Jutta Hoffmann zum Achtzigsten

Strahlend wie der Mond über Soho

Von Maria Wiesner
03.03.2021
, 08:56
Flüchtende Rocksängerin, alleinerziehende Mathematikerin: Jutta Hoffmann war ein Star der Defa. Für ihre Leistung bekam sie den Darstellerpreis in Venedig. Heute wird die Charakterdarstellerin 80 Jahre alt.

Wie gut ein junges Talent ist, zeigt sich im direkten Vergleich mit den Größten seiner Kunst. Jutta Hoffmann scheute Auftritte nie, die sie solchen Situationen aussetzten. Ihr Schauspieltalent kommt besonders zum Strahlen, wenn sie sich mit anderen misst. Gegen Übertreibung und laute Gesten ihrer Kolleginnen setzt sie kleinste Akzente. Wenn sie in der Thomas-Mann-Verfilmung „Lotte in Weimar“ (1974) etwa die Adele Schopenhauer gibt, bleibt die Kamera im größten Kostümgewühl immer eine Sekunde länger bei ihr hängen, als wäre sie von diesem Gesicht hypnotisiert, das so vollständig in der Rolle ruht, dass selbst das Zucken einer Augenbraue mehr aussagt als zwanzig Zeilen Monolog.

Dass sie die aber auch kann, beweist sie, als sie mit Blumenstrauß in Lottes Zimmer tritt und eine Rede abfeuert, bei der man sich fragt, welche Atemtechnik diese Frau nutzt. Und weil Regisseur Egon Günther Manns Humor herausarbeiten wollte, gibt Hoffmann ihrer Adele ein kleines Augenrollen, das sich zugleich über den langen Monolog mokiert, ohne aus der Rolle zufallen. Gerade gegenüber Lilli Palmer, die als Weststar für die Hauptrolle der Defa-Verfilmung gewonnen werden konnte, zeigt sich, dass Hoffmann anders spielt. Regisseur Günther schwärmte: „Jutta war von ganz anderer schauspielerischer Qualität als Lilli Palmer, die festgelegt war auf den Korrepetitor-Kram.“ Hoffmann hingegen habe das Level gehoben, habe die Palmer herausgefordert.

Silberner Löwe in Venedig

Ihr Talent erkannte die 1941 in Halle/Saale geborene Hoffmann früh. In Interviews betont sie, dass sie schon immer Schauspielerin werden wollte. Nach dem Studium an der Filmhochschule Potsdam/Babelsberg ging es ans Maxim Gorki Theater in Berlin. Die Inszenierungen des Intendanten Maxim Valentin aber gefielen ihr nicht, was sie diesem ins Gesicht sagte. Sie verließ das Theater im festen Glauben, durch ihr Talent neue Rollen zu finden. Sie hatte Glück, es folgte die Zusammenarbeit mit Egon Günther, der sie nicht nur bestärkte sich „auf die Rolle einzulassen und zugleich aus ihr herauszutreten“, eine Technik, die sie von da an perfektionierte, er gab ihr auch Hauptrollen in der Arnold-Zweig-Verfilmung „Junge Frau von 1914“ (1969) und in „Der Dritte“ (1971), in der sie als alleinerziehende Mathematikerin nach Erfüllung im Beruf und in der Liebe sucht. Dafür zeichnete sie ein Jahr später das Filmfestival in Venedig als beste Darstellerin aus.

Den Anfang vom Ende als Schauspielerin in der DDR machte 1975 ihr Auftritt in August Strindbergs „Fräulein Julie“ am Berliner Ensemble. Intendantin Ruth Berghaus hatte Einar Schleef und B.K. Tragelehn für die Regie engagiert, sie inszenierten das Kammerspiel über Klassenunterschiede und Geschlechterkampf mit „Beat“-Musik, statt Selbstmord steht für Julie am Ende die Flucht. Hoffmann kletterte dafür von der Bühne ins Parkett und ging über die Lehnen und Köpfe der Zuschauer hinweg. Man habe das als metaphorische Republikflucht interpretiert, heißt es später. Fakt ist, das Stück wurde nach zehn ausverkauften Vorstellungen abgesetzt. Hoffmanns Bruch mit der DDR vollzog sich ein Jahr später, als sie gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestierte. Die Rollenangebote in der DDR wurden dünn, aber man erlaubte ihr, im Westen zu arbeiten.

Sie spielte an der Volksbühne in West-Berlin, unter Dieter Dorn in Salzburg, arbeitet mit Peter Zadek am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, drehte mit Alexander Kluge und kehrte als „Polizeiruf“-Ermittlerin Wanda Rosenbaum 1999 ins Fernsehen zurück. Dass sie ihren Brecht nie vergaß, zeigte sie 1997 noch einmal im Gefängnisausbruchfilm „Bandits“, wo sie neben Katja Riemann und Jasmin Tabatabai zu sehen ist. Auch hier spielt sie viel zarter, viel natürlicher als ihre Kolleginnen, fängt wieder magnetisch die Kamera ein. In der eindrücklichsten Szene des Films zitiert sie das Liebeslied aus Brechts „Dreigroschenoper“ und strahlt dabei so hell wie der von ihr besungene Mond über Soho. Heute wird sie 80 Jahre alt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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