„Thor – Love and Thunder“

Natalie Portman schwingt jetzt den Hammer

Von Maria Wiesner
06.07.2022
, 06:53
Zwei Mal Thor: Natalie Portman und Chris Hemsworth
Video
Hommage ans Actionkino der Achtziger: Der vierte Teil von Marvels „Thor“-Kinoreihe fragt, ob man den nordischen Comic-Gott nicht eigentlich als Rockopernmotiv lesen müsste.
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Wikinger, so erzählen es Legenden, liebten ihre Waffen so sehr, dass sie ihnen Namen und damit magische Macht verliehen. Wäre es da nicht konsequent, fragt der neuseeländische Regisseur Taika Waititi nun im vierten Teil der „Thor“-Reihe, wenn nordische Gottheiten auch mit ihren Waffen reden würden, ja diese gar eine eigenständige Persönlichkeit besitzen könnten? In „Thor – Love and Thunder“ kehrt der Donnergott Thor (Chris Hemsworth) nach längeren Irrflügen zur Erde zurück, nur um festzustellen, dass seine Ex-Freundin, die Wissenschaftlerin Jane Foster (Natalie Portman), die Einzelteile seines zerstörten Hammers Mjölnir wieder zusammensetzen konnte und sich, weil sie kosmische Geheimnisse kennt, obendrein als würdig erwies, die Waffe auch benutzen zu können. Während Thor die zerrissenen Bande mit Foster repariert, erliegt er ein ums andere Mal der Versuchung, im doppelten Liebeswerben auch seinen früheren Hammer zu umschmeicheln. Und immer wenn er das tut, schleicht sich seine neue mächtige Streitaxt wie die eifersüchtige Freundin ins Bild.

Dass diese Konstellation so komisch wie absurd ist, liegt an Taika Waititi, dem anscheinend zehn solcher Ideen pro Minute durchs Hirn spuken, was erklärt, warum er Drehbücher gern als grobe Richtlinien betrachtet und am Set lieber auf Improvisation setzt. Schon in seiner ersten Regiearbeit für Marvel 2017 bewies er mit „Thor – Tag der Entscheidung“, dass man als Künstler für einen der weltweit größten Unterhaltungskonzerne arbeiten und trotzdem seine Inte­grität und eigene Stimme bewahren kann.

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So versuchte Waititi gar nicht erst, den heiligen Ernst zu imitieren, in den der Regie- und Schauspielkollege Kenneth Branagh den ersten Kinoauftritt Thors 2011 auf die Leinwand kleidete. Die Stärke des Neuseeländers Waititi liegt vielmehr darin, einen Stoff zugleich zu respektieren und ihn mit dem größtmöglichen Spaß neu zu interpretieren. (In seinem Debüt „Fünf Zimmer Küche Sarg“ fragt er im Dokumentarstil, wie Vampire wohl in einer Wohngemeinschaft miteinander auskommen würden, wenn alles, was Bram Stoker uns über Dracula erzählt hat, wahr wäre.)

Spagat wie Jean-Claude Van Damme

Den neuesten „Thor“-Film legt er als Hommage an die Achtziger an und ergründet dabei die Frage, ob man den nordischen Comic-Gott nicht eigentlich als Rockopernmotiv lesen müsste. Die erste Schlacht des Films schlägt Thor an der Seite der „Guardians of the Galaxy“, während Guns N’ Roses „Welcome To The Jungle“ jaulen. Die Kampfchoreographie verbeugt sich vor den Actionhelden jener Jahre: Hemsworth hält zwei feindliche Wüstengleiter mit einem Spagat im Stil Jean-Claude Van Dammes auf, andere Angreifer kickt er vom Feld, indem er seine Beine so hoch reckt, wie Chuck Norris das in Bestform tat. Das alles ist aber nur Vorspiel für die Neudeutung der Formel „The Mighty Thor“. Waititi hat dafür Natalie Portman zurück ins Comic-Verfilmungsgeschäft geholt. Die hatte bereits 2011 die Wissenschaftlerin Jane Foster gespielt, der Thor statt einer Liebeserklärung zuflüsterte, sie sei die schlaueste Person in ihrem Reich. Dann fehlte Portman fast zehn Jahre im Marvel-Kino-Universum. Wo ihre Figur für die Handlung wichtig war, nutzte man unveröffentlichtes Archivmaterial. Nun machte Waititi ihr ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte: Sie sollte selbst zur Superheldin werden.

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Trailer
„Thor: Love and Thunder“
Video: Marvel Deutschland, Bild: AP

Dass diese Schauspielerin vor allem Figuren reizen, die sie auch körperlich herausfordern, weiß man seit ihrer Performance als irre Primaballerina in Darren Aronofskys „Black Swan“ (2010). Hatte sie sich für diese Rolle damals so dünn und klein wie möglich machen müssen, galt es diesmal, deutlich an Masse zuzulegen. Wenn aus der schmächtigen Wissenschaftlerin mithilfe des mystischen Hammers Mjölnir die muskelbepackte „Mighty Thor“ wird, nimmt sie den doppelten Platz ein. Wider wilde Internet-Spekulationen, die nach den ersten Fotos vom Drehort Portmans stark definierte Oberarme als digitale Nachbearbeitung abtaten, hat sie hier einfach getan, was für ihre männlichen Kollegen in solchen Filmen schon lange normal ist: zehn Monate intensives Krafttraining absolviert. Nur an ihrer Größe konnte sie nichts ändern. Um sie dennoch mit Hemsworth auf Augenhöhe zu bekommen, griff Waititi auf einen alten Studiotrick zurück. So wie man Humphrey Bogart beim Dreh zu „Casablanca“ Einlagen verpasste, damit er die 1,75 Meter große Ingrid Bergman fast um einen Kopf überragte, ließ man hier für Portman ein Podest bauen. Die Balance zwischen der Rettung der Welt und der Reparatur ihrer Beziehung hält sie auch auf dieser Vorrichtung ohne sichtbare Mühe.

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Spaß beim laienhaften Nachstellen der ersten drei Teile

Portman ist nicht der einzige Hochkaräter dieser Fortsetzung. Waititi scheint beim Casting seine Hollywood-Wunschliste eingereicht zu haben. So gibt ein bis zur Unkenntlichkeit von Hass verzehrter Christian Bale den göttermordenden Gegenspieler. Russell Crowe umgürtete seine Corona-Kilos mit goldener Kurz­tunika und wirft als griechischer Gottvater Zeus Blitze. Tessa Thompson reitet auf ihrem fliegenden Pferd abermals als Valkyrie in die Schlacht.

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Und Matt Damon, Luke Hemsworth und Melissa McCarthy haben Spaß beim laienhaften Nachstellen der ersten drei „Thor“-Teile. „So kann es ewig weitergehen“ ist manchmal ein Fluch der von einer Serie Genervten, manchmal ein Lob, in diesem Fall aber einfach eine sachlich korrekte und dabei gut unterhaltene Feststellung.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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