Regisseur Ridley Scott

Wenn zwei Männer um eine Frau kämpfen

Von Mariam Schaghaghi
10.10.2021
, 08:41
 Matt Damon in Ridley Scotts Film „The Last Duel“.
Er mag keinen Urlaub, aber sein Weingut im Vaucluse. Jetzt stellt Ridley Scott seinen Film „The Last Duel“ mit Matt Damon, Ben Affleck und Jodie Comer vor. Ein Gespräch über sein Leben, rastloses Arbeiten und die Perspektive von Frauen.
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Er ist einer der großen Regisseure der letzten Jahrzehnte. Er hat „Alien“ inszeniert, „Thelma and Louise“, „Blade Runner“ und „Gladiator“. Auch mit 83 Jahren ist Ridley Scott noch Perfektionist und sehr produktiv dazu. „The Last Duel“ ist sein neuester Film, ein Drama mit Matt Damon, Ben Affleck, Adam Driver und Jodie Comer, das im Mittelalter spielt. Der Film setzt sich auf ungewöhnliche Weise mit den alten Themen Schuld, Ursache und Wahrheit auseinander, indem er ein Geschehnis aus den jeweiligen Perspektiven seiner Akteure erzählt. Beim Zoom-Interview sitzt Sir Ridley, den die Queen 2003 adelte, im Garten des Hotel „Cipriani“ in Venedig, einen Espresso vor sich, die Lagunenstadt hinter sich als Kulisse.

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„The Last Duel“ ist schon deswegen außergewöhnlich, weil er eine komplexe Geschichte aus drei Perspektiven erzählt, denen der drei Hauptfiguren. Was führte zu dieser Idee?

Ich erinnere mich noch genau an mein erstes Gespräch mit Matt Damon, als er mir diesen Film angeboten hat. Er hat mir kurz erklärt, worum es in der Story gehen soll. Ich war sofort von der Idee begeistert, die Ereignisse, die zu dem Duell führen, aus drei Perspektiven zu zeigen. Kurosawas Klassiker „Rashomon“ war definitiv eine Inspirationsquelle für diesen Film, für Matt und mich, schon beim ersten Treffen haben wir über „Ra­shomon“ gesprochen. Die interessanteste der drei Perspektiven ist definitiv die dritte, die der entehrten Marguérite, dann die Perspektive ihres Mannes, der glaubt, sie habe ihn betrogen, und natürlich auch die Sicht des Mannes, der sich keiner Schuld bewusst ist.

Bloß nicht zu viel Urlaub: Regisseur Ridley Scott.
Bloß nicht zu viel Urlaub: Regisseur Ridley Scott. Bild: AFP

Außergewöhnlich ist, dass Matt Damon und Ben Affleck nicht nur die Drehbuchautoren sind, sondern auch die Hauptfiguren spielen. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Erst mal darin, dass ich Matt Damon und Ben Affleck nicht gecastet habe, sondern sie mich. Die beiden haben mich als Regisseur für ihr Drehbuch ausgesucht. Ich bin sehr respektvoll mit ihrem Skript umgegangen, weil es so außergewöhnlich gut geschrieben war. Das hat mir die Arbeit also deutlich erleichtert. Der Schlüssel zu einem guten Film ist, genau zu wissen, was man will. Wenn das Drehbuch diese Präzision hat, dann muss man es einfach nur noch umsetzen. Man kommt in Teufels Küche, wenn man mitten in den Dreharbeiten anfängt, verschiedene Sachen auszuprobieren, in der Hoffnung, dass am Ende schon irgendetwas Brauchbares herauskommt. Nein, man braucht eine klare Vision, nach der man sich so präzise wie möglich richten kann.

Viele Ihrer Filme spielen in der fernen Vergangenheit oder der Zukunft. Wie entwickeln Sie Stoffe, die so weit von unserer Realität entfernt sind?

Mir macht es Spaß, eine komplette Welt zu erfinden, in der eine Geschichte spielen soll. Dafür muss ich mich gar nicht zu eng an historische Vorgaben halten. Viel wichtiger ist, ein Gefühl für den Kontext der Story zu finden. Meine beste Investition für diesen Beruf war das Studium an einer fantastischen Kunsthochschule – auf eine Filmschule bin ich nie gegangen. Aber mein Kunstverständnis ist so breit, dass ich mich nur kurz mit einem Stoff beschäftigen muss, um zu wissen, wie die Ästhetik des Films aussehen sollte – oft reichen mir ein paar Bilder. Wobei ich auch das beste Team der Welt habe. Meine Produktionen werden von einem der besten Designer im Showgeschäft umgesetzt. Außerdem sind meine Kostümdesigner und Kameraleute Weltklasse. Mein Job ist also relativ einfach, ich lasse die Experten die Arbeit machen und trinke währenddessen in der Ecke meinen Kaffee.

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Finden Sie es nicht wichtig, dass historische Stoffe auch so korrekt wie möglich dargestellt werden? Ist Ihr Regiestil wichtiger als historische Akribie?

Die große Frage ist doch, wie korrekt unsere aktuelle Vorstellung von der Geschichte ist! Historische Berichte wurden im Laufe der Zeit immer wieder übersetzt, weitergetragen und damit auch verfälscht. Es wäre verrückt anzunehmen, dass alles, was wir jetzt über die Vergangenheit lesen, genau so passiert ist. Ich versuche, so viele Perspektiven wie möglich über eine bestimmte Ära zu sammeln, und dann füge ich die Stücke zu meiner eigenen Vision dessen, was passiert sein könnte, zusammen. Natürlich weiß man ziemlich genau, wie damals die Kleider, Pferde, Gebäude ausgesehen haben. Daran halten wir uns penibel, wenn die historischen Vorgaben sehr eindeutig sind. Die Änderungen beschränken sich auf Details: Beim Duell selbst habe ich die Visiere der Helme etwas breiter aufschneiden lassen, damit die Schauspieler sich besser bewegen können – und ich erkennen kann, was Matt Damon oder Adam Driver da gerade tun, und sie auch etwas sehen. Praktikabilität geht dann vor.

Sie sind bekannt für Ihre hohe Effizienz bei Dreharbeiten, Sie drehen daher auch gerne mit mehreren Kameras gleichzeitig. Hat dieses Tempo nur wirtschaftliche Gründe? Oder sind Sie ungeduldig?

Wissen Sie, nach ungefähr zehn Jahren als Regisseur habe ich gemerkt, dass Schauspieler gar keine Lust haben, 38 Versionen der gleichen Szenen zu drehen. Auch die eitelsten sind nach maximal fünf, sechs Versionen zufrieden. Meist sind die besten Takes die ersten beiden, das sind bei mir die, die fast immer im fertigen Film landen. Ich habe auch gelernt, dass Schauspieler selbst am besten beurteilen können, wie gut sie waren. Ich frage sie also nach einer Szene, ob sie zufrieden waren. Wenn die Schauspieler ein gutes Gefühl haben, dann reicht mir das, und wir machen weiter.

Jodie Comer als Marguerite de Carrouges in „The Last Duel“.
Jodie Comer als Marguerite de Carrouges in „The Last Duel“. Bild: AP

Adam Driver spielt nicht nur eine Hauptrolle, sondern auch in Ihrem nächsten Film „House of Gucci“. Marguérite-Darstellerin Jodie Comer wird auch in Ihrem Napoleon-Film zu sehen sein. Woran liegt es, ob Schauspieler zu Favoriten werden?

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Ein Casting ist immer ein sehr intuitiver Prozess. Nachdem ich für die Regie zugesagt hatte, ging es darum, die anderen Rollen so gut wie möglich zu besetzen. Meistens will ich bei Castings gar nicht über den Film sprechen, viel wichtiger ist mir, das Wesen des Schauspielers oder der Schauspielerin kennenzulernen. Ich will wissen, wie kreativ sie mit dem Stoff umgehen. Einfach nur ein paar Szenen aus dem Drehbuch mit ihnen durchzusprechen bringt mich da nicht weiter. Ich muss ihrer Intuition für eine Rolle vertrauen können, ich muss wissen, dass sie aus einer Figur mehr rausholen können als nur die Dialoge, die im Drehbuch stehen.

Derzeit wird Ihre Branche noch immer vom Duell zwischen Kinos und Streaming-Anbietern geprägt. „The Last Duel“ wird im Kino gezeigt werden, viele andere Filme werden sofort online ausgewertet. Wo stehen Sie in dieser Debatte?

Man muss immer individuell entscheiden, was das Beste für den jeweiligen Film ist. Die Art der Veröffentlichung muss zu dem Projekt passen. Manchmal ist Kino am sinnvollsten, manchmal ist es von Vorteil, ein Projekt gleich möglichst breit online zugänglich zu machen. Wichtig ist, dass man Filme, die von der großen Leinwand leben, auch im Kino zeigt. Ein Film von epischem Ausmaß braucht den Ton und die Leinwandgröße eines anständigen Kinosaals. Erst dann kann er die volle Kraft entwickeln. Kinos sollten uns nicht verloren gehen, wir brauchen sie für bestimmte Filme, die von dieser ganz besonderen Atmosphäre leben.

Sie sind unglaublich produktiv, präsentieren in diesem Herbst zwei Filme. Woher nehmen Sie Ihre Motivation? Mit fast 84 Jahren sind Dreharbeiten ja sicher auch physisch strapaziös.

Darüber denke ich gar nicht nach. Wenn ich mit einem Projekt fertig bin, mache ich einfach mit dem nächsten weiter. Mein Beruf ist für mich keine Arbeit, sondern Leidenschaft. Ich arbeite auch immer an zwei Themen gleichzeitig.

Wie genau hat man sich das vorzustellen?

Zum Beispiel beginnen im Januar die Dreharbeiten zu meinem Film über Napoleon, parallel schreibe ich am Skript für den zweiten Teil von „Gladiator“, damit wir Ende nächsten Jahres drehen können. Wir haben immer einen Vorlauf von 18 Monaten, sonst entstehen zwischen zwei Filmen immer diese grässlichen Lücken, bei denen ich nicht weiß, was ich mit mir anfangen soll.

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Wenn Sie von diesen „grässlichen Lücken“ sprechen, meinen Sie vielleicht das, was wir als Privatleben oder gar Urlaub bezeichnen würden?

Meine Frau macht gerne Urlaub, sie besucht dann meist ihre Schwestern in Costa Rica – und ich bin heilfroh, dass ich da nicht mitmuss. Sie mag das Meer, aber ich kann damit nichts anfangen. Wenn ich zur Ruhe kommen will, dann male ich. Außerdem besitze ich seit 27 Jahren ein Weingut im Vaucluse, um das ich mich sehr gerne kümmere. Keine Sorge, hin und wieder springe ich auch in den Pool und gönne mir einen Drink. Mehr Urlaub brauche ich nicht.

Planen Sie nach „Gladiator 2“ auch eine weitere Fortsetzung von „Alien“?

Ich beschäftige mich gedanklich viel mit „Alien“. Ich habe ja mit „Prometheus“ eine Vorgeschichte erzählt, allerdings blieb ich dem Publikum das Monster schuldig. Der Film lief ganz gut, meinte das Studio, aber nicht großartig. Ich fand 450 Millionen Dollar Einnahmen schon großartig . . . Egal, das Studio meinte, es hätte das ganze Geld doch nicht ausgegeben, um dann kein Monster zu bekommen. Also drehte ich „Alien: Covenant“ und holte das Monster zurück.

Es gibt immer mehr Geschichten, die aus der Perspektive von Frauen erzählen. Glauben Sie, dass die Filmindustrie jetzt Fehler der Vergangenheit wiedergutmachen will?

Ich kann hier nicht für die ganze Branche sprechen, aber für mich ging es bei „The Last Duel“ nicht darum, irgendeinen Zeitgeist zu treffen, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen, die mir wichtig erschien. Ich freue mich immer, wenn Filme Metaphern für die großen Fragen unserer Zeit bieten und zu inter­essanten Diskursen führen. Ob es funktioniert, weiß man immer erst hinterher. Deshalb vertraue ich lieber auf mein Gefühl, nicht auf die Kompatibilität mit aktuellen Entwicklungen der Gesellschaft.

The Last Duel läuft ab Donnerstag im Kino.

„The Last Duel“: ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.S.
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