Woody Allen-Video-Filmkritik

Leichte Schauer, freier Blick

Von Maria Wiesner
Aktualisiert am 04.12.2019
 - 13:03
„A Rainy Day in New York“ variiert Motive, die man von seinem Regisseur schon lange kennt. Neu ist, was Selena Gomez und Elle Fanning aus ihren gar nicht so Woody-Allen-typischen Frauenrollen machen.

Vom Vorwurf, er drehe immer wieder den gleichen Film, wird auch „A Rainy Day in New York“ Woody Allen nicht befreien. Sein neuester bietet aber eine interessante Variation des Dauerthemas „angeknackste Seelen in schwierigen Konstellationen“, bei der sich die Frauenfiguren überraschend emanzipieren.

Gatsby Welles (Timothée Chalamet), Sohn einer reichen Familie aus New York, will mit seiner Freundin Ashleigh ein Wochenende in Manhattan verbringen. Sie hat dort einen Interviewtermin mit einem berühmten Regisseur (katergrummelig von Liev Schreiber gespielt). Gatsby malt sich zwei perfekte Tage voller Romantik aus und macht dabei schon den ersten Fehler: Auf die Idee, Ashleigh nach ihren Interessen zu fragen, kommt er nicht, denn in dieser Beziehung hält er sich für das verkannte Genie und nimmt seine Freundin, die Elle Fanning mit atemloser Überdrehtheit gibt, nicht ernst.

Während Ashleigh ihr Interview führt, schlendert Gatsby durch die Straßen seiner Heimatstadt. Ashleighs Termin führt sie in den Irrsinn der Filmindustrie, Gatsby trifft derweil allerhand Bekannte. Darunter einen Schulfreund, der einen Independent-Film dreht. Gatsby willigt ein, ihm als Statist auszuhelfen, und findet sich kurz darauf in einem Auto mit Chan (Selena Gomez), die er für den Indie-Streifen küssen soll. Der Kuss wirft ihn gehörig aus der Bahn.

Klingt alles nach klassischem Woody-Allen-Plot? Ist es bis zu diesem Punkt auch. Sämtliche Figuren, denen Gatsby und Ashleigh auf ihrer Odyssee durch Manhattan begegnen, sind Klone der Figuren, die man bereits aus anderen Allen-Werken kennt: der Regisseur in der Midlife-Crisis auf der Suche nach einer (jungen, hübschen, leicht naiven) Muse; der eifersüchtige Agent, der vermutet, dass seine Frau eine Affäre hat, und deshalb seinen Job vernachlässigt; der Hollywood-Beau, der denkt, die junge Studentin wäre leicht zu verführen. Und natürlich ist da die Figur des neurotischen Gatsby, die Allen in seinen früheren Filmen selbst gespielt hätte. Für Chalamet ist es, wie für viele seiner Vorgänger in dieser Funktion, eine Herausforderung, nicht der Versuchung zu unterliegen, Allen plump zu kopieren. Wenn Chalamet zu Beginn des Films im Tweed-Jackett mit leicht krummem Rücken auf einer Bank neben Fanning sitzt, erinnert das schon sehr an Allens Alvy Singer in „Der Stadtneurotiker“ (1977). Chalamet imitiert ihn bis hin zu den fahrigen Handbewegungen. Im Laufe des Films gelingt es ihm aber, sich zu befreien und etwas Eigenes zu erfinden.

Es hilft, dass er dabei Selena Gomez zur Gegenspielerin hat. Wenn man ihren Namen schön geschwungen im Vorspann liest, mag man kurz Angst bekommen, sie könnte nur schmückendes Beiwerk sein wie zuletzt in Jim Jarmuschs „The Dead Don’t Die“. Sobald sie aber vor dem Kuss im Auto ihren ersten Satz sagt, wird klar, dass Chalamet sich Mühe geben muss, mitzuhalten. Es ist vor allem ihre Figur Chan, die den Film interessant macht, denn sie ist nicht eine jener Allen-Frauen, die leicht verwirrt und immer beeindruckbar, gern blond und leicht pausbäckig, durch den Film stolpern und dankbar die Weisheiten eines geistreichen älteren Mannes aufnehmen.

Einer der Standardkonflikte in Allens Beziehungsdramen oder -komödien ergibt sich aus dieser Konstellation. Für gewöhnlich beginnt die junge naive Frau sich irgendwann weiterzubilden, zumeist angestachelt von den guten Zusprüchen und/oder der Herablassung des intellektuellen Freundes. Während sie also selbst zu denken beginnt, erkennt sie, dass sie es nicht nötig hat, sich kleinhalten zu lassen, und verabschiedet sich aus der Beziehung. Das zum Leben erweckte Werk verlässt den Meister, diesen Handlungsstrang findet man vom „Stadtneurotiker“ über „Whatever Works“ (2009) bis hin zu „Irrational Man“ (2015). Allen, so scheint es, arbeitet sich nicht nur an seiner Bewunderung für Ingmar Bergman ab, sondern auch an George Bernard Shaws „Pygmalion“, besser bekannt als Filmadaption namens „My Fair Lady“. Die Figur der Chan ist da eine wohltuende Ausnahme. Selbstbewusst rüttelt sie an Gatsbys Weltbild, bleibt unbeeindruckt von seinen klugen Sprüchen und führt ihm vor Augen, dass er es sich als Opfer seines Privilegs, mit zu viel Geld geboren zu sein, sehr bequem gemacht hat und anderen dafür die Schuld gibt, dass er ambitionslos durchs Leben wankt. Chan ist die Erwachsene, er muss ihr ebenbürtig werden.

Die Kameraarbeit kommentiert die Handlung zusätzlich

„A Rainy Day in New York“ gehört aber nicht nur aufgrund von Drehbuch und Besetzung zu den besseren Allen-Filmen der vergangenen Jahre. Interessant macht ihn auch die Kameraarbeit von Vittorio Storaro, mit dem Allen hier zum dritten Mal dreht. Der gebürtige Italiener hat im Laufe seiner Karriere drei Kamera-Oscars bekommen und war unter anderem für die farbgewaltige Geometrie der Massenszenen in Bertoluccis Historiendrama „Der letzte Kaiser“ verantwortlich. Er kam auch auf die Idee, dass das Napalmbombenfeuer in Coppolas „Apocalypse Now“ vor dem Hintergrund grüner Palmenreihen besonders aggressiv wirken würde. Sein Zugang zu Beleuchtung und Farbgebung ist psychologisch, seine Kameraarbeit kommentiert die Handlung zusätzlich.

In „A Rainy Day in New York“ unterscheiden Beleuchtung und Farbtemperatur die Figuren. Manhattan ist bevölkert von Gestalten, die sich in unrealistischen Traumwelten bewegen und sich verhalten, als hätten ihre Handlungen keine Konsequenzen, rücksichtslos ziehen sie andere Menschen in ihre Probleme hinein. Storaro markiert sie mit einem goldenen Herbstlicht, wie es nur im Studio entstehen kann. Es umspielt Fannings Haarsträhnen beim Interview mit dem Midlife-Crisis-Regisseur und umflirrt die Gäste einer Dinnerparty bei Gatsbys Eltern. Das goldene Licht, in dem sich auch der verwöhnte Gatsby bewegt, bricht zum ersten Mal beim Kuss mit Chan. Während sich ihre Lippen berühren, beginnt es zu regnen. Wo sonst der Zauber der Verliebtheit weichgezeichnet wird, bricht er hier als harsche Realität die Tür des goldenen Käfigs auf. Das Licht ist härter und kälter, gibt den Gesichtern Kanten und Schatten, macht sie realistischer.

Gatsby wandert von nun an zwischen beiden Lichtwelten. Geht in die golden ausgeleuchteten Hotelbars, in denen er seiner Freundin Jazz am Klavier vorspielen wollte, und läuft durch den Regen, der die Illusionen, die er sich vom Leben gemacht hat, langsam abwäscht. In welcher dieser Welten er leben will, muss er am Ende im Regen unter einer Uhr im Central Park entscheiden. Allen schafft es, dass man dieser Entscheidung, obwohl sie an ein quasiheroisches Klischee grenzt, doch entgegenbangt. Auch das macht den Film zu einem der besseren in seinem Spätwerk.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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