„Top Gun: Maverick“ im Kino

Immer voll drauf

Von Peter Körte
23.05.2022
, 12:22
Immerhin fliegt er mit Helm, beim Motorradfahren lässt er ihn lieber weg: Tom Cruise in „Top Gun: Maverick“, der von Donnerstag an im Kino zu sehen ist.
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Natürlich ist das Kitsch, es ist maßlos und fern jeder Realität: Tom Cruise fliegt wieder in „Top Gun: Maverick“. Wer sich diesen Pathosformeln des Kinos entziehen kann, der hat das Hollywood-Kino vermutlich nie ganz verstanden.
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Wenn nicht allzu weit östlich der Bundesrepublik Krieg herrscht, wenn Kampfjets aufsteigen und Luftangriffe geflogen werden, dann ist das Sequel zu „Top Gun“, dem legendären Blockbuster des Sommers 1986, nicht unbedingt der Film der Stunde, auf den man gewartet hätte. Heroismus und patriotische Hingabe, die Selbstverständlichkeit von Krieg und Bomben produzieren einen seltsamen Effekt, weil die fast klinisch-technische Darstellung auf der Leinwand so gar nicht passt zu den Bildern der Zerstörung und Verwüstung aus der Ukraine.

Dieses Timing ist „Top Gun: Maverick“ nun nicht anzulasten. Der Kinostart musste sechsmal verschoben werden wegen der Pandemie. Der Film wird diesmal auch nicht dazu führen, dass massenhaft Lammfelljacken und Ray-Ban-Sonnenbrillen verkauft werden. Es ist nicht bekannt, dass die Navy wie damals in amerikanischen Kinofoyers Stände aufbauen wird, um die enorme Zahl freiwilliger Bewerber zu versorgen. Aber das Verteidigungsministerium ist immer noch ein Player. Es hat das Drehbuch abgesegnet, den Zugang zu militärischen Anlagen und Flugzeugen ermöglicht, es hat, wie ein Studiochef, auch den Rohschnitt abgenommen und für die Premiere den alten Flugzeugträger USS Midway zur Verfügung gestellt.

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Das ist der Deal, diese Kooperation hat es dem Produzenten Jerry Bruckheimer und seinem Star Tom Cruise erlaubt, ein Budget von 150 Millionen Dollar aufzubringen. Bruckheimer und sein Partner Don Simpson, der ein hochtouriges Achtzigerjahre-Produzentenleben führte und 1996 mit 20 verschiedenen Drogen im Körper tot aufgefunden wurde, hatten in den Achtzigern Ernst mit „High Concept“ gemacht – ein Begriff, der die gewohnte Semantik auf den Kopf stellt. Er bezeichnet simpelste Storys, die sich in weniger als 25 Wörtern resümieren oder allein schon durch den Titel vermarkten lassen. Wie „Flashdance“, „Beverly Hills Cop“ oder „Top Gun“ halt. Simpson/Bruckheimer verdienten nicht nur sehr viel Geld damit, sondern definierten auch das Blockbuster-Kino neu.

© ParamountPicturesGER

„Top Gun“ hat die anderen bekannten Filme des Jahres 1986 wie zum Beispiel „Platoon“, „Die Farbe des Geldes“, „Stand by Me“, „Crocodile Dundee“ oder „Aliens – Die Rückkehr“ mühelos überlebt. Weil er robuster ist, schlichter, so durchschlagskräftig und unaufhaltsam wie ein Geschoss. Subtilität ist nichts, was einen Blockbuster zum Blockbuster machte. Es erwartet auch jetzt niemand von „Top Gun: Maverick“, dass sich hier Charaktere entwickeln. Man erfährt einfach sehr wenig über alle, denn alles dreht sich um Cruises Pete „Maverick“ Mitchell.

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Der zentrale Konflikt verbindet die Handlung mit dem Vorgängerfilm. Rooster (Miles Teller) ist der Sohn von Mavericks Freund und Flugpartner ­Goose, an dessen Tod Maverick sich die Schuld gab (und noch immer gibt). Rooster ist auch einer der Piloten, die Maverick für eine extrem gefährliche Mission ausbilden soll. Aber auch diese Variante des Vater-Sohn-Konflikts ist eher generisch als spezifisch, selbst wenn Rooster sich ans Klavier setzt, „Great Balls of Fire“ spielt, Maverick mit waidwundem Blick zuhört und eine Rückblende dann die Szene aus dem alten Film zeigt, in dem Goose dasselbe Lied spielt.

Rituale, die eine Institution zusammenhalten

Joseph Kosinskis Inszenierung, man kann es nicht anders sagen, hält immer voll drauf. Nicht nur in der Luft. In jedem Blick, den Maverick und Penny (Jennifer Connelly) wechseln, seine alte Liebe, die die Fliegerkneipe führt; in der Ouvertüre auf einem Flugzeugträger, in der exzessiven Gegenlicht-Sonnenuntergangs-Ästhetik, in den Momenten vor dem großen Einsatz. Der Sound vibriert, Hans Zimmers Score schwillt orchestral an, dass man glaubt, er müsse gleich platzen. Der Rhythmus der Montage hat etwas Atemloses und zugleich Feierliches: die vom Ernst gehärteten Gesichter, die professionellen Gesten, die stählernen Jets – eine einzige akzelerierte Überhöhung. Wer sich diesen Pathosformeln des Kinos entziehen kann, der hat das Hollywood-Kino vermutlich nie ganz verstanden. Besser gesagt: Sie oder er ist immun gegen seine Sogwirkung, ungerührt von seinen Überwältigungsgesten. Natürlich ist das Kitsch, ja, es ist maßlos und fern jeder Realität. So irreal wie der gefährliche Einsatz, der einer Anlage für Urananreicherung in einem namenlosen Land gilt und bei dem der Feind anonym und gesichtslos bleibt. Aber hier ist das Kino, das bigger than life sein will, ganz bei sich.

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Leider ist im Sequel, das in vielen Sequenzen fast wie ein Remake wirkt, der Subtext getilgt, den Quentin Tarantino mal so schön herausgearbeitet hat. In seiner kleinen Rolle in dem Film „Sleep With Me“ (1994) doziert er über „Top Gun“ als Auseinandersetzung eines Mannes mit seiner Homosexualität. Davon ist jetzt nur ein bisschen „Bromance“ geblieben. Iceman, der Rivale von damals, ist Kommandeur geworden, er hat Maverick als Ausbilder geholt. „Ice“ leidet, wie sein Darsteller Val Kilmer, an Kehlkopfkrebs; die beiden begegnen einander noch mal brüderlich, bevor dem Iceman alle militärischen Ehren erwiesen werden. Sogar als jemand, der Zivildienst leistete, als „Top Gun“ in die Kinos kam, begreift man, wie diese Rituale eine Institution zusammenhalten.

In den Sonnenuntergang

Tarantino verehrt den alten Film übrigens so sehr, dass er sich in einem Podcast vehement gegen ein Sequel aussprach. Was er von der Neuauflage hält, ist (noch) nicht bekannt. Es wird ihm jedoch gefallen, wie wenig computergenerierte Bilder im Vergleich zu den gängigen Superhelden-Franchises der Film enthält. Man kann das gar nicht genug hervorheben. „Top Gun: Maverick“ ist auch der erwachsenere Film, was natürlich daran liegt, dass viele Zuschauer mit Tom Cruise seit 1986 erwachsen geworden oder schon ergraut sind. Für die Jüngeren, die den alten Film nicht kennen, für die Tom Cruise allenfalls ein Mann in mittleren Jahren ist, der einer obskuren Sekte angehört und hart an seiner ewigen Jugend arbeitet, wird immer noch genug geboten. Cruise stellt seinen beeindruckenden Fitnesszustand gebührend zur Schau, er fährt auch immer noch ohne Helm Motorrad, aber an seinem Alter kann er so wenig ändern wie an der Tatsache, dass er am 3. Juli und nicht einen Tag später, am US-Nationalfeiertag, 60 Jahre alt wird.

Man muss, mit welcher Einstellung auch immer, sich diesen Film anschauen. Er setzt noch immer einen Standard, was ein Blockbuster kann. Er hat nur nicht mehr die ideologische Wucht des Vorgängers – für die patriotischen Wallungen und imperialen Gesten der Reagan-Jahre gibt es kein Äquivalent. Er entwirft auch kein Bild von Männlichkeit, wie es Pauline Kael damals in ihrer Kritik maliziös beschrieb: „Der Film ist ein glänzendes homoerotisches Commercial: Die Piloten stolzieren durch den Umkleideraum, die Handtücher hängen gefährlich tief unter ihren Taillen. Es ist, als sei Männlichkeit durch einen halb bekleideten jungen Mann neu definiert worden und als sei es Narzissmus, was einen Krieger ausmacht.“

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Jetzt herrscht Abschiedsstimmung. Maverick reitet zwar nicht, aber er fliegt in den Sonnenuntergang, und Lady Gaga singt dazu „Hold My Hand“. Das passt zum Anfang, wenn Ed Harris als Admiral in einer kurzen Szene zu Maverick sagt: „Die Zukunft kommt, aber Sie sind nicht dabei.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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