„The Green Knight“ im Kino

Eine Welt, so fremd wie ein Kettenhemd

Von Bert Rebhandl
29.07.2021
, 10:07
Ein Mann der Schwert- und Schwerstarbeit: Dev Patel.
So modern ist ein Stück aus dem Legendenschatz der Artus-Epik noch nie verfilmt worden: „The Green Knight“ von David Lowery im Kino.
ANZEIGE

Mit den Helden und ihren Sagen ist es ein bisschen wie mit der Henne und dem Ei. Es ist nicht leicht zu entscheiden, was zuerst war: die große Tat oder die Erzählung davon. Damit gerät man genauso schnell in einen Zirkel wie mit dem Anfang der menschlichen Kultur insgesamt. Eine neue Geschichte von dem edlen Ritter Gawain macht mit diesem Zirkel nun großen Ernst: „The Green Knight“ von David Lowery. Eine Queste wie diese hat es noch nie gegeben, und das will etwas heißen bei einem der ehrwürdigsten Genres, dem Film mit Schwertern und Kettenhemden. Mit einer Queste suchten im Mittelalter Männer ihren Weg zu höherer Berufung. Sie zogen aus, bestanden Abenteuer, minnten Frauen und wurden dabei ritterlich. Die Geschichte von Gawain und dem grünen Ritter stammt aus dem späten 14. Jahrhundert, ist also ein Spätling in der Artusepik. Entsprechend verhält es sich auch mit „The Green Knight“, der im Vergleich mit Klassikern wie John Boormans „Excalibur“ (1981) einen deutlich größeren kulturhistorischen Bogen schlägt: Vorstellungen von Altertümlichkeit treffen auf moderne Form, zum Beispiel ein hoch artifizielles Sounddesign.

ANZEIGE

Die ganze Sache beginnt an Weihnachten in Camelot. „Christus ist geboren“, lautet der erste Satz, dazu sieht man den Schauspieler Dev Patel, der tatsächlich aussieht wie eine Christusfigur, hier aber den jungen Gawain (oder Garvain) spielt. Zum hohen Fest will man am Hof von König Artus ein wenig Spaß haben, man will Geschichten hören, „some myth or canto“, allerdings hat Gawain nichts dergleichen zu erzählen. Er hat ja noch nichts erlebt. Seine erste Tat steht kurz bevor, sie entspinnt sich gerade in einem parzengleichen Akt seiner Mutter Morgane la Faye, die ein Abenteuer heraufbeschwört. Sie ist es nämlich, die den grünen Ritter – halb Mann, halb Baum – herbeiruft, der hoch zu Ross und mit schweren Hufschlägen mitten in die Tafelrunde reitet. Er hat ein seltsames Begehr: Er will sich von jemandem den Kopf abschlagen lassen, um den Preis, dass sein Gegner dann ein Jahr später bei ihm an der Grünen Kapelle erscheinen muss, um sich seinerseits köpfen zu lassen. Gawain willigt ein, bei dem „Spiel“ mitzumachen, so merkwürdig unheldisch es auch anmutet. Die Konsequenzen werden ihm in ersten Andeutungen klar, als der grüne Ritter seinen abgeschlagenen Kopf einfach vom Boden aufklaubt und mit einem grimmigen „one year hence“ das Weite sucht.

In diesem einen Jahr, in dem Gawain sich darüber klar werden muss, ob er den zweiten Teil des „Spiels“ ernst nehmen soll, lässt er sich unter anderem malen. Dieses Porträt kommt eigentlich zu früh, denn noch hat er ja nichts bestanden, es bleibt ihm aber auch nichts anderes übrig, denn er weiß ja, dass er bald keinen Kopf mehr haben wird. Gawains Dilemma böte allen Anlass, damit in die Ironie auszuweichen, aber David Lowery hat damit nichts im Sinn. Er geht eher in die Offensive mit der mythischen Komplexität seiner Vorlage: „The Green Knight“ nützt alle Mittel des Kinos, um die merkwürdige Zweideutigkeit der Geschichte noch zu verstärken. Lowery hat selbst die Montage übernommen, wegen der Pandemie musste die Veröffentlichung immer wieder verschoben werden, er hatte also viel Zeit, sich wahrhaft vertrackte Sachen auszudenken. Dazu gehört auch, dass Gawain sich später einmal einem Bild von sich gegenübersieht, das aussieht, als wäre es von einer fotografischen Platte gestohlen worden, eine Art Abdruck wie beim Turiner Grabtuch als Spiegelbild in einem verwunschenen Schloss. Diese medientechnischen Anspielungen zeigen, dass es in „The Green Knight“ auch darum geht, eine Idee von Mittelalter in einem Purgatorium zwischen der computertechnischen Allmacht heutiger Fantasyfilme und den handwerklichen Kopierprozessen zu verorten, auf denen die Artusepik beruhte.

Zwischen Drachen und Dynastien

Die populäre Kultur hat sich über die alten Sagen manchmal lustig gemacht (Monty Pythons „Die Ritter der Kokosnuss“), öfter aber hat sie ganz einfach moderne Subjektivitäten zwischen Drachen und Dynastien geworfen („Game of Thrones“). Im Vergleich dazu ist „The Green Knight“ ein Film, der einen genuinen Eindruck davon vermittelt, was es geheißen haben könnte, in eine unbekannte Welt hinauszuziehen.

ANZEIGE

Erstaunlicherweise folgt Lowery dabei durchaus getreu den Motiven, die in der anonymen Handschrift von Gawain und dem grünen Ritter überliefert sind. Manchmal gestattet er sich ein wuchtiges Bild, dann stapfen hinter dem Hügel, auf den der Ritter gerade klettert, ein paar halb transparente, nackte Giganten des Wegs und drohen ihn für einen Moment zu zerdrücken wie ein störendes Getier. In der Regel aber sind es Bilder in der besten Tradition der romantischen Vorstellungskraft, die Gawain mit sich selbst konfrontieren – oder mit dem Leitmotiv des kopflosen Menschen. Aus einem nächtlich-nebligen Weiher muss er einen Schädel bergen, einen sprechenden Fuchs muss er als Verführer durchschauen, einen todesbannenden Gurt muss er als Fessel seines Heldenmuts erkennen.

Erotische Verführerin und Burgfräulein

Alicia Vikander tritt in mehrfacher Gestalt als die erotische Verführerin auf, mal ganz alltäglich als Burgfräulein Essel, die gern Gawains „Lady“ wäre, mal als Burgherrin und Gattin eines Lords, die bewusst seinen Sinn für das Zeitliche zu verwirren trachtet. Joel Edgerton hat einen denkwürdigen Moment in der Rolle dieses Lords, als er sich von Gawain verabschiedet, der schließlich nicht länger riskieren will, sich auf seiner Odyssee zu einer Kapelle „sechs Nächte nördlich“ endgültig zu verirren oder zu verzetteln – ein Wort, das angesichts einer enormen Bibliothek, die ihm auch begegnet, durchaus wörtlich zu verstehen wäre.

Die Tafelrunde war von Beginn an als ein Erzählverbund gedacht. So versteht sie auch Gawain: „Ich sehe Legenden“, sagt er beim ersten Blick in die Runde. Legenden sind Geschichten mit unklarem Realitätsgehalt, aber mit einem frommen Begehr: Sie sollen Orientierung geben. „The Green Knight“ ist eine Legende für ein Zeitalter, in dem das Alte und das Neue nicht mehr zu unterscheiden sind und in dem zu der Krone, dem Insignium der heiligen Macht, kein Kopf mehr passt.

ANZEIGE
Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE