Herbert Fritsch wird 70

Hamlet im Labor

Von Hubert Spiegel
20.01.2021
, 15:13
Choreographien des freien Falls: Als Schauspieler, Regisseur, Filme- und Projektemacher, Installations- und Medienkünstler hat Herbert Fritsch seine Methode perfektioniert. Jetzt wird die Zentrifugalkraft unter den Theaterkünstlern siebzig Jahre alt.

In einem Gespräch mit dem Theaterkritiker Peter Kümmel hat Herbert Fritsch einmal einen Satz gesagt, der in dem Zusammenhang, in dem er fiel, nicht besonders philosophisch-programmatisch klang, sondern eher ganz konkret und sehr pragmatisch: „Man muss den Sturz wollen“.

Fritsch bezog sich auf eine Inszenierung von „Yvonne, die Burgunderprinzessin“ am Hamburger Schauspielhaus, in der er eine Nummer mit einem Bungeeseil versemmelte, weil sich etwas in ihm gegen den Sturz gesperrt hatte. Dabei steht wohl kein anderer Theaterkünstler so sehr für die Lust an den Choreographien des freien Falls wie Herbert Fritsch. Als Schauspieler, Regisseur, Filme- und Projektemacher, Installations- und Medienkünstler hat er in zahlreichen Anläufen und Absprüngen seine Methode perfektioniert: denkspielend kopfüber voran, manchmal sogar in alle Richtungen zugleich.

Ein Spiellustentfessler

Fritsch interessiert sich nicht besonders für Grenzen, schon gar nicht, wenn es sich dabei um Genregrenzen handelt. Anders gesagt: Nichts ist vor ihm sicher. Nur um die deutsche Klassik hat er bislang einen Bogen gemacht. Von Shakespeare und Molière reicht die Bandbreite seiner Inszenierungen über Labiche, Gogol und Ibsen bis zu Beckett, Brecht und Schwänken wie „Die (s)panische Fliege“ des Autorenduos Arnold und Bach. Als Schauspieler, der mit Gotscheff, Schlingensief, Robert Wilson, vor allem aber mit Castorf gearbeitet hat, war er oft ein Verausgabungskünstler, als Regisseur ist er ein Feuerwerker und Spiellustentfessler. Seine Bühnenbilder lassen zuweilen an Verner Panton und andere Vertreter der Pop Art denken, in „Murmel Murmel“, einem genialischen Abend nach Dieter Roth, bei dem elf Schauspieler das Wort „Murmel“ variieren, erweckten manche Tableaus den Eindruck, als habe sie Andy Warhol im Tiefenrausch nach einer U-Bootfahrt mit Heinz Edelmanns „Yellow Submarine“ entworfen.

Fritsch hat keinen Stil, sondern Stile. Sein Eklektizismus ist ironisch, wird aber ganz ernst, wenn es darum geht, zu zeigen, dass unter einer Oberfläche noch ganz andere Oberflächen stecken, die womöglich aus anderen Zeiten stammen und deshalb in anderen Farben schillern.

Mythos in der Wohnküche

Gegen den „Hamlet“ sind schon viele Regisseure angerannt, aber so gründlich in Einzelteile zerlegt wie Herbert Fritsch hat ihn wohl kein anderer. Aus 111 Splittern (und weiteren 111 Referenz-Splittern) soll am Ende das Projekt „Hamlet-X“ bestehen, das Fritsch seit zwei Jahrzehnten verfolgt: eine intermediale Unternehmung, die „den Mythos aus der Perspektive moderner Alltagskultur“ ergründen will.

Eine Wohnküche als Hamlet-Labor, in dem bislang 55 Kurzfilme entstanden sind, unter Beteiligung von vielen großartigen Schauspielern wie Susanne Lothar, Jürgen Holz, Milan Peschel, Hermann Lause, Ilse Ritter, Corinna Harfouch. An diesem Mittwoch wird Herbert Fritsch, die Zentrifugalkraft unter den Regisseuren, siebzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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