, wenn auch die psychische Qual genüßlicher ausgeweidet wird als die physische. Nach ein paar schnell hingeworfenen Skizzen zum angestrebten Körperumbau rast die Operation mit dem flinken Spaß einer chaplinesken Verfolgungsjagd vorüber.

Doch halt, auch die dunkle Seite des Eingriffs will beleuchtet werden. Offenbar ist das blitzende Skalpell nicht der Zauberstab, als der es uns angepriesen wurde. Die folgenden Bilder testen unseren Verschönerungswillen. Bandagierte Köpfe, grotesk geschwollene Lippen, mit Pflastern verklebte Nasen und blutunterlaufene Augenlider gefährden die Werbung für die Schönheitsindustrie. In wenigen Fernsehsekunden sind aus gesunden Frauen Pflegefälle geworden, gebrechliche Wesen, die nur unter Schmerzen sitzen oder liegen können.

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Abgehärtete Amerikaner

Frauen standen Schlange, um sich als Kandidatinnen für die Show „Extreme Makeover” zu bewerben
Frauen standen Schlange, um sich als Kandidatinnen für die Show „Extreme Makeover” zu bewerben Bild: AP

Amerikaner aber sind inzwischen abgehärtet. "The Swan", in seiner Verbindung von Wettkampf und psychosomatischer Vollsanierung nur vorläufig ein Extremfall, wird zumindest in der Drastik der Aufnahmen aus dem Operationssaal noch von "Nip/Tuck" übertroffen, einer Dramenserie, die Schönheitschirurgen bis an ihren Arbeitsplatz folgt. Das "Makeover", einst fester Bestandteil von Frauensendungen, die mit Frisur-, Mode- und Kosmetiktips für transformative Wunder am Laufband sorgten und ihre Expertise auf Wohnungen und, wie im Juxprogramm "Queer Eye for the Straight Guy", auf Lebensformen ausdehnten, hat sich im Zeitalter der Realityschocks entsprechend, will heißen: bis hin zum Skalpell verschärfen müssen. Wo Bräute sich gegenüber falschen Millionären, fetten Schlampern und Zwergen bewähren müssen, bleiben die Grenzen der Zuschauerakzeptanz im Fluß. Die Tabuzone rückt offensichtlich in eine immer weitere Ferne.

Stellt ABC ein "Extreme Makeover" in Aussicht, kontert MTV mit der Verwandlungsschau "I Want a Famous Face", die mit ihrem Titel über alle voyeuristischen Obszönitäten hinaus auf die eigentliche Katastrophe verweist. Daß sich ein Mensch neu erfindet, gehört in Amerika zum Nationalmythos. Auch der Körper soll seine unbegrenzten Möglichkeiten spüren. Noch auf Tuchfühlung mit der Eugenik, ist die Verbesserung des Individuums, sein "enhancement", was salonfähiger klingt, unabdingbarer Teil des amerikanischen Projekts. Die gestraffte Haut und das entfettete Kinn sind gleichwohl nur Lappalien im großen Ganzen der biogenetischen Wende, die nun die Parameter des Menschseins auch international ins Wanken bringt. Der Rest der Welt wird sich den Transformationspraktiken kaum entziehen können.

Schönheit im Korsett

Ihre Fragwürdigkeit aber besteht weniger in der Verwandlung als im Verwandlungsziel. Über den amerikanischen Glauben an die Perfektionierbarkeit des Menschen, die keine experimentellen Techniken und "Verschönerungen" scheut, ließe es sich ja noch wunderbar streiten. Wird aber diese Schönheit in ein Korsett gezwängt, das der Entfaltung der Persönlichkeit gar keine Chance gibt, entlarvt die Verwandlung sich als banales Anpassungsmanöver, als Kotau vor der kommerziellen Verpackungskunst. So kommt der Klon durch die Hintertür auf die Welt.

In jeder Kathy oder Beth sollen der Chirurg und seine Helfer die ihr innewohnende Lara Croft aufspüren und freisetzen. Das Ergebnis übertrifft regelmäßig alle Erwartungen. Sobald die potentiellen Schwäne, die in ihren Folterkammern keinen Spiegel vorfanden, am Ende der drei Monate mit ihrem Spiegelbild konfrontiert werden, kommt es unweigerlich zu Weinkrämpfen, verzücktem Gelalle, ungläubigem Betasten des Spiegels und der fremden Physiognomie. Unter dem eitlen Beifall ihrer Umgestalter schluchzt Beth beglückt, sich endlich gefunden zu haben: "Ich sehe nicht mehr wie ich aus!" Niemanden stört das. Der Dichter hatte recht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.05.2004, Nr. 105 / Seite 42
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