„Transcendence“ im Kino

Die Möglichkeiten sind unendlich, nutze sie!

Von Stefan Schulz
23.04.2014
, 17:27
In „Transcendence“ baut Johnny Depp einen Supercomputer, der auch die letzte Bastion des Menschen für sich einnimmt: Emotion. Der Preis der technischen Errungenschaft ist hoch.

Eine der aufschlussreichen Szenen kommt in diesem Film gar nicht vor. Vergangenes Jahr wurden Johnny Depp und Paul Bettany einmal von der Polizei angehalten und in ein ernstes Gespräch über Sicherheit im Straßenverkehr verwickelt. Sie fuhren nicht nur zu schnell, sie saßen auch beide übereinander auf dem Beifahrersitz, damit noch Rebecca Hall und der Regisseur Wally Pfister hinten mitfahren konnten.

Die vier Hollywoodstars waren während der Dreharbeiten zu „Transcendence“ auf einer Spritztour. Auch ihr Chauffeur war ein Superstar. Elon Musk, der junge amerikanische Unternehmer, der als der wahre Tony Stark („Iron Man“) gilt, der darauf hinarbeitet, den Mars zu besiedeln, und schon seit Jahren Versorgungsraketen zur Internationalen Raumstation schickt, führte ihnen sein Elektroauto vor.

Das alles wird kein gutes Ende nehmen

Musk und Depp machten sich anschließend über den Polizisten lustig. Ihm habe „der Humor-Chip gefehlt“, scherzte Depp. Das ist, worum sich auch im Film alles dreht. Elon Musk sitzt tatsächlich im Publikum, als Johnny Depp in der Rolle des Computerforschers Will Caster vor Investoren sagt, er wolle den „Anker der Seele“ finden, um zu tun, „was Menschen schon immer versucht“ haben, nämlich ihre eigenen Götter zu erschaffen. Nur der Humor-Chip fehlt dem Computer noch. Um die künstliche „Superintelligenz“ zu entfesseln, gilt es, ein „fundamentales Rätsel des Universums“ zu lösen: „Stellen Sie sich eine Maschine mit menschlichen Emotionen vor. Ihre analytische Kraft wäre größer als die gesamte Intelligenz aller Menschen, aller Zeiten.“

In dieser Szene durchschreitet Will Caster die Grenze zur Wirklichkeit nicht nur wegen Musk im Kinobild. Er erinnert auch an den Auftritt des Google-Chefs Larry Page bei der hauseigenen Entwicklerkonferenz „Google I/O“ vergangenes Jahr. Damals ging es noch nicht um computerisierte Gefühle, aber schon um die Verfügbarkeit und Vernetzung alles menschlichen Wissens. Wenige Monate zuvor ernannte Google Ray Kurzweil zum „Director of Engineering“, um Mensch und Maschine auf Kollisionskurs zu bringen. Daran knüpft der Film an: „Manche“, sagt Will Caster mit Blick auf die Forschung Ray Kurzweils, „nennen es Singularität. Ich nenne es Transzendenz.“

Während in der wirklichen Welt die Forschung zur künstlichen Intelligenz intensiv und die öffentliche Debatte darüber zaghaft geführt werden, schöpft der Film aus dem Vollen und legt gleich zu Beginn fest, dass alles kein gutes Ende nimmt. Noch bevor Will Caster auf die Bühne geht, lässt Drehbuchautor Jack Paglen uns fünf Jahre in die Zukunft blicken. Zur Selbstverteidigung gegen Will Casters Computerintelligenz blieb der Menschheit nur der Kill Switch, die Entnetzung der Welt und der weitestgehende Verzicht auf Elektrizität.

Waghalsiger Seelen-Upload

Ist das überzogen? Durchaus. Ohne eingeschalteten Humor-Chip, mit dem sich die Ungereimtheiten im Plot hinnehmen lassen, lässt sich dieser Film von Beginn an als absurd und übertrieben kritisieren. So einfach ist es aber nicht. Wie dessen Protagonisten nutzt er lediglich seine Möglichkeiten.

„Transcendence“ spielt beispielsweise über weite Strecken in einer Solarfarm im amerikanischen Niemandsland. Die größte Anlage dieser Art nahm ausgerechnet Google Anfang des Jahres in der Mojave-Wüste in Betrieb. Ihre Energie reicht für rund 140 000 Haushalte oder, wie im Film, für ein Datenzentrum. Der energiehungrige Supercomputer Pinn (Physical Independent Neural Network) arbeitet in Bunkern unter dem Kraftwerk. Dort überschlägt sich der technische Fortschritt: Weil Quantencomputer bereits erfunden sind, ist die Entwicklung von autonomen Nanorobotern ein Kinderspiel.

Diese Miniroboter spielen mit Atomen Lego. Die Vernetzung der Welt ist ohnehin ein Selbstläufer. Hinzu kommt, dass Will Caster recht früh stirbt und ausgerechnet sein kluger Geist in der Maschine weiterlebt. Das war zumindest die Hoffnung, mit der Evelyn (Rebecca Hall) den waghalsigen Seelen-Upload ihres im Sterben liegenden Geliebten vornahm. Der Film wird von hier an seinem Titel gerecht: Intelligent Design ist plötzlich nur noch eine handwerkliche Herausforderung, der sich der lernende, fühlende und selbstbewusste Computer mit Ehrgeiz annimmt.

Kalifornische Technologieunternehmen und ihre heroischen Chefs

Dass Wally Pfister hierbei das erste Mal Regie führte, bemerkt man nicht. Es kommt vor allem auf die Bilder an, für die Pfister schon als Kameramann von Christopher Nolan (alle Filme von „Memento“ über die „Batman“-Trilogie zu „Inception“) die Verantwortung trug. Er zeigt Evelyn, die mit einem Computer lebt, weil sie ihn liebt. Er inszeniert den virtuellen Will Caster als sterilen Glasbau ohne bunte Kabel oder blinkende Leuchtdioden, dafür mit Roboterarmen und Brutkästen. Warum sollte es nicht so aussehen, wenn Normalsterbliche an die Google-X-Labore denken, auch wenn es in ihnen dann doch ganz profan zugeht? Dieser Film orientiert sich zwar am intellektuellen und ethischen Diskurs, führt aber einen ästhetischen. Die Nachlässigkeiten im einen sind die Stärken im anderen.

An der Oberfläche ist „Transcendence“ über weite Strecken ein Zombiefilm im Wüstenstaub. Unter der Erde spielt er dagegen orientierungslos im Weltraum, als hätte sich Paglen auf die Mission begeben, die Star-Trek-Magie zu entziffern. Es geht um den allwissenden, omnipräsenten Computer, der nie um eine Antwort verlegen ist und der ganz selbstverständlich aus Luftmolekülen die phantastischsten Dinge kreiert, beispielsweise lebendige Menschen.

Und das alles soll mit Verweis auf echte kalifornische Technologieunternehmen und ihre heroischen Chefs erzählbar sein? Warum nicht? Gerade die Unternehmen, die ihre modernen Transparenzforderungen mit großen Heilsversprechen verknüpfen - Apple, Samsung, Google, Facebook - arbeiten im Heimlichen und Verschwiegenen. Jeder Versuch, über sie zu diskutieren, ruht auf zwangsläufig falschen Vorstellungen. Das hat Christopher Nolan, diesmal als Filmproduzent, als Einladung verstanden.

Gier, Gewalt, Kreativität und Zerstörung

Zum Pinn-Datenzentrum pilgern alsbald die Kranken und Gebrechlichen. Der Computer heilt alles und jeden, aber die körperliche Unversehrtheit hat ihren Preis. Auf der einen Seite wird hier die Abhängigkeit menschlicher Gehirne von vernetzten Geräten beschrieben, auf der anderen Seite wurde endlich der Idealtypus des Filmzombies modernisiert. Man kann sich fast aussuchen, was man in all den Szenen sieht. Wann immer im wahren Leben über Gesichtserkennung, Drohnenlivebilder, Profiling und künstliche Intelligenz diskutiert wird, geht es um die Grenzen dessen, was Menschen verstehen und akzeptieren.

Die „creepy line“, die im Alltag Schritt für Schritt verschoben wird - der Mensch nimmt die Digitalisierung hin wie der Frosch das noch nicht kochende Wasser -, überspringt der Film mit Anlauf. Nicht einmal das Wasser ist vor der technischen Invasion sicher. Am Ende steht der Vorwurf der Maschine an den Menschen: „Du hast dich verändert!“ Und das ursprüngliche Mysterium degeneriert zur Nichtigkeit: „Emotion ist nichts als Biochemie!“ Ist die Maschine also doch dumm, kann sie super detektieren, aber überhaupt nicht denken?

Interessant macht den Debattenbeitrag „Transcendence“ auch der Zufall. In dieser Woche erscheint in Deutschland auch „The Machine“ direkt auf DVD. Abermals nahm sich ein eher unerfahrener Regisseur und Autor, Caradog James, der Fragen an. Nur heißt es diesmal, es sei ein großer Fehler, Maschinen für ein bisschen dümmer zu halten, als sie wirklich sind. Wieder geht es um einen Forscher (Toby Stephens), dem aus medizinischer Not Erfindungen gelingen, die ihn stellvertretend für die Menschheit vor die Frage stellen, ob es sich auszahlt, fühlende Maschinen zu entwickeln, nur weil die technischen Möglichkeiten es erlauben, Leben zu erschaffen.

Das cineastische Experiment unterscheidet sich darüber hinaus nur in der Ästhetik. Entsprechend gewaltig ist die thematische Spannbreite, die beide Filme abdecken. Sie handeln von Gier, Gewalt, Kreativität und Zerstörung, ohne dass die Maschinen die Menschen von der Aufgabe befreien, zu erkennen oder zu entscheiden, wann etwas zu weit geht.

Quelle: F.A.Z.
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