Sex-Ratgeberin Ruth Westheimer

Lust kann sehr lustig sein

Von Andreas Platthaus
27.08.2020
, 10:52
Ein Meter vierzig geballte Weltzugewandtheit im Kino: Der amerikanische Dokumentarfilm „Fragen Sie Dr. Ruth“ stellt die Sexualtherapeutin einer ganzen Nation vor.

Nachdem Ryan White die siebenteilige Fernsehdokumentation „The Keepers“ über einen Missbrauchsfall in der katholischen Kirche von Maryland, der 1969 bis zum Mord an einer Nonne geführt haben soll, fertiggestellt hatte, wünschte er sich als nächstes Projekt etwas Erfreulicheres. Der 1982 geborene Filmemacher erinnerte sich an eine lustige Stimme aus den Talkshows seiner Kinderzeit, die mit stark deutschem Akzent über Dinge gesprochen hatte, über die er offenbar nichts wissen durfte: Sobald die Stimme erklang, wurde ausgeschaltet.

Später erfuhr er, dass es sich dabei um die Soziologin Ruth Westheimer gehandelt hatte, und er verstand auch, was seine Eltern vor ihm verborgen hatten halten wollen: Dr.Ruth, wie die resolute Dame allgemein genannt wurde, war seinerzeit die erfolgreichste Sexualberaterin der Vereinigten Staaten, mit eigenen Sendungen in Rundfunk und Fernsehen (die allerdings bevorzugt spätnachts liefen, um Kinder wie Ryan nicht zu verstören).

Akademiker verstehen offenbar etwas von den Genüssen des Lebens. Was in Deutschland seit 1970 Dr. Sommer in der Jugendzeitschrift „Bravo“ war, das wurde Dr. Ruth zehn Jahre später in den Vereinigten Staaten: die große landesweite Instanz in Sachen Sex. Nur dass Dr.Sommer ein verdruckstes Pseudonym war, unter dem da wissenschaftlich verbrämte paternalistische Doktorspielchen getrieben wurden, während Dr. Ruth ebenso offen auftrat, wie sie redete. Als sie 1984 nach vier Jahren Radio-Erfolg mit der Sendung „Sexually Speaking“, die sie in alle Ohren gebracht hatte, auf den Bildschirm wechselte und so vor alle Augen trat, war das Erstaunen groß, denn diese Frau, die da freimütig Rat zu Lust und Lastern erteilte, war bereits Mitte fünfzig und gerade einmal 1,40 Meter groß.

Als White dann seinen Dokumentarfilm „Fragen Sie Dr. Ruth“ (so hieß Westheimers bis 1990 laufende Fernseh-Show) drehte, ging sie mittlerweile auf die neunzig zu, hatte aber nichts an Feuer und Witz verloren. Es ist unglaublich, ihr nicht nur in Archivaufnahmen, sondern auch noch im Urgroßmutteralter dabei zuzuhören, wie sie Fragen zu jeglichen Sexualpraktiken beantwortet, als hätte es nie ein Tabu darum gegeben. Dabei fiel ihr Aufstieg zur Therapeutin einer ganzen Nation in die reaktionären Reagan-Jahre und verlief parallel zur Aids-Hysterie. Sie verabreichte ihren Zuschauern das Antidot zu beidem: Was Ruth Westheimer mit ihrer liberalen Grundeinstellung für Libertins aller Spielarten, aber noch mehr für verklemmt oder verborgen Liebende bedeutet haben muss, kann man nach den hundert Minuten von Whites Film ahnen.

Wobei dieser Film nur insoweit gesellschaftspolitisch sein will, als er zeigt, was den amerikanischen Traum für eine solche Frau ausmacht: eine 1928 in Hessen geborene Jüdin, die mit einem Kindertransport in die Schweiz entkam, während ihre Eltern ermordet wurden, und die dann erst in Israel und Frankreich heimisch werden wollte, ehe sie mit Ende zwanzig in die Vereinigten Staaten kam, um dort Soziologie zu studieren.

Als sie den Doktortitel erwarb, der ihr Markenzeichen werden sollte, was sie schon über vierzig, aber selbst danach schlug sie sich erst einmal als Mitarbeiterin von Familienberatungsstellen durch. Ihr Radio-Engagement erhielt sie nach einem Vortrag über die Notwendigkeit medialer Aufklärung über Verhütungsmethoden. Sie jedoch sollte dann zur Aufklärerin über Vergnügungsmethoden werden.

Whites Film begleitet Ruth Westheimer aber auch auf die Nachtseiten ihres Lebens, reist mit ihr in die Schweiz und nach Israel, doch selbst beim Erzählen vom Schlimmsten, was ihr widerfahren ist, verliert diese Frau nie ihre Weltzugewandtheit. 2007 nahm sie zusätzlich zur amerikanischen die deutsche Staatsangehörigkeit wieder an, die ihr die Nazis genommen hatten, 2019 bekam sie das Bundesverdienstkreuz. Wenn Ruth Westheimer durch Ryans Dokumentation hierzulande nun auch breite Anerkennung fände, wäre das eine große Freude. Dass der deutsche Verleih eine synchronisierte Fassung gar nicht erst anbietet, ist es auf jeden Fall. Das wäre sonst ja auch wie beim Sex: Wenn da nicht authentisch agiert wird, hat man bestenfalls den halben Spaß.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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