Maryam Touzanis „Adam“ im Kino

Solidarisches Kochen

Von Bert Rebhandl
13.12.2021
, 20:43
Die gemeinsame Arbeit in der Bäckerei leistet Lebenshilfe nebenher: Abla (Luma Azabal, links) und Samia (Nisrin Erradi)
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Samia, hochschwanger, geht in Casablanca von zu Haus zu Haus, fragt nach Arbeit und nach Unterkunft. Abla lässt sie herein. Für einen Moment könnte in Maryam Touzanis Kinofilm „Adam“ sogar mehr möglich sein als Freundschaft und Solidarität.
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Die marokkanische Leibspeise Rziza besteht aus Nudeln, die zu einem Turban geformt und dann gebacken werden. Eine Maschine kann das auch, aber so richtig gut gelingt es nur von Hand, denn man muss ein Gefühl haben für den Teig. Samia hat dieses Gefühl. Sie hat von ihrer Großmutter gelernt, wie man Rziza macht. Und so etwas vergisst man dann nicht mehr, auch nicht in einer schweren Notlage, in der Samia ist. Sie geht in Casablanca von Tür zu Tür und fragt nach Arbeit. Haare schneiden, im Haushalt helfen, sie würde alles tun. Zu alledem braucht sie auch noch ein Quartier. Denn sie ist unübersehbar hochschwanger, in die große Stadt ist sie gekommen, weil sie daheim in ihrem Dorf nicht auf Hilfe hoffen kann. Schließlich trägt sie ein „Kind der Sünde“ in ihrem Bauch.

Der Film „Adam“ von Maryam Touzani erzählt davon, dass Samia schließlich Obdach findet. Auch Abla hat sie zuerst einmal weggeschickt, hat dann aber spät am Abend noch einmal einen Blick auf die Straße geworfen und schließlich Einlass gewährt. Eine Geste der Solidarität unter zwei Frauen, eine Geste, die aber auch geprägt ist von Misstrauen, denn Abla öffnet zwar die Tür, sie selbst aber bleibt verschlossen.

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Sie hat ihre eigene Geschichte, die sich in ihr kantiges Gesicht eingeschrieben hat, eine Geschichte, die sie am liebsten verschließen würde in ihrem stillen Leben mit ihrer kleinen Tochter. Das Leben von Abla hat aber ein Fenster zur Welt. Denn sie ist Bäckerin, und wenn sie morgens ihren Laden öffnet, der tatsächlich nicht viel mehr als eine Durchreiche ist, dann nimmt sie doch am Leben teil. Das Widerstreben ist ihr aber deutlich anzusehen.

„Ein eigenes Zimmer“ oder „Ein Zimmer für sich allein“ – das ist, mit dem berühmten Titel von Virginia Woolf („A Room of One’s Own“), im konkreten wie im übertragenen Sinn ein zentrales Anliegen von Frauenbewegungen. Es liegt nahe, bei „Adam“ an dieses Motiv zu denken und es auf die Verhältnisse der marokkanischen Gesellschaft zu übertragen. Denn der eigene Raum könnte sehr gut auch ein geteilter Raum sein in einer Welt, in der Familie strikt von der männlichen Dominanz her gedacht wird. Samia und Abla teilen gemeinsam mit der kleinen Warda eine Wohnung, einen sicheren Ort, der allerdings auch vor Gerede beschützt werden muss.

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Geschicktes Offenbaren der Hintergründe

Zutritt hat sonst nur Slimani, ein freundlicher Mann, der das Mehl bringt und der Abla den Hof macht. Das Mehl kommt aus der Fabrik, es ist wohl gestreckt, wie Samia sofort bemerkt. Sie versteht sich auf das Backen, und als sie eines Morgens unaufgefordert Rziza gemacht hat, hat Ablas Geschäft eine neue Attraktion.

Da ist aus der kurzfristigen Herberge auch schon so etwas wie eine Gemeinschaft geworden, inspiriert von der kleinen Warda, die sofort neugierig war auf Samia. Es braucht dann aber seine Zeit, bis Verhärtungen aufgebrochen werden können, die das Leben von unverheirateten Frauen in Marokko mit sich bringt. Es braucht auch deswegen eine gewisse Zeit, weil „Adam“ perfekt die Dramaturgien des internationalen Arthouse-Kinos beherrscht. Mit jeder neuen Szene zieht Maryam Touzani den Vorhang ein bisschen weiter zur Seite, hinter dem sie die Vorgeschichte ihrer Figuren verborgen hat. Mit jeder neuen Szene werden die beiden Hauptdarstellerinnen Lubna Azabal und Nisrin Erradi auch schöner, öffnen sie einander gleichsam auch ein Fenster auf sich selbst.

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Hier wird nicht nach Rezept gebacken

Es ist schließlich eine Kassette, die Samia gegen den Willen von Abla abspielt, die den Bann bricht. „Batwanes Beek“ von der algerischen Sängerin Warda heißt das Lied, von dem Abla meint, sie könne es nicht mehr ertragen, weil sie damit einen großen Verlust verbindet. Die beiden Frauen ringen buchstäblich darum, ob wieder Musik in ihr Leben treten darf, die Szene ist zugleich auch schon ein halber Tanz.

Für einen Moment deutet sich an, dass zwischen Samia und Abla sogar mehr möglich sein könnte als nur Freundschaft und Solidarität. Aber das genügt auch schon. Maryam Touzani geht es nicht darum, eine lesbische Liebesgeschichte zu erzählen. Sie will einfach den Raum ausmessen, den Frauen gemeinsam haben können.

Wie definiert man Heimat?

Das gilt auch in ihrem eigenen Fall. Maryam Touzani ist mit dem marokkanischen Regisseur Nabil Ayouch verheiratet, sie hat mit ihm gemeinsam am Drehbuch zu „Much Loved“ (2015) geschrieben und 2017 in dem Film „Razzia“ auch eine Hauptrolle gespielt. Gemeinsam griff das Paar so kontroverse Themen wie Prostitution oder das schwierige Verhältnis zwischen der vorherrschenden arabischen und der Berberkultur auf. Nun führt Maryam Touzani selbst Regie, nach ihrem eigenen Drehbuch. „Adam“ zielt dabei offenkundig auf die internationalen Märkte und war 2020 auch für Marokko für einen Auslands-Oscar nominiert. Die Attraktionen der lokalen Küche, aber auch der maghrebinischen Musik sind typische Faktoren, mit denen eine Regisseurin wie Maryam Touzani reüssieren kann.

Aber das wäre alles Backen nach Rezept, wäre es nicht eben aufgehoben in ein Gefühl für den „Teig“ dieser Erzählung, die ihre Mitte eindeutig in einer Idee von Weiblichkeit und Mütterlichkeit findet. „Bleib im Nest“ heißt es in einem der Lieder, die Samia im Kopf hat. Ob es für Kinder, und letztlich auch für ihre Mütter, ein Nest gibt, ob man sie eines bauen lässt, unbeeinträchtigt von den patriarchalen Familienidealen rundher­um, auf diese Frage läuft „Adam“ hinaus. „Uns gehört nur wenig wirklich“, sagt Samia an einer Stelle.

Da steht sie noch unter dem Eindruck ihrer Herbergssuche, auf der ihr viel unverbindliche Höflichkeit entgegenschlug. „Möge Gott die Dornen auf deinem Weg entfernen.“ Das ist gut gemeint, aber Hilfe gibt es nicht von oben, sondern nur untereinander. „Adam“ endet mit einem neuen „ersten“ Menschen und mit der realistischen Einsicht, dass sich eigene Räume aus dem Wunder einer Begegnung nicht sofort in eine Utopie überführen lassen. Es reicht, dass der Schlager nicht lügen muss, wenn er behauptet: „Es geht mir gut, wenn du bei mir bist.“

Quelle: F.A.Z.
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