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Sundance-Festival

Zeigt uns die Welt, wie sie wirklich ist!

Von Harlan Jacobson, Park City
 - 18:25
Ashotn Sanders in „Native Son“ von Rashid Johnson.

Auf den ersten Blick scheint das Sundance Film Festival 2019 all den Kummer und die Sorgen widerzuspiegeln, welche die progressive linke Film-Community und ihr meist progressives Publikum jeden Tag in den Schlagzeilen finden. Oder fast alle.

Hinter dem Chaos der aufs Kino übertragenen amerikanischen Identitätspolitik steckt jedoch eine tiefere Sehnsucht. Das gilt für amerikanische wie auch international produzierte Filme. Zeigt uns etwas Authentisches! Es ist das letzte Sundance für Robert Redford, den Gründer und Zauberer des Filmfests, der von einem „Abschluss“ sprach. Bei der Preisverleihung am 2. Februar trat er als dessen öffentliches Gesicht und Leiter ab.

Es ist schon seltsam mit Redford. Als junger Mann erlebte er einen raschen Aufstieg dank seines typisch amerikanischen blendenden Aussehens – perfekt blondes Haar, blaue Augen, weiße Zähne. Er hat immer noch perfekt blondes Haar, blaue Augen und weiße Zähne – mit 82. Vielleicht ist das echt Hollywood, das heißt echt unecht. Es ist jedoch fraglos wahr, dass es keinen authentischeren Vorkämpfer für Außenseiterstimmen gegeben hat als Redford.

Wenn die in diesem Jahr hier gezeigten Filme irgendetwas waren, dann eine Collage der Minderheiten, ob nun solcher der Rasse, der Ethnie, der Genderzugehörigkeit oder der sexuellen Präferenz. Die besten von ihnen verbanden aktuelle gesellschaftliche Spannungen jenseits der Identitätspolitik mit weiterreichenden Kräften, die das Leben irgendwo zwischen Hölle und Hochwasser erscheinen lassen.

Monströse Unmenschlichkeit

Chinonye Chukwu ließ sich zu ihrem Film „Clemency“ von der Hinrichtung des Afroamerikaners Troy Davis im Jahr 2011 anregen, der wegen Mordes an einem Polizisten in Savannah, Georgia, 1989 zum Tode verurteilt worden war. Mit einer brillanten, meist schwarzen Besetzung handelt der Film von dem Preis, den die Todesstrafe der Seele und der Gesellschaft abverlangt. Afre Woodard spielt eine Gefängniswärterin, die zerrissen ist zwischen ihrem Streben nach Professionalität – gleichsam der als Frau und als Schwarze empfundenen Verpflichtung dazu – und der monströsen Unmenschlichkeit, die darin besteht, dass in der überwältigenden Mehrheit Männer hingerichtet werden, die Minderheiten angehören. Wendell Pierce als ihr Mann, ein Wissenschaftler, hat genug davon; Richard Schiff ist ein Pflichtverteidiger, der es satt hat, unter die Räder zu kommen; und Aldis Hodge ist ein junger Insasse des Todestrakts, der emotional in einem tiefen Schlaf liegt und zu spät daraus erwacht. Das Timing ist alles. Zur rechten Zeit veröffentlicht, könnte Woodward im nächsten Jahr mit einer Oscar-Nominierung rechnen. Hier in Park City gewann der Film den Großen Preis der Jury, die höchste Auszeichnung in der Sparte amerikanischer Spielfilm.

Joe Talbots „The Last Black Man in San Francisco“ spielt im Mission District der Stadt, wo der Hauptdarsteller Jimmie Fails eine fiktionalisierte Version seiner selbst spielt und ein verfallenes viktorianisches Haus umkreist, das einst sein Großvater gebaut hat – er nimmt sogar Reparaturen daran vor, gegen den Willen des alten weißen Paars, das darin wohnt. Jimmies Streben ist mehr als ein Versuch, sich gegen die Flut der Gentrifizierung zu stemmen, es ist eine Suche nach Wahrheit. Talbots majestätisch-theatralischer Film erinnert an den Pittsburgher Hill District in August Wilsons „Fences“ und erhielt Preise für das beste Ensemble und die beste Regie. „Jimmy und ich begannen schon über diesen Film zu reden, als wir noch kleine Kinder waren und in San Francisco aufwuchsen“, sagte Talbot. Und Fails erklärte: Der Film sei „für all die Menschen, die dafür kämpfen, in San Francisco bleiben zu können.“

Nach „If Beale Street Could Talk“ von Berry Jenkins geht die Suche nach wichtigen Büchern schwarzer Amerikaner des zwanzigsten Jahrhunderts mit „Native Son“ weiter. Rashid Johnson legte eine hübsch anzuschauende Aktualisierung des 1940 erschienenen Klassikers von Richard Wright vor – wobei ein Kohleofen in einem Haus in einem Chicagoer Vorort auf unerklärliche Weise eine zentrale Rolle spielt. Während Wrights junger Krimineller Bigger Thomas in der Welt der dreißiger Jahre, in der es kaum Möglichkeiten gab, eindeutig ein Verbrecher war, ist sein Jedermann in Johnsons modernisierter Fassung vor allem unfähig. Ihn einen Mörder zu nennen wäre durchaus korrekt, triebe der übergeordnete Plot schwarzen Martyriums die Geschichte nicht zu ihrem voraussagbaren Ende.

Dann gab es da auch noch Musikdokus über schwierige Genies, die aber in Wirklichkeit ganz toll waren. Stanley Nelsons „Miles Davis: Birth of the Cool“ tut etwas, das man in heutigen biographischen Skizzen nur noch selten sieht, da sie sich meist auf einen kurzen Zeitraum oder wichtige Augenblicke konzentrieren. „Birth of the Cool“ umspannt das gesamte Leben des Musikers, von der Geburt 1926 in Alton in Illinois über seine frühen Jahre in St. Louis bis zu seinem Tod 1991 in Frankreich, der hier als Schlaganfall dargestellt wird, nachdem er in Montreux mit Quincy Jones gespielt hat. Auf dem Weg verknüpft Nelson großartiges Archivfilmmaterial und Fotografien mit Aussagen prominenter Liebhaberinnen – Juliette Gréco, Frances Taylor, Betty Mabry, Cicely Tyson – und bemerkenswerter Musiker, darunter John Coltrane, der Arrangeur Gil Evans, Herbie Hancock, Wayne Shorter und der Organisator des Newport Jazz Festival George Wien – die über dies und das reden, nur nicht über seine Musik. Aber natürlich auch über seinen Drogenkonsum.

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Ursula Macfarlane, eine junge Britin, fügt in „Untouchable“ unserem Wissen über Harvey Weinstein kaum etwas hinzu. Immerhin sprechen einige seiner Opfer (bis zurück aus seiner Zeit als junger Rock-Organisator in Buffalo) vor der Kamera. Obwohl Harvey – er gehört zu denen, die in den Vereinigten Staaten beim Vornamen genannt werden – auch zu Clintons und Obamas Weißem Haus Zugang hatte, ist er doch eher ein Trump-ähnlicher New Yorker. Der Unterschied liegt darin, dass Harvey Filme produzierte, als er alle Regeln missachtete, während Trump womöglich noch den ganzen Planeten in die Luft sprengen wird. Der Film ist einfach nur schlecht gemacht. Bei nahezu jeder Blende lässt er verschwommene Verkehrsbilder langsam scharf werden, und es fehlt ihm an journalistischer Strenge, wenn wichtige Akteure vor der Kamera sprechen. Ein Beispiel: Ronan Farrow, dessen Artikel im „New Yorker“ im Oktober 2017 die Weinstein-Affäre ins Rollen zu bringen half, ist nicht ganz offen hinsichtlich seiner eigenen Motive. Und ein Soundtrack wie aus „Jaws“ besitzt keinerlei Nachrichtenwert. Ich bat die Kellnerin in einem bekannten Restaurant der Stadt, die mit der Möglichkeit spielte, Harveys Eskapaden bei früheren Sundance-Festivals auszuplaudern, doch einmal alles zu sagen. Sie rollte die Augen: „Er war der schlimmste.“

Schließlich: „American Factory“ hätte keinen besseren Zeitpunkt treffen können. Der Film von Julia Reichert und Steven Bognar erhielt den Regiepreis in der Sparte amerikanischer Dokumentarfilm. Er handelt von der Eröffnung einer neuen Produktionsstätte auf dem Gelände einer toten Chevy-Fabrik in Dayton, Ohio, durch das in chinesischem Besitz befindliche amerikanische Unternehmen Fuyao Glass America. Im Blick auf das Geld hat die Doku recht: Es gibt einen culture clash zwischen amerikanischen Arbeitern und chinesischen Bossen. In den Vereinigten Staaten ist die Arbeit stärker reguliert und sicherer, aber weniger produktiv. In China ist die Arbeit dagegen produktiver, basiert aber im Wesentlichen auf Organisationsformen des neunzehnten Jahrhunderts. „American Factory“ führt uns eine unschöne Wahrheit vor Augen. Es hat einen Grund, weshalb Roboter und KI sich durchsetzen: Der Konflikt wird dadurch irrelevant.

Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff.

Quelle: F.A.Z.
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