Star Wars Episode 9: Finale!

Stärker als Blut – Das Gleichgewicht der Macht

Von Dietmar Dath
Aktualisiert am 18.12.2019
 - 09:00
Es wird gekämpft, gefangengenommen, befreit, ein altes Raumschiff darf sich in einem neuen Flugmanöver beweisen: „Star Wars“ war immer nostalgisch und futuristisch zugleich. zur Bildergalerie
Das Ende von „Star Wars“ ist natürlich nicht der letzte Film in dem Kosmos, den George Lucas vor mehr als vierzig Jahren schuf. Aber das Riesenbiest schafft es über die Ziellinie – und bringt ein paar Wunder mit.

Wer würde freiwillig auf alle eigenen Erinnerungen verzichten, um anderer Leute Zukunft zu retten? Eine Figur, die alle Fans der „Star Wars“-Filmreihe seit mehr als vierzig Jahren kennen und gernhaben, soll nach etwa einer Stunde im neunten und nach dem Willen ihres Erfinders George Lucas abschließenden Teil der Reihe, der jetzt ins Kino kommt, dieses Opfer bringen. Bis dahin ist der Film durchschnittlich unterhaltsam: Es wird gekämpft, gefangengenommen, befreit, ein altes Raumschiff darf sich in einem neuen Flugmanöver beweisen („light speed skipping“, der Regisseur J.J. Abrams ließ die Szene mit dem Jagdmesser schneiden), aber alles tritt (oft mit Nachdruck) auf der Stelle, bis der Moment kommt, in dem jemand gezwungen ist, sich zu vergessen, damit’s weitergeht.

In diesem Moment hat der Film sich gefunden; das ganze, in den Siebzigerjahren als Hommage an ältere Science-Fantasy-Welten begonnene „Star Wars“-Projekt war stets zugleich nostalgisch und futuristisch.

Bald nach der kleinen Erleuchtung gibt’s kein Halten mehr: Man sieht tosende Wellen, hoch wie Städte, und Blitze, lang wie Länder, aber das Chaos ist nichts als ein Hintergrund für die Moral des Ganzen, die Mark Hamill alias Luke Skywalker, alt, weise, tot und unsterblich, seiner Schülerin Daisy Ridley alias Rey mitteilt, als die Nacht um sie am dunkelsten ist: Es gibt etwas, das stärker ist als Blut.

Es gibt Antworten, aber vor allem noch was Besseres als sie

Ganz richtig, der Zopf aus Abstammung und Historiengemälde wird entflochten, was eine Tendenz fortsetzt, die schon Rian Johnsons „Episode VIII.: The Last jedi“ geprägt hat, und beide, das Herkunftsdrama wie das galaktische Zivilisationsepos, werden in Episode IX außerdem mit der kryptischen Bemerkung des von Max von Sydow gespielten Lor San Tekka aus Episode VIII abgeglichen, die Wiederaufnahme des Handlungsfadens „Was wird aus dem Orden der Jedi-Ritter?“ sei weltschicksalsentscheidend: „This will begin to make things right. Without the Jedi, there can be no balance in the Force.“

Denen, die vom Schlussfilm vor allem „Antworten“ verlangen, könnte das, was aus diesem Ansatz hier entwickelt wird, dennoch nicht reichen. Die Antwortgierigen scharen sich ja, seit das Netz Archive und Nachrichtenquellen gleichermaßen gerade den Allerorientierungslosesten geöffnet hat, um alles, was mit ein bisschen Geheimschrift gewürzt ist. Solche Leute können den Offeneren, spielgerechter Interessierten im Publikum jeden Spaß an „Twin Peaks“, „Lost“ oder „Downton Apocalypse“ verderben, aber ihre Existenz ist halt der Preis dafür, dass wir heute als Informationsgesellschaft weiter sind als zu Zeiten, da niemand eine Fortsetzung von „Hamlet“ verlangte, in der zweifelsfrei bewiesen wird, dass der verstorbene Claudius krumme Dinger gedreht hat. Es gibt halt neuerdings zahllose in irgendeiner Buchhaltungsabteilung der Hölle kaputtgebratene Seelen, für deren vergittertes Knast-Vorstellungsvermögen Filme und Serien Aufgabenhefte sind, in denen sie Ergebnisse eintragen, für die sich nicht mal die Uni interessiert, sei’s drum – wer vor rund vierzig Jahren entsetzt war, als der finstere Darth Vader dem armen Luke Skywalker auf dem Höhepunkt von Episode V. die Schwerthand abhackte und zugleich ein stinkendes Geheimnis aus der Familiengruft lüftete, wird sich dem Finale, das Abrams gebacken hat, so wenig entziehen können wie Jüngere, die vor rund zwanzig Jahren unruhig auf den Kinositzen herumgerutscht sind, als Ian McDiarmid alias Senator Palpatine in Episode I. das erste Mal ins Bild schlich. Selbst die Jüngsten, die vor zwei Jahren in Episode VIII. ein Schauer überlief, als die alte Piratin Maz Kanata mit der Stimme der Schauspielerin Lupita Nyong’o erklärte, der Atem des Universums sei eine Macht (alias „The Force“), die jedes lebende Ding umgebe, können mit dem Gleichgewicht zwischen Licht und Schatten, das Abrams jener Macht ausrichtet, zufrieden sein.

2019 ist ein Jahr, in dem „Star Wars“ außer mit dem Abschlussfilm der Originalreihe auch als Streamingserie auf Disney+ („The Mandalorian“ inklusive neuem Knuddelfetisch „Baby Yoda“), Computerspiel („Jedi: Fallen Order“) und in den Disney-Planungskonferenzräumen (eine neue Serie mit dem Jedi-Meister Obi-Wan Kenobi, möglicherweise wie in den Prequel-Filmen von Ewan McGregor gespielt, steht ebenso in Aussicht wie weitere Spielfilme abseits der Haupthandlung) als flächendeckende Breitenoffensive den Versuch fast aussichtslos macht, konkrete, einzelne Leistungen zwischen Regie und Darstellerei würdigen zu wollen. Im Vorbeigehen sei dennoch festgehalten, dass Daisy Ridley in Episode IX. mit ihrem sehenswerten, gestisch, deklamatorisch und mimisch straffen, emotional dichten Spiel sich allmählich zur neuen Sigourney Weaver emporarbeitet, dass Adam Driver mit Harrison Ford in „The Rise of Skywalker“ eine der zärtlichsten Männerszenen der Weltraumoperngeschichte teilt und dass J.J. Abrams die große, von Lucas angehäufte Rumpelkammer voller Altertümer von Kurosawa über Riefenstahl, Alex Raymond („Flash Gordon“) und französische „Valerian“-Comics bis hin zu Richard Wagner (alias John Williams, der noch einmal mit vollen Komponistenhänden in den imperialen Marsch greifen darf) erheblich aufgeräumter hinterlässt, als er sie vorgefunden hat.

Geld, Mythos und Kulturkämpfchen

Der Disneykonzern ist die erste Filmfirma, deren Produkte in einem Kalenderjahr, nämlich dem laufenden, mehr als zehn Milliarden Dollar eingespielt haben. Diese große Absahne gelang per Dreizack: Erst kam die Marvel-Comic-Adaption „Avengers: Endgame“, dann das computernamierte Märchenmusical „Frozen 2“ und jetzt die „Star Wars“-Abifeier. Diese drei Filme sind, ganz wie einige „Star Wars“-Gestalten, genealogisch enger miteinander verwandt, als die bloße Vermarktungsoberfläche verrät: In den frühen Achtzigern rettete die Lizenz zur „Star Wars“-Comicvermarktung, die George Lucas ans Haus Marvel verkaufte, diesem Verlag in einer Zeit der Superheldenflaute die Bilanzen; „Frozen 2“ wiederum verdankt stilistisch Wesentliches der Ästhetik der Firma Pixar, die aus einer Abteilung der Firma des „Star Wars“-Schöpfers hervorgegangen ist. In Branchenkreisen heißt es, Bob Iger, der Chef von Disney, habe Marvel und Pixar vor allem gekauft, um Lucas schöne Augen zu machen und als drittes Beutejuwel dessen „Star Wars“-Laden zu kassieren: Schau mal, die andern sind schon bei mir!

Lucas selbst soll noch 2012 an eigenen Plänen für eine abschließende „Star Wars“-Trilogie gearbeitet haben, über die Jahre hat er aber auch immer wieder dementiert, dass es eine solche Baustelle überhaupt gebe. Am Ende verkaufte er Disney Rechte und materielle Dispositive, aber nichts, was der Konzern hätte filmen lassen wollen, der deshalb das Ding J.J. Abrams in die Hände legte. Was dann ab „Episode VII.: The Force Awakens“ geschah, war für einen lautstarken Teil selbsterkorener Superfans vor allem im Internet „nicht mehr unser Star Wars“. Wie bitte, Luke Skywalker tritt nur auf, um irgendwann auch wieder abzutreten und in der Macht aufzugehen? Nicht mit uns. Dabei war’s immer so mit den großen Jedimeistern, in der Mitteltrilogie mit Obi-Wan Kenobi alias Alec Guiness, in der Prequeltrilogie mit Qui-Gon Jin alias Liam Neeson, es ist wie in diesen Kinderrätseln, setze die Reihe fort – Frühling, Sommer, Herbst, was kommt als nächstes? Das trotzige Kind sagt: mehr Sommer, denn da kann ich ins Schwimmbad! Viele trotzige Kinder ergaben bei „Star Wars“ ein bis drei Shitstörmchen; von „Kulturkampf“ war die Rede, „politisch“ sollte der angeblich auch noch sein.

Na gut, wo wohnt sie denn politisch, diese Finaltrilogie? Stehen neue Figuren und ihre Besetzungen wie Rose Tico (Kelly Marie Tran), Finn (John Boyega), Vize-Admiralin Holdo (Laura Dern) oder, in Episode IX., die Rebellin Jannah (Naomi Ackie) wirklich für mehr ethnische oder sonstige „Vielfalt“, steht Daisy Ridley als Rey für irgendwas Feministisches? „Politik“ ist bei „Star Wars“ eine Sache, bei der zum Beispiel im wiedererstandenen Galaktischen Senat gegen die totalitäre Erste Ordnung eine Strategie entwickelt werden soll, auf die sich die Tarisianerin Andrithal Robb-Voti und ihre Kollegin Thadlé Berenko mit etwas namens Zygli Bruss einigen müssen (die irren Namen sind echt, es gibt Fachliteratur). Dieser Zirkus hat mit Trump, Brexit, ISIS oder Sackhüpfen so viel und so wenig zu tun, wie Menschen, die das Zeug konsumieren, sich dazuhalluzinieren, also je nachdem durchaus sehr viel; darüber wird auch diesmal hauptsächlich Twitter befinden.

J.J. Abrams hat ein vierzig Jahre altes Megabiest über die Ziellinie gewuchtet. Es ist tot, aber es war schwanger. Die letzte Szene ist eine Art Kaiserschnitt mit Lichtschwert. Was für Nachkommen wird’s geben, gute oder böse? Filme, Serien, Romane, Comics, Spiele? Was auch immer, es wird von dem handeln müssen, wovon „Star Wars“ immer gehandelt hat: vom unmöglichen Gleichgewicht zwischen Erinnerung und Zukunft, das Geschichte heißt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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