Cannes-Siegerfilm „Titane“

Jede echte Begegnung von Leib und Seele ist ein Verkehrsunfall

Von Andrea Diener
08.10.2021
, 15:02
Auto-Erotik: Das ist nur das Vorspiel zu einer heißen Nacht mit dem Cadillac.
Mit der Körper-Horror-Groteske „Titane“ hat die Regisseurin Julia Ducournau den Hauptpreis beim diesjährigen Festival von Cannes gewonnen. Jetzt kommt der Film in deutsche Kinos.
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Schon bevor Alexia die Titanplatte in den Kopf gepflanzt bekommt, ist sie kein besonders nettes Mädchen. Die ersten Minuten des Films verbringt sie damit, uns und ihrem Vater so gehörig auf die Nerven zu gehen, dass er einen Unfall baut, was Alexias Schädelplatte nachhaltig beschädigt. Sie wächst zu einer jungen Frau heran, die autosexuelle Neigungen hat, also wirklich zu Karosserien und Verbrennungsmotoren, und auch sonst eher seltsam ist. Sie neigt beispielsweise dazu, Menschen, die ihr querkommen, zu ermorden.

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Weil die Polizei ihr auf der Spur ist, gibt sie sich als der vermisste, inzwischen herangewachsene Sohn eines Feuerwehrhauptmanns aus und zieht bei ihm ein. Es kommt zu einer rührenden Vater-Sohn-Annäherung, die auch nicht daran zerbricht, dass dem Vater allmählich dämmert, dass es sich bei dem Menschen, der bei ihm eingezogen ist, nicht um den vermissten Adrien handelt.

Motoröl aus Körperöffnungen

Das alles hätte man straight und realistisch erzählen können, das genau aber macht die französische Regisseurin Julia Ducournau in ihrem Cannes-Siegerfilm „Titane“ nicht. Sie inszeniert die Gurtbondage-Sexszene zwischen Alexia, der Automessentänzerin, und dem feschen Ausstellungs-Cadillac wie ein grelles Musikvideo aus guten alten MTV-„Pimp my Ride“-Zeiten. Die Annäherung zwischen Mensch und Maschine führt zu einer Schwangerschaft, die Gelegenheit gibt, den Ausfluss von Motoröl aus allen möglichen Körperöffnungen genüsslich zu inszenieren. Und auch sonst merkt man Ducournau ihre Begeisterung für Body Horror in allen Varianten an: Es wird in Großaufnahme genäht und gespritzt, Blech platzt aus Körperteilen, und spitze Gegenstände werden in Köpfe gerammt.

Das ist alles einigermaßen verstörend, aber der Film nimmt bei allen Schockeffekten seine Figur und seine Geschichte ernst, der ganze schöne Splatter passiert nicht um seiner selbst willen. Deswegen ist es gut, dass das eine Regisseurin inszeniert hat, die ein Gespür hat für Situationen, die Frauen unangenehm sind. Von den unflätigen Pöbeleien Heranwachsender im Bus bis zum hartnäckigen Verehrer, der Alexia im Dunkeln hinterherläuft und nicht begreift, wie bedrohlich er wirkt.

Und schließlich diese ganze Fruchtbarkeitssache, die einem so ein Körper zumutet. Auch identifikatorisch anschlussfähige Situationen bietet der Film: Es ist wirklich wahnsinnig lästig, wenn man nach dem Mord die Zeugen beseitigen will, und in dieser WG wohnen einfach unüberschaubar viele Menschen. Es entlastet auch ein preisgekröntes feministisches Horror-Splatterdrama sehr, wenn im größten Gemetzel ein Funken Humor aufscheint.

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Normalerweise würde man so etwas als Ermächtigungsgeschichte inszenieren: einer Frau wird es zu viel, dann greift sie zur Waffe. Hier ist es genau umgekehrt. Diese Alexia, gespielt von Agathe Rousselle, findet erst als Sohn Adrien inmitten dieser männerdominierten, virilen Feuerwehrwelt in eine Geborgenheit hinein, die sie von dem ganzen Mordenmüssen erlöst.

Feuerwehrmann Vincent (Vincent Lindon) findet in ihm beziehungsweise ihr genau das, was ihm gefehlt hat. Auch wenn dieses junge Wesen von einem dahergefahrenen Cadillac schwanger ist und irgendwann etwas auf die Welt bringen wird, was man gar nicht so genau wissen will. Vielleicht kann man es trotzdem lieben, und vielleicht hilft diese Liebe gegen alles.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Diener, Andrea
Andrea Diener
Redakteurin im Feuilleton.
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