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„Hinterland" im Kino

Seele als expressionistische Landschaft

Von Maria Wiesner
07.10.2021
, 12:11
Spazieren in schräger Kulisse: Peter Perg (Murathan Muslu) und Dr. Theresa Körner (Liv Lisa Fries) Bild: SquareOne Entertainment
Der Thriller „Hinterland“ schickt einen vom Krieg traumatisierten Ermittler ins Wien der Zwanzigerjahre. Regisseur Stefan Ruzowitzky versucht ein mutiges Stil-Experiment.
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Filmemacher außerhalb einer überschaubaren Szene wagen sich selten an strenge formale Experimente, und so sprengt der Thriller „Hinterland“ von Stefan Ruzowitzky gleich mit den ersten Bildern die Kino-Sehgewohnheiten. Männer haben sich im Laderaum eines Schiffes versammelt, weil einer von ihnen stirbt. Die Mäntel, die sie tragen, sind ihnen vom Hungern zu groß geworden. Sie haben den Ersten Weltkrieg überlebt, doch er hat seine Spuren hinterlassen. Als sie den Toten an Deck tragen wollen, scheinen sich ihnen die Planken entgegenzustemmen. Was als leichte Irritation beginnt – steht die Kamera schräg? Soll das Schiff wie eine Theaterbühne wirken? –, stellt sich spätestens bei der Ankunft der Männer in Wien als visuelles Konzept heraus. Gebäudelinien widerstreben der Physik, biegen sich wie zackige Kubismus-Albträume über Straßenzüge. Kurzum, die Welt der Kriegsheimkehrer ist ins Wanken geraten, sie erkennen ihre alte Heimat nicht mehr wieder, und es ist nicht einmal sicher, ob sie sich selbst wiedererkennen.

Einer von ihnen war früher Kriminalinspektor und muss nun feststellen, dass seine Frau mit der Tochter die Stadt und vermutlich auch ihn verlassen hat. Der österreichische Schauspieler Murathan Muslu spielt diesen ehemaligen Polizisten mit dem Namen Peter Perg mit der angespannten Selbstbeherrschung eines Mannes, der zu viel gesehen hat und das meiste davon vergessen will. Natürlich wird daraus nichts, denn schon bald wird Perg in den Dienst zurückgerufen: Ein irrer Serienmörder geht in der Stadt um, und Perg kennt die meisten seiner Opfer.

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Rückgriff auf das expressionistische Kino der Zwanzigerjahre

„Hinterland“ hätte leicht ein müder Abklatsch der Zwanzigerjahre-Serie „Babylon Berlin“ werden können, wäre da nicht das visuelle Konzept, das Regisseur Ruzowitzky konsequent durchhält. Die Welt, die er hier er­schafft, ist stark geprägt vom expressionistischen Kino der Zwanzigerjahre. Für einen kurzen Zeitraum versuchten damals Filme wie Robert Wienes „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) oder Friedrich Wilhelm Murnaus Vampir-Horror „Nosferatu“ (1922) das Grauen, das ihre Figuren umtreibt, auch in der Gestaltung der Umgebung zu zeigen.

So erzählt im „Cabinet des Dr. Caligari“ der junge Francis in Rückblenden von der Desintegration, die ihn in eine Irrenanstalt brachte. Sein Wahn zeigt sich in surrealen Bildern: Wände kippen mal in die eine, mal in die andere Richtung, Straßen laufen zu spitzen Schluchten zusammen, Laternen hängen entgegen jeder Schwerkraft schräg am Pfahl. Die Verwirrung des Geistes findet sich in der Verwirrung der Raumlinien wieder. Oder wie der Filmtheoretiker Siegfried Kracauer schrieb: „Caligari zeigt die Seele am Werk.“ Alfred Hitchcock sollte diesen Trick später in seinen Filmen sparsam verwenden, etwa wenn er psychoanalytische Traumsequenzen in „Ich kämpfe um Dich“ (1945) von Salvador Dalí malen ließ.

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Der Krieg zerstörte das Männerbild

Ruzowitzky kehrt nun zurück zu den expressionistischen Ursprüngen. Er zeigt Wien aus der Sicht der versehrten Männer, die nach dem Krieg körperlich oder geistig traumatisiert waren. Dabei verbeugt er sich vor den Vorbildern. Wenn Pergs Albtraum vom Schlachtfeld nachts plötzlich als Schatten an der Schlafzimmerwand lebendig wird, erinnert das nicht zufällig an Murnaus Vampir „Nosferatu“, der im gruseligsten Schattenspiel der Filmgeschichte eine Treppe hinaufschleicht. Hatte sich Wiene vor hundert Jahren noch die Bilder des Malers Lyonel Feininger zur Vorlage seiner Kulissengestaltung genommen, so erinnern die Großstadtlabyrinthe, in die Ruzowitzky seinen Ermittler Perg schickt, eher an das grelle Triptychon von Otto Dix, auf dem die mondäne Abendgesellschaft zu Jazz tanzt, während Kriegskrüppel von Dirnen verlacht werden.

Nicht nur im Innern der Kriegsheimkehrer sieht es wüst aus: Das Wien in „Hinterland“ ist im Stil des expressionistischen Kinos gestaltet. Bild: SquareOne Entertainment

Das Männerbild, das so versehrt wie die Männerkörper aus dem Krieg heimkehrte, ist auch in „Hinterland“ das bestimmende Thema. Dass junge, kluge Menschen, die für „Ehre“ und „Kaiser“ in die Schlacht gezogen sind, nun in der Republik verloren wirken, liegt an der neuen Zeit, die schneller in der Stadt ankam, als sie aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurden. So ermitteln in Pergs alter Einheit nun die junge Gerichtsmedizinerin Theresa Körner (Babylon-Berlin-Star Liv Lisa Fries) und der Junior-Kommissar Paul Severin (Max von der Groeben). Körner hat den Job bekommen, da alle Männer, die ihn hätten ausführen können, im Krieg waren – dass sie ihn auch wegen ihrer Kompetenz hat, betont der Film gleich mit, ist Körner zwischen all den Männern am Rande des Nervenzusammenbruchs doch die Stimme der Vernunft, die sich allein auf ihre medizinische Kompetenz und wissenschaftliche Methoden beruft. Severin hingegen hat sich aus der Arbeiterklasse hochgearbeitet und bringt seine eigenen politischen Ansichten mit („Verbrechen ist eine Frage, die gelöst wird, wenn die Frage der Armut gelöst wird“).

Muslu spielt seinen traumatisierten Ermittler Perg als Hommage an die Helden der Vierzigerjahre, das Gesicht voll stoischer Ruhe, jede angespannte Faser erzählt jedoch vom Brodeln unter der Oberfläche. Von der Groeben und Fries konterkarieren das durch kleine moderne Ausreißer in ihrem Spiel, etwa wenn ein gescheiterter Plan mit Augenrollen und einem entnervten „Argh“ kommentiert wird. Es ist dem Talent der drei Hauptdarsteller zu verdanken, dass dieser komplett vor Blue-Screen entstandene Film funktioniert, denn beim Dreh mussten sie mitunter mit weniger Kulisse arbeiten, als das selbst beim minimalistischsten Theaterstück der Fall ist. So ist „Hinterland“ ein mutiges Formexperiment, in dessen Sog man anders wahrnehmen lernt, wenn man sich darauf einlässt.

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Quelle: F.A.Z.
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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