Sigourney Weaver im Gespräch

„Ich hatte großen Spaß, mit diesem Image zu spielen“

Von Mariam Schaghaghi
Aktualisiert am 19.10.2020
 - 08:55
„Momentan werden mir die interessantesten Rollen meiner Karriere angeboten“, sagt Sigourney Weaver.
Mit dem Film „Alien“ wurde sie 1979 berühmt. Jetzt ist Sigourney Weaver Stargast in der Serie „Call My Agent!“. Im Gespräch erklärt sie, was sie an fiesen Figuren reizt – und wie sie das Altern erlebt.

Bekannt wurde sie 1979 als Weltall-Amazone, die in Ridley Scotts „Alien“ gegen schleimige Außerirdische kämpfte. Drei weitere Auftritte als Wissenschaftlerin Dr. Ellen Ripley gegen die nonterrestrischen Ekelwesen folgten. Seitdem prägte die großgewachsene Amerikanerin mit Stanford- und Yale-Abschluss on- und auch offscreen ein neues Ideal: eine uneitle Darstellerin von hoher Intelligenz und furchtloser Entschlossenheit. Sie spielte die Verhaltensforscherin Dian Fossey in „Gorillas im Nebel“ (1988) und in James Camerons „Avatar“ (2019) wieder eine Wissenschaftlerin mit Doktortitel. Dass Sigourney Weaver auch sehr komisch sein kann, zeigt sie in einem Gastauftritt in der TV-Serie „Call My Agent!“, deren vierte und letzte Staffel Sigourney Weaver gerade bei den CannesSeries vorgestellt hat. Eine gute Gelegenheit, um per Zoom einige offene Fragen zu klären.

Sie sind vor kurzem 71 Jahre alt geworden ...

... ich bevorzuge ja einen eleganten Zahlendreher: Ich bin 17 geworden.

Haben Sie je gesagt: „Dafür bin ich zu alt!“?

Nein, noch nie! Schauspieler passen ja schon von Berufs wegen gut auf sich auf. Heutzutage kann man so viel tun, um sich fit zu halten. Ich fühle mich stark und gesund – und das macht mich glücklich.

Haben Sie nie den sogenannten „Ageism“, Hollywoods Altersdiskriminierung, zu spüren bekommen?

Ich glaube nicht an das Klischee, dass Schauspielerinnen ab ihren Vierzigern keine Rollen mehr bekommen. Natürlich hatte ich Glück, weil ich nie auf romantische Rollen festgelegt war. Das geht auch schlecht bei einer Größe von 1,83 Metern ...

... mit der Sie oft Ihre männlichen Kollegen überragten ...

Ja, als ich um die zwanzig war, wusste keiner so recht, was er mit mir anstellen soll – die große Frau, die dauernd die Klappe aufmacht. Nur unkonventionelle Regisseure trauten sich, mit mir zu arbeiten. Und das ist heute noch so. Ich habe immer schon mein eigenes Ding gemacht, also werden mir nach wie vor starke Charakterrollen angeboten, die nicht auf ein bestimmtes Alter beschränkt sind. Ich habe in meiner Karriere wohl ein paar gute Entscheidungen getroffen – und wenn ich ehrlich bin, werden mir momentan die interessantesten Rollen meiner Karriere angeboten.

Allein James Cameron hält Sie mit seinen kommenden vier „Avatar“-Folgen bis 2028 in Schach. In „Call My Agent!“ spielen Sie sehr selbstironisch mit Ihrem Image als Hollywoodstar ...

... mich schockiert es immer wieder, was die Leute so für Vorstellungen von mir haben! Als wäre ich ein totaler Glamour-Star ...

Und sind Sie das nicht?

Na, auf dem roten Teppich vielleicht, aber sonst ganz sicher nicht! (lacht) Ich hatte großen Spaß, mit diesem Image zu spielen und gnadenlos zu übertreiben. Wir Schauspieler durften in der Serie noch am Set die ganze Zeit am Skript herumändern und die Figuren noch stärker überzeichnen, bis zur Karikatur.

Sie sind nun Stargast in der letzten Serienstaffel von „Call My Agent!“, der Paukenschlag zum Schluss, nach Charlotte Gainsbourg, Jean Reno und der gesamten Riege der französischen Leinwandlieblinge. Kannten Sie die Serie?

Ich war Fan, seit mir ein französischer Freund davon erzählt hat. Insgeheim habe ich schon ein wenig davon geträumt, dass man mir eine Rolle anbietet, aber außer meinem Mann habe ich das niemandem anvertraut. Umso überraschter war ich, als ich wirklich kontaktiert wurde. Zum ersten Mal habe ich für eine Rolle zugesagt, ohne mir das Drehbuch durchzulesen.

Und haben das spontane Ja nicht bereut?

Nein. Diese Serie mit den französischen Kollegen war eine der besten Erfahrungen meines Lebens. Ich weiß, wir kommen aus unterschiedlichen Ländern, aber unsere Arbeit vereint uns. Gerade komödiantische Arbeit funktioniert universell.

Wie gehen Sie mit den hässlichen Facetten Ihrer Branche um?

Mein Vater war einer der Chefs bei NBC, er entwickelte die „Tonight Show“. Daher hörte ich immer schon von den Schattenseiten. Aber ich finde, dass die Freude an dieser Tätigkeit so viel schwerer wiegt! Oft gibt es die Konflikte und Reibungen auch nur zwischen den Agenturen, so dass die Schauspieler nicht mal wussten, was da hinter den Kulissen abging. Davon wurden wir abgeschirmt – und das soll ein Agent ja eigentlich tun: die Schauspieler schützen.

Die „Alien“-Produzentin Gale Anne Hurd sagte mal, dass man als Frau im Business entweder gemocht oder respektiert werden kann, aber nicht beides gleichzeitig. Gilt das auch für herausragende Schauspielerinnen?

Wenn man hart arbeitet und alles gibt, verdient man sich mit der Zeit sowohl Respekt als auch Sympathien, finde ich! Gale muss als Produzentin einfach deutlich taffer sein als ich als Schauspielerin. Ich weiß aber, dass man sie in der Branche respektiert und auch mag.

Ihre Rolle als Ellen Ripley in „Alien“ 1979 war die Geburtsstunde der Hollywood-Action-Heldin. Glauben Sie, es hätte ohne Sie Lara Croft oder Wonder Woman gegeben?

Bei den „Alien“-Filmen war es wirklich sehr außergewöhnlich, solch eine weibliche Figur zu entwerfen, aber Ridley Scott wollte sie unbedingt so haben. Ja, inzwischen sind starke Frauenrollen keine exotische Ausnahme mehr, zum Glück, wir haben auch einen weiten Weg zurückgelegt. Trotzdem haben wir in puncto Gleichberechtigung noch einen weiten Weg vor uns, auch jetzt.

Es ging ein Ruck durch die Branche, als die Berlinale bekanntgab, die Gender-Aufteilung zwischen Schauspieler und Schauspielerin aufzuheben und nur Preise für die beste schauspielerische Leistung zu vergeben. Was sagen Sie dazu?

Ich finde das großartig! Es hätte schon vor langer Zeit passieren müssen. Ich glaube, wir alle fühlen uns dadurch befreit. Es fühlt sich so an, als wären endlich alle auf die Party eingeladen.

Wie haben Sie als New Yorkerin die Pandemie bisher erlebt?

Ich hatte das große Glück, den Lockdown mit meinem Mann und meiner Tochter zu verbringen. Man kann über New York sagen, was man will, aber ich liebe die Stadt, und meine Erfahrung war, dass die New Yorker aufeinander aufpassen und füreinander da sind. Ich fühlte mich dort eher sicher. Ein paar Wochen später habe ich die Stadt verlassen, an einen etwas ruhigeren Ort, aber mein Herz blieb bei den vielen Menschen dort, die jeden Tag ihr Leben riskierten und Unglaubliches leisteten, um für andere da zu sein.

Wie betrachten Sie den Lockdown aus der Perspektive der Klimaaktivistin? Seit 2009 engagieren Sie sich für den Schutz der Ozeane und schrieben bei der „HuffPost“ Blogs über den Klimaschutz ...

Ich finde, dass der Welt durch Corona eine Pause geschenkt wurde: Wir sollten uns fragen, was uns wichtig ist und worauf wir uns konzentrieren sollen, sowohl beim Thema Klimawandel als auch beim Gesundheitssystem. Wenn wir bei Covid so schnell handeln konnten, dann können wir das auch, um den ganzen Planeten zu retten. Ich hoffe, dass in Amerika die nötigen Veränderungen dafür stattfinden werden.

Glauben Sie, dass es nach Corona noch Kinos geben wird? Einige kollabieren schon jetzt ...

Ja, leider. Ich erinnere mich, als mein Vater das Live-Fernsehen entscheidend mitgestaltete, dass es auch damals die Befürchtung gab, dass die Filmbranche stirbt, wenn das Fernsehen zu stark wird. Aber mein Vater wusste damals schon, dass das nicht passieren würde. Ich glaube, dass sich die Erfahrung, ins Kino zu gehen, in Zukunft verändern wird. Trotzdem wird in uns der Wunsch bestehen bleiben, mit anderen gemeinsam ins Kino zu gehen, um einen Film zu schauen. Ich bin mir sicher, dass das Kino nach Corona wiederkommen wird, vielleicht sogar noch stärker.

Würden Sie sich an einem Filmset derzeit sicher fühlen?

Ich weiß, dass die großen Produktionen einige Sicherheitsvorkehrungen treffen. Die Studios in Pinewood oder die Sets in Australien sind sehr gut organisiert und haben sich auf Sicherheitskonzepte eingestellt. Ich freue mich, wieder mit der Arbeit anzufangen!

Die Grenzen zwischen Kino und Fernsehen verschwimmen zunehmend. Sie haben in Ihrer Karriere weitestgehend Serien vermieden. Würden Sie sich immer noch als Kinoschauspielerin bezeichnen?

Ich kann nicht mehr sagen, dass ich das Kino dem Fernsehen vorziehe. Ich habe in ein, zwei Miniserien mitgespielt wie „Political Animals“. Lange Serien bedeuten auch eine lange Verpflichtung. Und viel Arbeit. Vielleicht bin ich ja nur zu faul dazu. Bei Serien musst du immer gleich für sieben Jahre unterschreiben, bevor auch nur eine Szene gedreht wird. Und das törnt mich irgendwie ab. Ich bin gerne für die kleineren Projekte abkömmlich, auf die ich treffe. Meine nächste Rolle ist die einer Frau, deren bester Freund ein Schaf ist. Ich habe ein Herz für skurrile Filme.

Man wird Sie also nicht als Protagonistin eines Serienprojekts erleben?

Mir liegt es mehr, mich auf eine Story zu konzentrieren statt auf viele aufeinander folgende. Bisher hatte ich auch so viele Filmaufträge, dass Serien schon zeitlich gar nicht in Frage kamen, trotz einiger sehr schöner Angebote. Was mich daran reizen würde, wäre Teil eines Ensembles in einer Comedyserie zu sein wie in „Call My Agent!“. Ich glaube, dass es nichts Wundervolleres gibt, als zu einer Film-Familie zusammenzuwachsen. Das hatte ich mir immer gewünscht.

Sie sagten mal, Sie spielten am liebsten grässliche Leute wie in „My Salinger Year“, dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale. Warum?

Ich spiele wirklich gern furchtbare Figuren. Vielleicht, weil es mir keine Angst macht, dass die Leute denken könnten, dass ich in Wirklichkeit so bin. Ich finde, man sollte nicht dauernd liebenswürdige Frauen spielen, sondern in den fiesen Figuren so tief graben, bis man auf goldene Seiten stößt. Das ist doch der größte Spaß daran, Schauspieler zu sein.

Die Emmy-nominierte Erfolgsserie „Call My Agent!“ (im Original: „Dix Pour Cent“), die in Frankreich seit 2015 Spitzenquoten erzielt, läuft in der vierten und letzten Staffel ab 21. Oktober auf France 2 und wird demnächst in Deutschland zu sehen sein.

Die Emmy-nominierte Erfolgsserie „Call My Agent!“ (im Original: „Dix Pour Cent“), die in Frankreich seit 2015 Spitzenquoten erzielt, läuft in der vierten und letzten Staffel ab 21. Oktober auf France 2 und wird demnächst in Deutschland zu sehen sein.

Quelle: F.A.S.
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